Henschke hat sich über sechs Generationen hinweg einen großen Namen in der australischen Weinwelt gemacht, denn der Familienbetrieb erzeugt mittlerweile seit über 150 Jahren Weine von Weltformat im südaustralischen Eden Valley. Die Geschichte scheint beinahe unglaublich, denn jede Generation hat bedeutend zum heutigen Erfolg beigetragen. Selbst wenn man schon zu Beginn des Lesens der Historie ins Staunen gerät und sich bei dem Gedanken ertappt, dass genau die Generation, um die es da gerade geht, wohl allesentscheidend für den heutigen Erfolg war, stellt man schon im nächsten Abschnitt fest, dass auch der nächsten Generation wieder Verbesserungen des bereits Bewährten oder gar noch größere visionäre Neuerungen gelungen sind. Dazu später mehr!
Biodiversität und Erhaltung der besten Klone
Das Familienweingut Henschke steht für eine großartige, harmonische Symbiose aus Weinberg und Keller. Dank eines 1986 von Prue Henschke gestarteten Selektionsprogramms besitzt die Familie Henschke sogar eine eigene Rebschule mit den genetisch wertvollsten Spitzenklonen des Weinguts. Falls also einmal ein historischer Rebstock abstirbt, wird er behutsam durch ein exaktes genetisches Abbild aus dieser eigenen Aufzucht ersetzt. Prue hat eine große Leidenschaft für Botanik und war zudem maßgeblich daran beteiligt, das Weingut Henschke zur biodynamischen Arbeit hinzuführen und so in den Weinbergen eine besonders beeindruckende Biodiversität zu ermöglichen. Gezielt gepflanzte heimische Wildblumen zwischen den Rebzeilen locken Nützlinge an, die Schädlinge auf biologische Weise regulieren.
Die biodynamische Bewirtschaftung beinhaltet den Einsatz von kompostiertem Traubentrester, Molke und speziellen Präparaten wie dem Kuhmist-Kompost. Dieser wird in fließendem, energetisiertem Wasser belebt und im Frühjahr viermal ausgebracht. Das Präparat 501 (Hornkiesel) – fein gemahlener Bergkristall, der im Kuhhorn vergraben wurde – wird als Sprühnebel über den Reben verteilt. Die Siliziumkristalle wirken wie winzige Prismen und reflektieren das Licht tiefer in die Laubwand. So kurbeln sie die Photosynthese an.
Im Keller der Familie Henschke
Im Keller gehen Stephen Henschke und mittlerweile auch sein Sohn Johann seit jeher einen minimalinvasiven Weg. Der Charakter der jeweiligen Lage soll kompromisslos im Vordergrund stehen. Das heißt konkret, dass die perfekt ausgereiften Trauben offen in Betontanks mit wilden Hefen aus den eigenen Weinbergen vergoren werden. Während der Gärung werden die Traubenschalen sanft durch Holzbalken unter der Oberfläche gehalten, um die Tanninextraktion zu minimieren. Der Ausbau erfolgt zum großen Teil in französischer Eiche, statt der ansonsten in Südaustralien weit verbreiteten Amerikanischen Eiche, die deutlich aromatischer ist. Alle Weine werden unfiltriert und ungeschönt mit dem minimal notwendigen Schwefelgehalt abgefüllt und zum Erstaunen vieler werden selbst die exklusiven Rotweine mit Schraubverschluss verschlossen. Australien kam –historisch gesehen – nur schwer an die beste Korkqualität heran, daher sind Schraubverschlüsse hier bereits seit Jahrzehnten geschätzte Qualitätsgarantie und somit Gang und Gäbe.
Die ersten Shiraz-Stecklinge wurden im 19. Jahrhundert von europäischen Siedlern aus der berühmten Region um Hermitage an der Rhône in Frankreich mitgebracht.
