Monte Nostrum ist der nächste Geniestreich von Riesling-König Wilhelm Weil und seinem Team. Der Wein stammt aus der »coolsten« Lage des Kiedricher Bergs, den höchsten und kühlsten Parzellen oben am Bergkamm, noch oberhalb des Gräfenbergs und Turmbergs am Waldrand gelegen. Am westlichen Ende dieses Bergzuges steht der noch heute erhaltene Bergfried des ehemaligen castellum nostrum, eine Hochburg, die die Mainzer Bischöfe 1160 dort errichten ließen. Der Ansitz war als eine Art »Wachturm« für die bereits damals urkundlich erwähnten Crus Turmberg und Gräfenberg gedacht, deren Trauben schon damals von hohem Wert waren. Die Lage am Bergkopf und in direkter Waldnähe macht den Monte Nostrum zu Weils wohl kühlster Lage. Die kargen Phyllit-Schieferböden sind dem spannungsreichen Turmberg nicht unähnlich, aber es ist die noch kargere Terroirausrichtung, eben auch durch die Höhenlage. Selektive Handlese in mehreren Durchgängen, die sich von Anfang bis Mitte Oktober gezogen haben. Dann folgt eine kurze Standzeit auf den Schalen und langsames Pressen. Die spontane Vergärung und der Ausbau finden für 12 bis 18 Monate in Doppelstückfässern aus heimischer Eiche statt. Schon die Nase fasziniert mit ihrer kristallklaren Erscheinung. Eine Aromenwelt so klar wie ein Alpensee! Der 2023er Monte Nostrum ist atemberaubend und hat mich vom ersten Schluck an gepackt. Für mich nochmal deutlich dramatischer und kühler in der Auslegung als 2022. Ein Ausbund an Agrumenzesten birst aus dem Glas, sehr viel pinke Grapefruit, Orangenöl, frische Alpenkräuter, das Ganze in einer berauschend straffen, saftigen Art miteinander verwoben. Ein Riesling so gerade wie ein Laserstrahl, fokussiert ohne Ende. Ganz hinten ein Anflug schwarzer Johannisbeere und feiner Schieferwürze mit weißem Pfeffer. Der rauchig-graphitige Charakter, wie ihn auch der Turmberg hat, kommt sehr schön durch. Und wenn dann der Mundeintritt kommt, sollte man sich nicht nur gut festhalten, sondern auch anschnallen. Wahnsinnig konzentriert in der Frische, alle Papillen werden einmal gegen den Strich gebürstet. Die Aromen aus der Nase überschlagen sich im Mund nochmal in rasanter Geschwindigkeit. Ein genial geschliffener Bergwein aus Kiedrich, kühl, seidig und doch mit genau dem richtigen Maß an steinig-herbem Grip. Das Ganze spult sich am Gaumen mit einer solchen Dynamik ab, dass man fast aus der Kurve getragen wird. Der Wein ist bei all seiner Elektrizität und Kühle, aber auch stets mit dem Weil'schen Leckergen ausgestattet, mit dieser seidig-hefigen Struktur von weißem Pfirsich und warmem Brioche. Er hat trotz aller Spannung etwas Umarmendes und Entspanntes an sich. Totaler Trinkfluss und unanstrengender Charme, die Säure des Riesling bleibt wunderbar hintergründig als Frische, aber niemals aufdringlich. Lecker ist hier Trumpf! 2023 ist einfach so genial balanciert, für mich das beste Jahr seit 2019, sogar aromatisch köstlicher, weil einfach alles passt. Das ist Rheingauer Bergwein vom Allerfeinsten – auch wenn er mit dem Monte Vacano einen noch beeindruckenderen, vor allem kraftvolleren großen Bruder hat, spielt der sensationell aromatische und finessenreiche Monte Nostrum im großen Jahr 2023 annähernd mit der Perfektion.