Das Label zeigt die Kirche des gegenüberliegenden Ortes, nicht den Clos Sainte Hune, wie man vielleicht meinen würde. Sehr feinziselierte, ruhige Nase, weißer Pfirsich, Feuerstein, leicht reduktiv, mit hoher Spannkraft, Kalkstaub, fast etwas an einen Morstein von Wittmann erinnernd in dieser ruhigen Kraft. Grüne und gelbe Birne, Honigwaben und weißer Tee, leichte Ingwerschärfe mit einem Hauch Safran darunter. Der Mund ist geschmeidig und sehr konzentriert, dicht verwobene Schichten aus hellgelber, gelber und weißer Frucht, darunter viel Tee und herbsüße, medizinale, tonische Kräuterfrische. Das ganze zu einem monolithischen, fast überwältigenden Riesling verdichtet, der mit gewaltiger Intensität und Dichte am Gaumen aufschlägt, süß und reich ausklingt, auf herbsalzigen, kreidigen Gerbstoffen dahingleitet. Braucht sehr, sehr viel Zeit, um diese Reichhaltigkeit zu verdauen, kann aber in 30 Jahren mal zu den ganz großen Zählen. Auf rassige Säure und kargen Mineralbiss darf man allerdings nicht stehen. Der Sainte Hune 2020 kommt über Großrahmigkeit und über eine wahnsinnige Balance und Ruhe. Es gibt nichts Lautes hier, er ist weniger krachend als der 2019er, ganz fein, ruhig und tief wie der Königssee. Allerfeinste Seidigkeit mit Nashibirne, duftigem weißem Plattpfirsich, Lavendelstrauch und zerstoßener Muschelschale. Der Wein spannt eine irre Tiefe auf am Gaumen, bleibt aber völlig in sich ruhend. Er erinnert mich etwas an Dönnhoffs Hermannshöhle mit Turbolader. Denn natürlich ist er dichter, wuchtiger und öliger als eine Hermannshöhle. Aber er strahlt dieselbe Erhabenheit und hellsteinige Eleganz aus. Nichts kann ihn aus der Fassung bringen. Mit der Feinnervigkeit und Rassigkeit eines deutschen Grands Crus hat das nichts zu tun, davon muss man sich verabschieden. Aber die Tiefe, Wucht und Dramatik dieses Stils sind schlicht atemberaubend. In seiner tollen Balance ist der 2020er wahrscheinlich sogar vor dem 2019er zugänglich, obwohl er ähnlich reich ist.