Diese Weinberge zählen zu den ganz großen Ikonen der Weinwelt – Hill of Grace
Die ersten Shiraz-Stecklinge wurden im 19. Jahrhundert von europäischen Siedlern aus der berühmten Region um Hermitage an der Rhône in Frankreich mitgebracht. Heute sind sie ein lebendiges, genetisches Weltkulturerbe und ein berührendes Mahnmal jener europäischen Weinbautradition, die Ende des 19. Jahrhunderts durch die Reblauskatastrophe fast vollständig vernichtet wurde.
Die Hälfte des Weinbergs »Hill of Grace« ist mit Shiraz bestockt und in acht präzise parzellierte Blöcke aufgeteilt. Für das gleichnamige Flaggschiff, den »Hill of Grace Shiraz«, werden ausschließlich Trauben der sechs ältesten Blöcke verwendet. Diese jahrhundertealten »Ancestors« sind die magische Essenz des einzigartigen Terroirs. Monumental, beeindruckend, knorrig und majestätisch – die ältesten Stöcke sind über 155 Jahre alt und werden liebevoll »The Grandfathers« genannt.
Die Ernte der sechs Blöcke erfolgt streng getrennt und exakt auf den Punkt der perfekten physiologischen Reife abgestimmt. Die Reben werden hier komplett ohne künstliche Bewässerung bewirtschaftet, was den Pflanzen die Kraft gibt, eine vollkommene Balance mit der Natur zu finden. Der Boden ist von einer feinen Schicht aus braunem, sandig-schluffigem Lehm geprägt, die über tiefen, roten, tonreichen Lehmböden liegt. Diese Böden können ihre Feuchtigkeit perfekt bis in eine Tiefe von 1,5 Metern speichern, was die alten Stöcke optimal unterstützt. Allerdings liefern sie schon aufgrund ihres Alters nur extrem geringe Erträge winziger, hocharomatischer Beeren von unvergleichlicher Dichte und Komplexität. Dieses einzigartige Grundmaterial verleiht dem »Hill of Grace« seine weltberühmte Eleganz, Intensität und noble Finesse. Traditionell wird der »Hill of Grace« immer rund um den Vollmond an Ostern von Hand gelesen.
Auf den restlichen vier Hektar Rebfläche des Hill of Grace wachsen übrigens Riesling, Semillon und Mataro (Mourvèdre). 2001 kreierte die Familie aus den jüngeren Reben der hauseigenen Rebschule den »Hill of Roses«. 2008 folgte dann der »Hill of Faith Mataro« und 2012 der erste »Hill of Peace Semillon«. Diese – allein schon aufgrund der überschaubar kleinen Anbaufläche – raren Einzellagen-Weine werden ausschließlich in absoluten Spitzenjahren separat ausgebaut.
1989 startete Prue Henschke ein Experiment mit dem Scott-Henry-Erziehungssystem. Die Qualitätssteigerung war so immens, dass heute mehr als drei Viertel des gesamten Weinbergs auf das System umgestellt sind.
Mount Edelstone
Der »Hill of Grace« ist mit Sicherheit die berühmteste Einzellage Australiens. Aber der historische Vorreiter der beiden großen Einzellagen ist der »Mount Edelstone«! Geologisch gesehen ruht der Weinberg auf feinen, sandigen Lehmböden, die über tiefem, kiesigem, rotem Ton liegen. Die Lage verfügt über einen hervorragenden Wasserspeicher für trockene Phasen, den die Reben im heißen Südaustralien auch immer wieder dringend benötigen. Unter den roten Tonböden liegt kambrischer Schiefer, also metamorphisierte, mineralreiche Sedimente, die einst in einem Urmeer abgelagert, in großer Tiefe komprimiert und schließlich an die Oberfläche gedrückt wurden, wo sie zu einer dicken, nährstoffreichen Bodenschicht verwitterten.
