Böhlig muss man eigentlich blind probieren – oder ihn zumindest aus dem Kontext reißen. Ich bin mir sicher, man könnte diesen Wein bei der GG-Premiere in Wiesbaden einschleusen und er würde viele Große Gewächse alt aussehen lassen. Es ist der Premier Cru im Bürklin-Portfolio, der dem Grand Cru am nächsten kommt. Und in manchen Jahren stellt er sogar die Frage, ob diese Grenze nicht eher theoretischer Natur ist. Kein Wunder, dass Böhlig die Lieblingslage von Kellermeister Nicola Libelli ist. Während viele zuerst an Kirchenstück, Pechstein oder Gaisböhl denken, bleibt Böhlig etwas unter dem Radar – und liefert doch Jahr für Jahr einen der faszinierendsten Rieslinge des Hauses. Stammt ausschließlich von den alten Reben auf dem Kalkplateau. Das ist wichtig, denn genau hier liegt der Charakter des Weins. Reiner Kalk, karg, hell, salzig, aber 2025 mit einer deutlich saftigeren Mitte als in den dramatisch-kühlen Jahren. Die Ernte war winzig: nur 32 bis 33 Hektoliter pro Hektar im Betriebsschnitt, die kleinste seit rund 20 Jahren. Dafür waren die Trauben perfekt gesund, vollkommen reif und ohne jede Notwendigkeit zur strengen Selektion. Konzentration wie 2015, Saftigkeit wie 2015, aber mit Druck und Zug wie 2019. Die Nase steht aromatisch genau zwischen Rechbächel und Gerümpel. Nicht ganz so hellfruchtig-charmant, nicht ganz so dunkel-vulkanisch. Zunächst kommt Kalkstein, Muschelschale und zarte Rauchigkeit. Dann öffnet sich die Frucht: Orangenschale, Orangenblüte, gelbe Birne und ein Hauch Aprikose. Dazu diese fast nostalgische Nimm-2-Assoziation, aber in fein, trocken und komplett terroirgebunden. Salzteig, etwas Sauerteigkruste und eine pikante Kräuterwürze geben zusätzliche Tiefe. Alles wirkt dichter und reifer als 2024, aber weiterhin glasklar. Am Gaumen zeigt Böhlig 2025 seine ganze Klasse. Saftig, salzig, steinig und mit enormer Pikanz. Reife Zitrusfrucht, Orange, etwas Quitte und gelbe Pflaume werden sofort von einer kalkigen Mineralität eingefangen. Der Wein besitzt eine wunderschöne Extraktsüße in der Mitte, bleibt aber straff und vollkommen trocken im Ausdruck. Die Säure ist reif, die Textur fast burgundisch, dazu dieser feine Tanningrip, der dem Wein Länge und Struktur verleiht. Der Nachhall ist lang, salzig und von einer fast kreidigen Würze geprägt. Hier zeigt sich sehr klar Libellis Stil: weniger vordergründige Frucht, mehr Textur, mehr Herkunft, mehr Tiefe. Böhlig 2025 ist kein lauter Wein, aber ein großer. Ein Premier Cru mit klarer GG-Aura, gebaut für viele Jahre, aber durch die Saftigkeit des Jahrgangs schon heute faszinierend offen. Riesling mit Burgund-Seele und Kalkdramaturgie.