Aldinger: Marcene Pinot Noir 2022
- Spätburgunder 100%
- rot, trocken
- 12,5% Vol.
- Trinkreife: 2026–2047
- seidig & aromatisch
- pikant & würzig
- Lobenberg: 97–98/100
- Suckling: 95/100
- Deutschland, Württemberg
- Allergene: Sulfite,
Abfüller / Importeur: Weingut Aldinger, Schmerstr. 25 / Ecke Lutherstr., 70734 Fellbach, DEUTSCHLAND
Heiner Lobenberg über:
Marcene Pinot Noir 2022
/100
Dass die Aldingers das Burgund als klares Vorbild für ihren Weinstil sehen, sollte Liebhabern dieses Weinguts schon lange nicht mehr unbekannt sein. Aber einen solchen Wein hat es so auch noch nie gegeben! Trauben aus Marsannay, verarbeitet und ausgebaut bei Aldinger in Fellbach. Ja, irgendwie schon ein echter Burgunder, aber eben aus Württemberg. Was durchaus kurios klingt, ist ein wirklich grandioses Unikat! Die Trauben stammen von einem befreundeten, biodynamisch arbeitenden Winzer aus Marsannay. Matthias und Hansjörg Aldinger wollten immer schon wissen, wie stark der Einfluss des Terroirs wirklich auf den Wein ist, wie sich Trauben aus dem Burgund in ihrem eigenen Keller entwickeln würden. Die Idee existierte lange Zeit als kleine »Spinnerei« in ihrem Kopf, bis sie im Jahr 2022 dann endlich zur Realität wurde. Am 11. September 2022 startete Matthias seine Reise ins etwa 500 Kilometer entfernte Marsannay. Mit dabei: Ein Kühlwagen und Leseboxen. Nach einem Lesetag und zwei mit jeweils Chardonnay und Pinot Noir gefüllten Boxen, ging es zurück ins heimische Weingut, wo die Trauben direkt weiterverarbeitet wurden. Gerade genug Menge für jeweils ein Barrique Wein. Vom Pinot gibt es daher nur 333 Flaschen. Mit 100% Ganztrauben verarbeitet, aber im recht warmen Jahr 2022 mit sehr reifen Rappen, die dem Wein eine überraschende, durchdringende Kühle verleihen. In der Nase zunächst total transparente, ja wirklich glasklare Kirschfrucht. Süße Herzkirsche mit Frische von Sauerkirsche. Hinzu kommen etwas Heidelbeere und Himbeere, unterlegt von Blutorange, leicht erdiger Würze und in Ansätzen auch etwas florales, am ehesten Veilchen. Die traumhafte Himbeere wird mit der Zeit immer durchdringender, schiebt sich immer mehr in den Vordergrund. Wir haben hier schon in der Nase eine wirklich grandiose Spannung zwischen satter, reifer Frucht und diesen immer wieder aufblitzenden, ätherisch-kühlen Elementen. Zarte Aromatik von roter Johannisbeere gesellt sich dazu. Absolut keine Spur von einem zu heißen Jahr, das zeigen auch die moderaten 12,5% Alkohol. Die Rappen sind so gut wie nicht wahrnehmbar in der Nase. Eine dezente Holznote gibt den gerade perfekten Rahmen. Alles ist so unheimlich stimmig und blind würde man den Wein wegen dieser Verspieltheit und Eleganz sogar noch eher nach Gevrey-Chambertin, als nach Marsannay verorten. Dieser Eindruck setzt sich dann auch am Gaumen fort: Samtige Kirschfrucht kleidet zunächst den gesamten Mundraum aus. Eingebettet darin ein Kern aus salzig ummantelter, druckvoller Himbeere. Druckvoll, aber gleichzeitig auch so leichtfüßig, so unheimlich elegant mit sehr feinkörniger Tanninstruktur. Samt und Seide, aber eben auch Power und mineralische Tiefe. Grandios ausbalanciert und in perfekter Harmonie. Das längere Flaschenlager hat dem Wein enorm gutgetan. Ein Band aus kristalliner Säure zieht sich bis in den langen Abgang durch. Sauerkirsche, Himbeere, Schlehe und eine reife Zitrusfrische wechseln sich ab. Tolle Dramatik und gleichzeitig eine Gelassenheit, wie man sie von großen Burgundern kennt. Tief im Kern die kalkige Mineralität, die wummert wie ein subtiler Bass und Potenzial für viele Jahre verspricht. Große Länge und Konzentration. Ein aus dem Stand gelungenes Projekt! Der typische Aldinger-Stil mit burgundischer DNA; eigenständig und einfach großartig in dieser Symbiose.
