Absurder kann man die Geschichte von Moric kaum erzählen. Und gleichzeitig erklärt sie alles.
Roland Velich kämpft seit 25 Jahren für eine Idee von Blaufränkisch, die radikaler, leiser und größer ist als das, was lange Zeit im Burgenland als Rotwein-Ideal galt. Keine internationale Schminke, keine dicke Holzpolitur, keine süßliche Gefälligkeit. Stattdessen Herkunft. Alte Reben. Pannonische Herbheit. Spannung. Karge Böden. Zeit. Und der Versuch, Blaufränkisch nicht zu formen, sondern freizulegen.
„In diesem Wein fließen Kultur und Natur zusammen“, sagt Velich über seinen Blaufränkisch Alte Reben Lutzmannsburg 2023. „Er erzählt eine einzigartige Geschichte.“ Genau diese Geschichte wird international gefeiert. Und genau diese Geschichte darf in Österreich plötzlich nicht mehr auf dem Etikett stehen.
Denn ohne staatliche Prüfnummer darf Velich den Ort nicht nennen, an dem der Wein gewachsen ist. Nicht die Lage. Nicht die Region. Alles, wofür Moric steht, wird ausgerechnet bei einem der größten Weine des Weinguts unsichtbar gemacht. Velich bringt es auf den Punkt: „Stellen Sie sich vor, Romanée-Conti dürfte nur als ‚Wein aus Frankreich‘ verkauft werden – genauso ist das für uns.“
Das ist mehr als eine bürokratische Groteske. Es ist ein Kulturkampf im Glas. Auf der einen Seite steht ein Weinverständnis, das Sauberkeit, Norm und Wiedererkennbarkeit über Individualität stellt. Auf der anderen Seite stehen Winzer wie Roland Velich, die Wein nicht als technisches Produkt begreifen, sondern als lebendigen Ausdruck eines Ortes. „Unsere Weine sind lebendig, also auch zum Teil unberechenbar, weil Wein ein lebendiges Wesen ist“, sagt er. Und genau diese Lebendigkeit scheint im System zum Problem zu werden.
Velich spricht offen von der Industrialisierung des österreichischen Weinbaus. Von Weinen, die schmecken, wie der Markt es verlangt. Von stabilen, berechenbaren Geschmacksmustern. Von Kellertechnik, Reinzuchthefen, Schönungsmitteln und stilistischer Glättung. Alles legitim, sagt er. Aber fatal wird es, wenn genau dieses Muster zur Norm erhoben wird – und alles, was individueller, handwerklicher, herkunftsnäher ist, plötzlich als fehlerhaft gilt.
Moric ist der Gegenentwurf dazu. Hier wird der Wein nicht im Keller erfunden. Velich sagt es drastisch und wunderschön zugleich: Der Wein sei „sozusagen schon im Weinberg fertig“. Was danach kommt, ist Begleitung. Nicht Manipulation. Biologisch-organische Arbeit im Weinberg, präzise Lese, Spontangärung, Zeit, möglichst wenig Eingriff. Keine kosmetische Korrektur, wenn dadurch die Seele des Weins verloren geht.
Und genau deshalb schmecken Moric-Weine so, wie sie schmecken. Nicht glatt. Nicht brav. Nicht standardisiert. Sondern dunkel, herb, kühl, salzig, kräuterwürzig, manchmal rauchig, immer vibrierend. Sie tragen diese pannonische Spannung in sich, diese Mischung aus Wärme und Kargheit, aus dunkler Frucht und mineralischem Zug, aus Kraft und Transparenz. Blaufränkisch wird hier nicht als rustikaler Regionalrotwein gedacht, sondern als große europäische Rebsorte. Eigenständig. Tief. Unverwechselbar.
Die dramatische Pointe ist: Genau diese Unverwechselbarkeit ist international der Grund für den Erfolg. Velich nennt Herkunft die „härteste, stärkste Währung“ der Winzer. In einer globalisierten Weinwelt wird nicht das Austauschbare gesucht, sondern das Einzigartige. Der Ort. Die Handschrift. Die Rebe im Boden. Lutzmannsburg, Neckenmarkt, Mittelburgenland – das sind keine dekorativen Angaben. Das ist der Kern des Weins.
Und deshalb ist Moric heute eines der wichtigsten Weingüter Österreichs. Nicht nur wegen der Bewertungen. Nicht nur wegen der 100 Punkte. Sondern weil Roland Velich den Blaufränkisch an einen Punkt geführt hat, an dem er weltweit verstanden wird – und Österreich nun entscheiden muss, ob es solche Weine feiert oder ihnen die Herkunft nimmt.