Ebenso wie im »Hill of Grace« wachsen auch hier heimische Gräser zwischen den Rebzeilen. 1989 startete Prue Henschke ein bahnbrechendes Experiment mit dem Scott-Henry-Erziehungssystem auf zehn »Testzeilen«, bei dem die Triebe sowohl nach oben als auch nach unten erzogen werden. Dies maximierte die Sonneneinstrahlung auf Blätter und Trauben, steigerte die Farb- und Aromenkonzentration der Beeren und optimierte die Tanninreife durch deutlich mehr Photosynthese. Dadurch können hier perfekt ausgereifte Trauben früher gelesen werden, das heißt also bei gleichzeitig noch hervorragend erhaltenen, frischen Säurewerten. Die Qualitätssteigerung war so immens, dass heute mehr als drei Viertel des gesamten Weinbergs auf das Scott-Henry-System umgestellt sind. Der Rest der Lage ist noch mit dem ursprünglichen, circa einen Meter hohen System bestockt.
Eden Valley Vineyard
Dieser Weinberg liegt im kühleren, zentralen Teil der Mount Lofty Ranges, direkt oberhalb des Barossa Valley. Auch hier sind die Reben wurzelecht und werden weitgehend ohne künstliche Bewässerung bewirtschaftet. Nur in extrem trockenen Jahren wird eine Tröpfchenbewässerung aktiviert, um den Stoffwechsel der Reben aufrechtzuerhalten. Mit einem großzügigen Pflanzabstand von 3,4 Metern zwischen den Reihen und 2 Metern zwischen den Rebstöcken müssen die einzelnen Stöcke nicht so stark um die knappen Wasserressourcen kämpfen. Laufende Klonstudien für Semillon und innovative Ansätze zur Bekämpfung der Eutypiose sichern und verlängern das Leben der kostbaren alten Rebstöcke. Der Boden hier ist ein komplexes Mosaik aus sandigem Lehm über Kies, Schiefergestein und rotem Ton, was für eine hervorragende Drainage sorgt.
Lenswood Vineyard
Die Cool-Climate-Weine aus Lenswood sind für ihre kristallklare Frucht und ihre vielschichtige Aromenintensität berühmt. Die deutlich langsamere Reifung in dieser Höhenlage bewahrt die präzise und lebendige Säure, die den Weinen ihre harmonische Ausgewogenheit und ein schier endloses Reifepotenzial verleiht.
Mit dem Jahrgang 2025 konnten alle Rebsorten in Lenswood erstmals seit dem Feuer wieder vollständig geerntet werden.
2019 fiel die Lage leider einem verheerenden Buschfeuer zum Opfer, aber bereits zwei Wochen nach der Katastrophe brachte ein großer Regen die Wende, und die ersten zarten grünen Triebe sprossen in kürzester Zeit wieder aus der Asche. Die Brandschäden wurden akribisch beseitigt, neue Pfähle gesetzt und die jungen Triebe liebevoll an frischen Drähten erzogen. Mit dem Jahrgang 2025 konnten alle Rebsorten in Lenswood erstmals seit dem Feuer wieder vollständig geerntet werden. Von hier stammen Riesling, Grüner Veltliner, Gewürztraminer, Chardonnay, Pinot Noir, Merlot und Cabernet Sauvignon.
Die atemberaubende Winzergeschichte der Familie Henschke
Johann Christian Henschke wanderte 1841 aus dem schlesischen Kutschlau in die Adelaide Hills in Südaustralien aus. Wenig später erwarb er zunächst 70 Morgen Land im beschaulichen Barossa-Valley-Örtchen Krondorf, bevor er 15 Jahre später weitere 80 Morgen im »North Rhine District« – dem heutigen Keyneton – kaufte. Dort befindet sich bis heute der historische Famisiensitz der Henschkes. Der gelernte Steinmetz bepflanzte in den 1860er-Jahren eine erste Parzelle mit Reben im Eden Valley. Die ersten 1.360 Liter der Jahresproduktion an Henschke-Wein wurden offiziell jedoch erst 1868 verkauft.
