In diesen Barolo fließen bei Vietti alle Cru-Lagen ein, die zu klein sind, um separat vinifiziert zu werden. Vietti ist sicher das Weingut mit den meisten Parzellen und Einzellagen und man könnte die heute bestehenden fünf Einzellagen-Weine problemlos auf zehn oder mehr ausweiten. Aber irgendwann würde es unübersichtlich werden, daher gehen alle anderen, was ihre Größe angeht, kleineren Cru-Lagen, in den Barolo Castiglione. Und genau deshalb muss dieser Castiglione ganz besonders hervorgehoben werden. Er ist ein Wein auf potenziellem Top-Punkte-Niveau, der dennoch fast zu einem Schnäppchenpreis auf den Markt kommt. Das Gros der Trauben kommt aus insgesamt zehn der elf Gemeinden, die Barolo abfüllen dürfen. Etwa 25 Lagen gehen insgesamt hinein. Ginestra, Bricco Boschis, Brunate, Ravera und ein Teil des Lazzarito sind die Qualitätskomponenten – allesamt imposante Namen. In Jahren, in denen kein Villero gemacht wird, kommt selbst der hier rein! Zu 90 Prozent in großen Botti und gebrauchten Barriques ausgebaut. Das ist hier eher eine Platzfrage – was nicht in die Botti passt, kommt ins Barrique. 2022 wurden die Cru-Lagen Brunate, Cerequio und Villero zudem nicht separat abgefüllt und auch ein noch größerer Anteil der Parzellen aus der Lage Lazzarito in Serralunga ging 2022 in diesen Barolo Classico. Das bedeutet, dass dieser beliebte Barolo von Vietti (bis zum Jahrgang 2020 hieß er »Barolo Castiglione«) ein mit Top-Cru-Lagen aufgepimpter Barolo ist! Mittleres, vibrierend leuchtendes Rubinrot mit Orange am Rand. Die Nase ist tiefgehend dicht schiebend, sehr »weinig« und zugleich zart duftend mit verführerischen Noten von feinen ätherischen, dezent rauchigen Kräutern, etwas Orangenabrieb und würzig salzigem Kalkstein. Saftige, reife, rote Kirsche und süße Erdbeerfrucht wabern einladend attraktiv aus dem Glas. Die Nase hat dieses Jahr etwas monumental Konzentriertes, Erhabenes. Im Mund trifft opulente, saftig schiebende Kirsche auf kühle rote Johannisbeere und Hagebutte. Die vielen, prominent strukturierten, sandig-kalkigen Tannine knistern auf der Zunge. Sie bleiben pudrig und dezent griffig dort, liegen und changieren mit vielschichtigen braunen Gewürzen von Muskatnuss, Vanille und zart pfeffrigen Noten. Ich beobachte den jungen Wein bei meiner Reise Ende Oktober 2025 ungefähr eine halbe Stunde im Glas, in der er sich langsam öffnet und runder, geschliffener wird. Im Nachhall ist dieser junge Barolo feinwürzig, griffig und von ätherischer Orangenschale belebt. Das ist wie gesagt eigentlich der Einstiegsbarolo für Vietti, aber zugleich ist es ein Wein, der mit den Großen mithalten kann. Dieses Jahr weil er mit einigen der besten Cru-Lagen der Region »aufgepimpt« ist. Ein druckvoll schiebender Barolo für den Esstisch, der relativ zeitnah in sein erstes Trinkfenster kommen wird.