Der Halenberg ist ein imposanter Steilhang mit langen Rebzeilen auf mit einem von blauem Schiefer und Quarzit geprägtem Boden. Es gibt hier etwas mehr mineralischen Einfluss als im Frühlingsplätzchen, da der Boden karger ist. Die Trauben werden als Ganztraube kurz angequetscht, dann wenige Stunden Maischestandzeit, anschließend sehr sanft und langsam gepresst und in verschiedenen alten Stückfässern spontan vergoren. Der Wein ruht lange unberührt auf der Hefe im Fass. Er verbleibt auf der Vollhefe bis bis kurz vor der Füllung im Sommer 2023. Halenberg ist wie meist der dunklere, geheimnisvollere Wein. Er eröffnet rauchig-steinig, aber jeder Schwung mit dem Glas lässt ihn ein paar seiner Nuancen mehr freisetzen. Was für ein betörend zarter, ja sogar kühler Duft! In der ersten Nase nur nasses Gestein, Graphit, dann Zitronenabrieb und Maiglöckchen. Unglaublich fein und geschliffen. Keinerlei Anzeichen eines heißen Jahres, liegt mit der Ruhe eines tiefen, dunklen Gebirgssees im Glas. Er öffnet sich weiter, Reneclaude und weißer Pfirsich kommen hinzu, Blütenstaub, etwas angerösteter Tabak und Biskuit. Und gerade wenn man meint jede Nuance dieses monumental tiefen, dabei aber unglaublich feinen Rieslings erfasst zu haben, schießt wie aus dem Nichts die Halenberg-Cassisnote hoch, dunkelbeerig, graphitig, herbsteinig – so schmeckt der Halenberg. Ein klirrendklarer Blauschieferabdruck macht sich breit. Im Mund gibt der erfrischende Mentholkick eine ob der Witterung des Jahrgangs unerklärliche Kühle ab. Zieht lange, lange hintenraus, Bergminze, wieder dunkle und weiße Beeren. Seidig-zart in seiner Textur, sogar feiner noch als 2021 und 2020. Er hat nicht diese zwingende Tannin-Power der Vorjahre, ist aus einem feineren Stoff gewoben. Aber diese kühle, minzige Länge, dieser strahlende Geradeauslauf, der sich mit schwebender Leichtigkeit in eine ungeahnte Dimension zieht. Das ist schon Extraklasse. Genau diese faszinierende, dunkle, kühle Länge hatte auch Wittmanns überragender Morstein dieses Jahr. Die Zitronenschale rollt sich einmal über der Zunge ab, das Graphitmineral schiebt den Wein immer weiter hintenraus und die Mentholnote lässt ihn dann einfach abheben. Nein, es ist nicht der kraftvollste Halenberg der letzten Jahre, aber eine so feine Ausstrahlung hatte nichtmal 2021. Er zieht und zieht in die Länge mit seinem ganz feinen Fluss. Halenberg ist schon die filigrane und verspielte Schönheit in diesem Jahr, indem das Frühlingsplätzchen mehr monolithischen Druck hat. Welcher in 15 Jahren die Nase vorne hat mag ich in diesem Stadium nicht vermuten, aber dass Frank Schönleber dem Jahrhundertsommer 2022 einen so zarten, in die totale Feinheit davonlaufenden Halenberg keltert, hätte ich mir nicht ausmalen können. 97-100/100