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Im Portrait

Weingut Doktor Wunderer

Dr. Gerald Wunderer ist eigentlich Arzt und sein Partner Matthias Lobner kommt als gelernter Koch und Sommelier aus der Gastronomie. Klassische Winzerbiografien sehen anders aus. Vielleicht war genau das hier der Vorteil.

Wo Kühle plötzlich zum Trumpf wird

Straning liegt ziemlich weit weg von dem, was viele im Kopf haben, wenn sie an Weinviertel denken. Ganz im Westen der Region, direkt am Manhartsberg und unmittelbar an der Grenze zum raueren Waldviertel, gehört die Gegend zu den kühlsten Weinbaubereichen Österreichs. Die Nächte sind frisch, die Vegetationsperiode vergleichsweise lang und was früher durchaus ein klimatischer Nachteil sein konnte, entwickelt sich mit steigenden Temperaturen zunehmend zum Trumpf. Grüner Veltliner kann hier reif werden und trotzdem seine Leichtigkeit, Spannung und aromatische Frische behalten. Genau diese Kombination ist heute Gold wert.

Urmeer trifft Urgestein

Noch spannender wird es unter der Oberfläche. Rund um Straning treffen die Ausläufer des Böhmischen Massivs mit Granit und Gneis auf Löss und kalkhaltige Sedimente des einstigen Urmeers. Urmeer trifft Urgestein – und damit zwei völlig unterschiedliche geologische Welten auf engstem Raum. Die Straninger Weingärten bringen dadurch nicht nur die typische Würze des Veltliners mit, sondern eine erstaunlich kühle, steinige und häufig salzige Seite. Gerade die besseren Partien haben wenig mit gemütlich-pfeffrigem Schankwein zu tun. Hier geht es um Struktur, Grip und Herkunft.

Velich und Schuster als Terroir-Mentoren

Dieses Potenzial erkannten früh auch Roland Velich und Hannes Schuster, zwei Winzer, die wie kaum andere für herkunftsgeprägte österreichische Weine stehen. Sie begleiten Gerald Wunderer und Matthias Lobner beratend und halfen dabei, die Besonderheit dieser Lagen nicht nur zu erkennen, sondern auch immer klarer in die Flasche zu übersetzen. Das ist durchaus prägend für die Richtung des Weinguts: nicht möglichst viel Technik über den Wein legen, sondern immer weiter reduzieren, präzisieren und herausarbeiten, was Straning eigentlich kann.

Huehner des Weinguts Doktor Wunderer

Präzision statt Kellerkosmetik

Im Weinberg wird biologisch gearbeitet, inzwischen ist der Betrieb auch entsprechend zertifiziert. Im Keller läuft vieles über Spontangärung, zurückhaltenden Schwefeleinsatz und möglichst wenige korrigierende Eingriffe. Das bedeutet bei Dr. Wunderer aber keineswegs »Natural Wine« um jeden Preis. Die Weine sollen sauber und präzise sein, dürfen aber ihre Ecken und Kanten behalten. Herkunft vor Kellerstil ist die entscheidende Idee. Genau deshalb kommen je nach Wein Edelstahl, große Holzfässer, 500-Liter-Fässer oder gebrauchte Barriques zum Einsatz – nicht als geschmackliches Statement, sondern als Werkzeug für Struktur und Reife.

Grüner Veltliner steht heute eindeutig im Mittelpunkt. Schon der Ortswein aus Straning zeigt ziemlich gut, wohin die Reise geht: Reben zwischen etwa 15 und 30 Jahren, Handlese, teilweise Ganztraubenpressung und spontane Vergärung. Kein lauter Primärfrucht-Veltliner, sondern ein Wein mit Würze, Struktur und dieser charakteristischen kühlen Mineralität.

Steinperz und Phelling – die Spitze

Extrem spannend wird es bei den Lagenweinen. Die Ried Steinperz, bring einen dichten und kraftvollen Veltliner hervor, der durch die kühle Herkunft aber erstaunlich straff bleibt. Schon in den ersten Jahrgängen wurde hier mit längerer Reife im 500-Liter-Fass und großen Holz gearbeitet. Mit der Ried Phelling in Röschitz kommt inzwischen eine zweite hochspannende Herkunft hinzu. Löss und kalkige Komponenten treffen hier auf die ohnehin kühle Stilistik des westlichen Weinviertels. Er zeigt ziemlich deutlich, wohin Wunderer mit den Lagenweinen möchte: weg von vordergründiger Sortenaromatik, hin zu mehr Tiefe, Salz, Textur und Länge.

Winzer:in des Weinguts Doktor Wunderer auf dem Weinfeld

Ein großartiges Projekt mit richtig viel Luft nach oben

Heute bewirtschaften Gerald Wunderer und Matthias Lobner rund acht Hektar. Das ist überschaubar genug, um extrem detailliert arbeiten zu können und gleichzeitig steckt in den bislang nur teilweise ausgeschöpften Lagen rund um Straning noch enormes Potenzial. Dr. Wunderer ist deshalb weniger die Geschichte eines fertigen Spitzenweinguts als die eines Projekts, bei dem gerade sehr viel zusammenkommt: eine durch den Klimawandel plötzlich hochspannende kühle Herkunft, außergewöhnliche Böden, zwei ambitionierte Quereinsteiger und mit Roland Velich und Hannes Schuster zwei der klügsten Terroir-Denker Österreichs im Hintergrund. Das Weinviertel kann eben weit mehr als unkomplizierten Veltliner mit »Pfefferl«. Hier oben, an der Grenze zum Waldviertel, wird gerade eine deutlich kühlere, steinigere und kompromisslosere Interpretation dieser Rebsorte freigelegt. Dr. Wunderer steht damit noch ziemlich am Anfang und genau das macht die ganze Sache so spannend.