Die 2023er sind ein Paradebeispiel dafür, wie Friedrich Keller in den letzten Jahren immer stärker seinen ganz eigenen, brillanten Stil entwickelt hat. Die Weine wirken heute noch feiner geschliffen, noch eleganter, ohne dabei an Substanz einzubüßen. Sie sind schick und tänzelnd in ihrer Textur, zartschmelzend und voller Finesse – aber immer mit Kraft im Kern, nie zu zerbrechlich oder filigran gedacht. Der 2023er zeigt das wie aus dem Lehrbuch: weniger massiv und konzentriert als der 2022er, dafür präziser, straffer und in der Frucht glockenklar. Im Eichberg stehen zahlreiche Pinot-Genetiken: deutsche Klone, burgundische von Rousseau und auch Sélection Massale von Bernhard Huber. Alle Partien werden separat vinifiziert und später zu diesem großen Ganzen zusammengefügt. Die Reben wurzeln hier auf schwarzem Vulkangestein, Tephrit, das dem Wein seine unverwechselbare Handschrift gibt: dunkle Würze, rauchige Akzente, eine fast eisenhaltige Ader. In der Nase öffnet sich der 2023er sofort elegant und vielschichtig: saftige Himbeere, Schwarzkirsche, Walderdbeere, daneben Blaubeere, etwas Cranberry, eine Spur Rosenblätter und Veilchen. Mit Luft kommt eine feine Süße hinzu, die an Amarena und kandierte Kirschen erinnert, dazu Anklänge von Lakritz, süßem Tabak und Graphit. Sehr verspielt, hedonistisch fein, immer mit einem zarten Schmelz unterlegt. Am Gaumen dann ein faszinierendes Spannungsfeld: dicht gewoben, aber nie schwer, getragen von vibrierender Frische. Wieder die rote Frucht, jetzt klarer in Sauerkirsche und Preiselbeere, untermalt von Johannisbeere, Granatapfel und zarten Blutorangennoten. Dazu erdige Töne, schwarzer Pfeffer, Rauch, etwas Teeblätter, dazu eine salzige, fast kreidige Mineralität, die sich tief in den Gaumen fräst. Die Tannine sind seidig, aber mit griffigem Kern, fest zupackend, und verleihen dem Wein Länge und Struktur. Trotz, oder vielleicht gerade wegen des extrem hohen Selektionsaufwands im Weinberg ist er so genial geworden. Langer, mineralisch-würziger Nachhall, in dem sich Frucht und Stein noch einmal verdichten. Hedonistisch und doch mit Ernsthaftigkeit, eben ein Eichberg voller Power, aber gleichzeitig mit dieser geschmeidigen, feinen Eleganz, die ihn 2023 so besonders macht. Ein großer Spätburgunder, der schon jetzt betört, aber mit Sicherheit auch großartig reifen wird.