Seit Jahrgang 2022 werden alle Weine bei Clos Saint Jean komplett spontan vergoren, es gibt keinen Hefezusatz mehr. Das gibt den Weinen nochmal einen Tick mehr Komplexität und Eigenheit. Auch dieser Wein überwiegend von der Lage La Crau. Die Cepage besteht im Herzen aus uralter Grenache von 1905 aus dem Süden von La Crau, gewachsen auf sandigen Böden, diese Rebe gibt den eher femininen weichen Stil, allerdings auf Tannine begünstigendem Untergrund. Etwas Syrah, Cinsault für weiteren femininen Einfluss und ein bisschen Vaqueyrese für Urwüchsigkeit. Auch diese Trauben werden komplett entrappt. Immer winziger Ertrag, sehr konzentriert, klar bei 100 Jahre alten Reben. Das Verblüffende ist die zu Recht erfolgende hohe Bewertung dieses Weinguts, obwohl es gegen den aktuellen Trend der Rückbesinnung läuft mit der ehemals modernen vollständigen Entrappung, super-später Lese, mit dem Ausbau großer Teile der Weine in Barriques oder in neuen 600-l-Holzfässern. Der Ausgangsstoff hier ist so genial, da tritt der Ausbau ohnehin in den Hintergrund. Und die superspäte, total reife Lese ist auch nicht unbedingt, was heute modern ist, aber es passt zu dieser Domaine. Es gibt den Weinen diese extreme Reichhaltigkeit, diese fast überwältigende, aber so feine Üppigkeit. Die Grenache, das Herz des Blends, sieht nie Holz, nur Beton. Die Syrah im Blend bekommt dafür neues Holz, aber es macht nur rund 10 Prozent aus. Fässer von Damy, über Tardieu-Laurent bestellt, der mit seinen guten Kontakten mit die besten Fässer im Burgund kaufen kann. Dennoch haben wir keine drückende Schwarzfrucht, sondern tänzelnde rote Frucht. Das ist schwer zu begreifen, aber es ist so. Wahnsinnig konzentrierte Himbeere, süßer Schwarztee, zerdrückte Erdbeere, darüber eine erfrischende, dunkle Ätherik von Eukalyptus und etwas frischem Kakao und zerriebenem Thymian. Eine seidig-zarte Fruchtwolke im Mund, dass es die reinste Freude ist. Gewaltig viel Tannin, das sich hauchfein wie ein Teppich über den gesamten Mundraum ausbreitet. 2022 wird ein paar Jahre Zeit brauchen, wie 2020 und 2019 auch, aber dann geht richtig die Post ab. Ein ganz großer Jahrgang für Jahrzehnte. Es ist verblüffend wie Clos Saint Jean diesen Spagat aus sehr hoher Reife und totaler Finesse in sich vereint. Obwohl es so unglaublich reich und reif ist, hat man einen gewissen burgundischen Touch, das ist mehr als erstaunlich.