„Durch falsche Normierung stirbt jede Individualität“, sagt Velich. Dieser Satz bleibt hängen. Denn er handelt nicht nur von einem Prüfbescheid. Er handelt von der Frage, was großer Wein überhaupt sein darf.
Moric gibt darauf seit 25 Jahren dieselbe Antwort: großer Wein muss nicht gefallen wollen. Er muss erzählen. Von Reben, Böden, Menschen, Herkunft. Und manchmal muss er sogar gegen das eigene System kämpfen, um genau das bleiben zu dürfen.
Pannonien als große Weinlandschaft
Moric war von Beginn an größer gedacht als ein klassisches Weingut im Burgenland. Roland Velichs Blick ging nie nur auf einzelne Orte, Rebsorten oder Appellationen, sondern auf eine ganze Kulturlandschaft: Pannonien. Dieses große Becken zwischen Alpen und Karpaten, mit Ungarn im Zentrum und dem Burgenland als westlichem Ausläufer, ist historisch, klimatisch und weinbaulich eine Einheit. Eine Landschaft aus Wärme, Wind, kargen Böden, alten Rebsorten und tief verwurzelter Weinkultur.
Genau hier liegt der innere Zusammenhang von Moric. Blaufränkisch aus Lutzmannsburg und Neckenmarkt ist nicht einfach österreichischer Rotwein. Er ist pannonischer Wein. Dass Velich nun nach Tokaj geht, wirkt deshalb nicht wie ein Ausflug, sondern wie eine logische Erweiterung. Schon mit Hidden Treasures hatte er den Blick nach Osten gerichtet, nach Somló, an den Balaton und nach Tokaj. Jetzt wird daraus ein dauerhaftes Engagement. Moric spannt den Bogen vom östlichen Ende der Alpen bis zum Karpatenbogen. Burgenland und Ungarn erscheinen nicht mehr getrennt, sondern als zwei Seiten derselben pannonischen Geschichte.
In Tokaj trifft Moric auf eine der großen historischen Weinregionen Europas. Furmint war hier über Jahrhunderte eine legendäre Rebsorte, früher vor allem durch die großen Süßweine berühmt. Heute zeigt sie trocken eine neue, faszinierende Dimension: zart, präzise, salzig, mineralisch, kühl und doch tief. Gerade unter den veränderten klimatischen Bedingungen wirkt Furmint in Tokaj plötzlich hochaktuell.
Der Ausgangspunkt liegt in Tállya, nordwestlich des Zentrums von Tokaj. Dort beginnen die Hügel, dort liegen alte Reben auf vulkanischem Gestein, auf Rhyolith und Tuff. Böden, die vom Feuer geformt wurden und den Weinen diese rauchige, salzige, fast vibrierende Mineralität geben. Das Klima ist kühler, das Licht klar, die Weine besitzen Struktur ohne Schwere, Tiefe ohne Breite, Präzision ohne Kälte.
Die ersten Tokaj-Weine folgen derselben Logik, die Moric auch beim Blaufränkisch groß gemacht hat. Zunächst ein extrem sorgfältig gearbeiteter Basiswein aus Furmint und Hárslevelű, der die Region mit feiner Hand öffnet. Daneben stehen drei Einzellagenweine: Görbe, Túróska und Hasznos. Historische Lagen rund um Tállya, teils mit 50 bis 100 Jahre alten Reben. Jeder Wein mit eigener Signatur, eigener Spannung, eigenem innerem Licht.
Gerade diese Einzellagen zeigen, worum es bei Moric eigentlich immer ging: nicht um Sorte allein, sondern um Herkunft. Nicht um Stil, sondern um Charakter. Blaufränkisch im Burgenland und Furmint in Tokaj sind zwei verschiedene Stimmen, aber sie sprechen dieselbe Sprache. Beide leben von alten Reben, von kargen Böden, von Handwerk, Geduld und einer gewissen pannonischen Herbheit. Beide können Größe zeigen, wenn man sie nicht überformt.
So wird Moric zu einem grenzübergreifenden Projekt. Nicht politisch, sondern kulturell. Eine Rückbesinnung auf eine Weinlandschaft, die lange vor heutigen Grenzen existierte und in der Rebsorten, Böden und Menschen immer miteinander verbunden waren. Von Lutzmannsburg bis Tállya, vom Blaufränkisch zum Furmint, vom Burgenland nach Tokaj entsteht ein Bild, das größer ist als jedes einzelne Etikett.
Moric Tokaj ist deshalb keine Nebengeschichte. Es ist die Erweiterung einer Idee. Die Suche nach großen, unverwechselbaren Herkunftsweinen in einem pannonischen Raum, der noch lange nicht zu Ende erzählt ist.