Die zweite Generation, Paul Gotthard Henschke, übernahm den Betrieb seiner Eltern im Jahr 1873 und vergrößerte das Weingut jedes Jahr – nach seinen Möglichkeiten – ein wenig. 1891 erwarb er ein Stück Land mit jungen Reben nahe der Gnadenberg-Kirche und legte mit diesem intuitiven Glücksgriff das Fundament für den mittlerweile legendären Weinberg »Hill of Grace«. Gotthard was zudem über viele Jahre der leidenschaftliche Organist dieser Kirche und gründete 1888 mit der »Henschke Family Brass Band« die erste Blaskapelle des Bezirks. Nach seinem alten Blasinstrument, das sich immer noch im Familienbesitz befindet, ist der berühmte Shiraz-Bordeaux-Blend »Keyneton Euphonium« benannt.
Die dritte Generation, Paul Alfred »Alf« Henschke, übernahm den Hof 1914 und änderte die Philosophie des Betriebs von der damals üblichen gemischten Landwirtschaft hin zu einem reinen Fokus auf den Weinbau. Zudem erweiterte er den ursprünglichen Steinkeller und installierte moderne Gärtanks aus Backstein und Zement sowie unterirdische Lagertanks, um die Qualität der Weine zu optimieren.
Die vierte Generation, Cyril Alfred Henschke, übernahm das Weingut 1950. Er erkannte den globalen Trend weg von den aufgespriteten, portweinähnlichen Weinen, die bis dahin besonders in Australien gefeiert wurden, hin zu klassischen Rotweinen und fokussierte sich fortan auf die Erzeugung feiner, trockener Stillweine. Gemeinsam mit seinem Bruder Louis baute er den neuen Gärkeller sowie unterirdische – und somit kühle – Tunnel für die Flaschenreife. Bereits Mitte der 1950er-Jahre galt Cyril als visionärer Pionier des separaten Ausbaus von Einzellagen in Australien. Sein unsterbliches Vermächtnis ist die Erschaffung der beiden legendären Ikonen »Mount Edelstone« und »Hill of Grace« – zwei Shiraz-Monumente, die den Weinbau Australiens für immer neu definiert haben. 1975 gehörte Cyril zudem zu den Gründungsmitgliedern der »Barons of the Barossa«.
Henschke-Weine sind heute wie eh und je absolut ikonisch! Sie sind die Botschafter eines Terroirs, das sich durch eine geniale Biodiversität auszeichnet.
Die fünfte Generation, Stephen Carl Henschke, lernte seine Frau Prue 1973 an der Universität in Adelaide kennen – der Beginn einer großen, aufregenden und bewegten Liebesgeschichte. Er absolvierte ein naturwissenschaftliches Studium, während sie sich ihrer Leidenschaft für Botanik und Zoologie widmete. Anschließend zog es die beiden an die berühmte Forschungsanstalt für Weinbau nach Geisenheim im Rheingau, wo sie zwei Jahre lang gemeinsam wertvolle Studien- und Arbeitserfahrung sammelten. Zurück in Australien begannen sie, ihr önologisches Wissen anzuwenden und den Henschke-Keller mit den neuesten technologischen Entwicklungen zu revolutionieren. Die neu installierten Kühlsysteme hoben die Eleganz und Frische der Weißweine auf ein bis dahin unbekanntes Qualitätsniveau. Zudem wurde fortan auf feinste französische Eiche statt der damals in Südaustralien üblichen amerikanische Eiche gesetzt, um den Holzeinfluss dezent zu halten und die Frucht zu bewahren. Anfang der 1980er-Jahre erwarben Stephen und Prue zudem eine alte Apfelplantage in Lenswood – einer kühlen Spitzenlage in den Adelaide Hills –, um ihre in Deutschland erworbenen Kenntnisse im Cool-Climate-Weinbau in die Tat umzusetzen.
Henschke-Weine sind heute wie eh und je absolut ikonisch! Sie sind die Botschafter eines Terroirs, das sich durch eine geniale Biodiversität auszeichnet. Die sonnengereifte Frucht wird stets mit herausragender Säure harmonisch ausgeglichen. Dadurch wirken diese wollüstig samtigen Weine wie eine Umarmung, die niemals zu fest zudrückt. Chapeau für diese beeindruckende Familie!