Jahrgangsbericht
All in all der wärmste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen! An Vorurteilen gegenüber solchen Witterungsverhältnissen mangelt es uns als weinbauliche Nord-Nation ja nicht. Von den Winzern hatten wir aber schon einiges Erfreuliches gehört. Mit ein klein wenig gesunder Skepsis, aber gewaltiger Vorfreude starteten wir direkt nach der ProWein in unsere vierwöchige Verkostungsreise durch Deutschland. Schon wieder ein Rekordsommer also. Da geht das Kopfkino los. Wird ein Tim Fröhlich vor uns sitzen, der mit kaltschweißiger Stirn erstmals zugeben muss, dass die Star Wars-Ära endgültig vorbei ist? Keine surrenden Laserschwerter in den Fässern?! Knackt der immer trockener werdender Oliver Haag mit seiner Juffer-Sonnenuhr den historischen Brauneberger Alkoholrekord? Und wann wird Konrad Salwey wohl geerntet haben – Ende Juli? Wir waren ja auf alles gefasst. Doch dann glitzern die ersten Weine im Glas: fein, leichtfüßig, harmonisch, zugänglich und …elegant! 12% Alkohol! Wow!! Das glaubt einem ja keiner, der es nicht selbst auf der Zunge hatte. Der Jahrgang zeigt – bei den von uns verkosteten Weingütern, anders als etwa 2003 und 2018 – im Jungstadium kaum Anzeichen eines extremen Hitzejahres. Verblüffend. Mit der fortschreitenden Mediterranisierung der klimatischen Verhältnisse geht die Schere zwischen progressivem Weinbau und den geeignetsten Standorten und allem anderen immer weiter auseinander. Wir sehen das von Frankreich über Italien, Spanien und eben auch in Deutschland. Jeder hat mit sich ungeahnt rasch verändernden Bedingungen zu kämpfen. Doch wer im An- und Ausbau nicht vor 10 Jahren stehengeblieben ist, der beherrscht – fraglos mit teils immensem Arbeitseinsatz und Commitment – selbst solche dramatischen Trockenphasen und massive UV-Intensität. Fakt ist aber auch, dass die deutschen Top-Winzer in kaum einem Jahrgang zuletzt so viel abgestuft haben, so penibel waren in ihrer Traubenselektion und so hart mit der Auswahl der Gebinde bei der Cuvetierung. Lange wurde nicht mehr so viel Wein im Fass wegverkauft, gerade auch aus den jüngeren Rebanlagen und ultratrockenen Standorten. So selektiv wie die Winzer sollten auch wir Weintrinker mit dem Jahrgang sein. Wer sich auf Top-Lagen, Top-Weinbau und Top-Betriebe fokussiert, wird ein Füllhorn an atemberaubend guten, wunderbar eleganten Weinen finden. 2022 ist kein Jahr zum wahllosen Draufloskaufen. Denn von Bordeaux über die Rhône bis nach Deutschland sind sich Winzer in einem einig: einfach war der Jahrgang nicht. Trotz Jahrhundertsommer wurden mitnichten aus jedem Weinberg einheitlich große Qualitäten geerntet. Denn in 2022 ist durch die paradoxe Transparenz der Weine ein faszinierend klares geschmackliches Abbild der Terroirs zu erkennen – und damit auch der feinsten klimatischen Unterschiede. Rebalter, lokale Regenmengen, Wasserhaltefähigkeit, Bewirtschaftung, Laubarbeit, Erntezeitpunkt. Diese Details zählen in einem so extremen Jahr wie 2022 noch mehr als sonst. Denn selbst die kleinsten Fehlentscheidungen oder Defizite der Standorte werden von den Weinen kanalisiert. Der Jahrgang mag auf den ersten Blick nicht so durch die Bank makellos strahlen wie es vielleicht ein 2019 tat oder so mitreißend rassig wie 2021 aus dem Glas kommen. Wir sind eher bei eleganter Frucht ohne Üppigkeit, bei sehr balanciertem, reifem Säurespiel und Zugänglichkeit wie sie auch die schicken Jahre 2020, 2017 oder 2012 hatten. In der Spitze versprechen manche 2022er auf Augenhöhe mit den genannten zu sein – und zeigen Potenzial womöglich sogar darüber hinauszuwachsen. Einige Weine sind berauschend gut. Was für ein unendlich feiner, kühler, kraftvoller Morstein bei Wittmann, Christmanns Hammer-Idig, ein superintensives Ungeheuer bei Bürklin, ungeahnt tänzerisch-leichtfüßige, brillante Kabinette von Saar und Mosel, eine superbe Kollektion bei Luckerts, eine Juffer-Sonnenuhr bei Haag, die keinen Alkoholrekord bricht, sondern mit feingliedrigem Zug glänzt und ganz große Klasse auch bei Loewen. Es gibt so viel Grandioses zu entdecken in diesem Jahr und ich denke auch Weltklasse war drin. Weil der Jahrgang sich regional so unterschiedlich präsentieren kann, habe ich mich entschlossen kleine Abrisse der Regionen zu skizzieren. Genauere Details finden Sie in den neuen Verkostungsnotizen. Tauchen wir also ein ins heterogene, faszinierende, verführerische und teils so überraschend feine 2022, das viele Anklänge von 1999 (trockener Sommer, Regen im September), der Köstlichkeit von 2009 und dem ebenfalls verblüffend delikaten 2020 hat.
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Suckling über: Marcene Pinot Noir
A great village wine with terrific concentration and an elegant harmony of healthy tannins, restrained red fruit character and minerality. The real strength is in the very long, structured, yet polished finish. This was made from pinot noir grapes from Marsannay in Burgundy (hence the name) that were pressed in Fellbach, Württemberg, where the wine was matured in one barrique cask, therefore very limited production.
Feinschmecker über: Marcene Pinot Noir
Jens Priewe: Expressiv fruchtiger Wein mit roter (Himbeere) und blauer Frucht (Pfläumchen) im Bouquet, auf der Zunge eine rauchige Note mit Säurenerv und feinem Tanninfilm.
Aldinger
In Fellbach, unweit entfernt von der Landeshauptstadt Stuttgart, befindet sich der VDP-Traditionsbetrieb Aldinger. Das älteste und bekannteste Weingut Fellbachs existiert schon seit 1492.