Lobenberg: Der legendäre Prälat ist Christian Hermanns wärmster Weinberg, die Felswände heizen sich zusätzlich zu der enormen Exposition auf und fangen jeden Sonnenstrahl. Über 100 Jahre alte, wurzelechte Reben. Seit 2006 hat Christian Hermann Prälat und 2021 war das erste Jahr in dem er keine Auslese hier produzieren konnte, in 2022 gibt es wieder eine. Zudem gibt es diese Spätlese. Sehr lockerbeerige Trauben, goldgelb und reif, späte Leese. Die Mostgewichte waren nicht viel höher als in 2021 trotz des viel heißeren Sommers, aber es hat einfach Wasser gefehlt. Selbst der Prälat wirkt leichtfüßig und so zart, dass man meint eher ein Treppchen im Glas zu haben. Christian Hermann hat in 2022 wirklich eine sehr filigrane Kollektion geerntet. Normalerweise ist sein Stil schon recht druckvoll, aber das ist so elegant und verspielt, so tänzerisch und das aus einer der reichsten Lagen der Mosel. Schon famos! Grüne und reife Mandarine, Kumquat, Nektarine, Johannisbeere, feiner Darjeelingtee, Veilchen und Cassis. Multikomplex und doch so fein. Schwer vorstellbar, aber Hermann hat hier wirklich einen wahnsinnig leichtfüßigen Prälat auf die Flasche gebracht. Und obwohl die Dichte des Weines durchaus kurz anklingt in der Mitte, bleibt es am Ende ein besonders feinziselierter, verspielter Prälat. Wie 2021 schmeichelt der Prälat 2022 auch Finessetrinkern, die sonst eher Saar-Spätlesen zum heiligen Gral erheben. Wer hätte das gedacht! 97-98/100