Lobenberg: Böhlig muss man eigentlich blind probieren – oder ihn zumindest aus dem Kontext reißen. Ich bin mir sicher, man könnte diesen Wein bei der GG-Premiere in Wiesbaden einschleusen und er würde viele Große Gewächse alt aussehen lassen. Es ist der Premier Cru, der dem Grand Cru am nächsten kommt, ja ihn in manchen Jahren sogar überflügeln kann. Und er reift grandios. Zwanzig Jahre und mehr sind für diesen Wein keine Herausforderung. Kein Wunder, dass es die Lieblingslage von Kellermeister Nicola Libelli ist, auch wenn bei Bürklin-Wolf viele zuerst an Kirchenstück, Pechstein oder Gaisböhl denken. Böhlig bleibt unter dem Radar – und liefert doch immer wieder Beweise für sein gewaltiges Potenzial. 2024 steht ganz in der Linie großer, kühler Jahrgänge wie 2019 und 2021. Ein langsamer Frühling, lange Vegetationszeit, reifes Lesegut mit hoher, brillanter Säure. Die Lage ist eine reine Kalklage – und genau so zeigt sich der Wein auch im Glas. Schon die Nase ist ein Ereignis: regennasser Kalkstein, Muschelschale, zart rauchiger Feuerstein, dazu ein Hauch Sauerteig von der langen Hefereife. Mit etwas Luft kommen gelbe Birne, Quitte und ein Spritzer Kumquat hinzu, ein wenig Orangenzeste, alles dicht, gelbfruchtig und zugleich von kühler, steiniger Puristik getragen. Am Gaumen dann diese vibrierende Kalkspannung, wie nasser Stein, wie Mehl aus zerriebenem Gestein. Gesalzene Zitrusfrüchte, Quitte, Marille, reife Grapefruit. Druckvoll und saftig, aber messerscharf und glasklar, fast burgundisch in seiner Textur – man denkt an hohe Lagen in Saint-Aubin oder an straffen Chablis. Ein sanfter Tanningrip verleiht Grip und Länge, der Nachhall ist geprägt von milder Zitrone, Orangenschale und einer tiefen, kalkigen Salzigkeit, die endlos nachklingt. Nicola Libellis Stil wird immer feiner, präziser, kompromissloser – und der 2024er Böhlig zeigt das in Vollendung. Ein Premier Cru, der längst GG-Niveau erreicht hat, vielleicht sogar darüber hinaus. Riesling mit Burgund-Seele und Kalkdramaturgie, der ganz sicher zu den Langstreckenläufern des Jahrgangs gehört.
»Here comes the rain again…« – das Weinjahr 2024 war rasant und aufwühlend. Eine deutlich kühlere Vegetationsperiode mit wechselnden Regen- und Trockenphasen forderte die Winzer heraus. Der frühe Austrieb im April wurde von heftigen Spätfrösten abgelöst, die Ahr, Nahe, Nordbaden, Saar und Ruwer besonders hart trafen und zu teils dramatischen Ernteausfällen führten. Viel Manpower, bedingungsloser Einsatz und sorgfältige Selektion waren entscheidend. Die besten 2024er Weine zeigen eine bemerkenswerte Finesse mit überraschend viel Stoffigkeit und schlanker Kraft. Der kühlere Ausdruck erinnert an die präzisen Klassiker 2016, 2008, 2004 und 2002. Sie sind extrem klar gezeichnet und definiert und besitzen häufig mindestens ein Volumenprozent weniger Alkohol als die Vorjahre. Umso überraschender ist die Substanz und innere Dichte, die durch ausgiebige Sommerniederschläge und eine langsame Reifung bis in die kühlen Nächte der späten Lese ermöglicht wurde. Die Trauben erreichten enorm hohe Extraktwerte, die mit 2023 konkurrieren. »Die schönsten Aromen gedeihen im Schatten.« wie Florian Lauer immer sagt. Die Säuren sind »nordisch-straff« und vibrierend, aber reifer und weniger einschneidend als im “krachenden” 2021. Die Weine bieten eine genussvolle Cremigkeit, ohne ihr elektrisierendes Rückgrat zu verlieren. Der 2024er ist ein harmonischerer und feinerer Jahrgang als ebenfalls kühlere 2021, zudem ist es aromatisch in einem klassischeren und schlankeren Profil angesiedelt als die »Vollgas-2023er«. Bei vielen Weinen wurde ein Level erreicht, das mit dem Benchmark-Jahrgang 2023 mithalten kann, auch wenn die Mengen besonders bei den Großen Gewächsen teils sehr gering sind. Es gibt so viele wunderschöne, filigrane, saftig-dichte und auch richtig lecker-delikate Weine in diesem Jahr. Und das kann in dieser Leichtigkeit und finessenreichen, athletischen Form heute eben fast nur noch in Deutschland so geerntet werden. Franken glänzt mit exzellenten Silvanern mit kühlem Saft und eleganter Stoffigkeit. An Mosel-Saar-Ruwer wurde im restsüßen Bereich von Kabinett bis Auslese absolute Weltklasse geerntet, trotz mancherorts verheerender Frostschäden. Die Nahe glänzt 2024 nicht nur mit Riesling in ultrafokussierter Manier, sondern auch mit Burgundern dieses Jahr – genau wie die Südpfalz! Der wärmeren Mittelhaardt steht ein kühleres Jahr immer mehr als gut. Von Christmann über Bürklin bis Winning ist das der Stoff aus dem Riesling-Träume sind. In Rheinhessen hat wohl der Rote Hang sein Jahr der Jahre, so viele Mega-GGs nach den schwierigen Trockenjahren dort ein Segen… wow!