Das ist die rechtseitige Nachbarlage vom Marcobrunn. Lößlehm als Oberboden, darunter Ton und Quarzitmergel. Über 50 Jahre alte Reben. Insider bezeichnen den Siegelsberg eigentlich immer als den größeren Marcobrunn, weil die Lage so expressiv ist, aber das ist im Grunde nur seine frühere Zugänglichkeit. Der Marcobrunn ist klar der größere Wein. Nur der Marcobrunn braucht viel länger, der Siegelsberg zeigt eigentlich von Anfang an alles. Oetingers Handschrift ist kristallin und stahlig, typisch Rheingau eben. Aber man muss sich schon in den Kosmos von Achim von Oetinger begeben, um diese Straffheit und puristische Mineralität zu verstehen. Denn das geht schon ein gutes Stück über den Regionstypus hinaus in seiner sehr straighten Art. Es ist aber nicht zu extrem, weil Oetinger so niedrige Erträge fährt und nur vollreife Beeren selektiert. Dadurch haben seine GGs immer diese seidige Textur, die Säuren sind nicht mehr so brachial wie annodazumal. Achim von Oetingers Weine brauchen immer Zeit und Luft, entfalten sich im Schneckentempo, dekantieren ist nie verkehrt. Er arbeitet mit viel Beschattung mittlerweile und entblättert wenig, dadurch behält er in heißen Jahren eine Kühle. Eher frühe Handlese, extreme zweifache Selektion, kurze Maischestandzeit, dann sanftes Abpressen. Spontangärung und Ausbau auf der Vollhefe im Edelstahl. Der Siegelsberg 2023 braucht wie immer etwas Luft, aber dann geht die Post ab. Sein hochkonzentrierter Fruchtkern explodiert in feinste hellgelbe Frucht, Quittenbirne, Mirabelle, süße Minze und Tonicwater, ein bisschen Cassis. Wo der Marcobrunn dunkel und unnahbar ist, kommt der Siegelsberg mit viel expressiver Power. Der Wein braucht dennoch wahnsinnig viel Luft in der Jugend, er changiert in seiner Tiefe immer wieder zwischen Frucht und Gestein hin und her. Die Lage ist mit die kräftigste bei Oetinger, die völlig zuckerfreie Stoffigkeit des Siegelsberg ist schon eine Klasse für sich. 2023 ist saftig ohne Ende, hat so viel freudvolles Spiel, eine Wollüstigkeit, die nach den kargen 2022 und 2021 eine wilkommene Erfrischung ist. Ein Wein, der wahnsinnig viel mitbringt und gerade noch ganz am Anfang einer langen Entwicklung ist.