Nach sorgfältiger Handlese in 15 Kg fassenden Kisten werden die makellosen Trauben im Weingut langsam und gleichmäßig abgepresst. Anschließend wird 50 Prozent des Mostes in Barriques vergoren (die Hälfte davon neu, die andere Hälfte gebraucht), die zweite Hälfte wird in Stahltanks und Zement vergoren und ausgebaut. Nach sechs Monaten auf der Feinhefe mit regelmäßiger Bâtonnage (dem Aufrühren der Hefen, um dem Wein eine cremige Textur zu verleihen), wird der Blend erstellt und abgefüllt. Nach weiteren 12 Monaten Flaschenlager wird der Wein released. Leuchtendes Strohgelb mit einem Hauch Grün. Dieser Wein braucht ein großes Glas, um sein volles Aroma zu entfalten, denn kurz nach dem Öffnen ist der Holzausbau in Form von cremiger Vanille, Zimt und braunen Gewürzen zunächst im Vordergrund. Ich probiere den Wein über einige Stunden und beobachte gefesselt, wie er sich immer weiter öffnet und die herrliche Nase, die tatsächlich zu einem weißen Bordelaiser gehören könnte, immer mehr zum Vorschein kommt. Präzise, intensive Exotik: Mango, Papaya, Clementinen, Mandarinen, weiße Grapefruit und ein Hauch Jasminblüten. Allspice, dunkler Pfeffer und die dezent rauchige, graphitartige Mineralität machen an der Nase den Unterschied – das ist schon eine spannende Kombination aus total einladender Aromatik und einem ernsthaften Terroir-Abdruck. Im Mund hat der Poggio alle Gazze die griffige Textur eines leichten Rotweins. Mandarinen, Bitterorangen, gelbe Äpfel und Quitten. Ziemlich puristisch auf dem gelben Frucht-Spektrum laufend, mit einem Hauch warm-würzigen weißen Pfeffer, geflammten Salbei und der Bitterkeit immer intensiver werdender, mediterraner Kräuter. Der letzte Schluck ist der Beste! Meine Empfehlung ist es, den Wein zu karaffieren. Die Weißweine aus Bolgheri möchten so langsam auch ins Rampenlicht rücken! Absolut schicker Stoff!
Der Jahrgang 2022 startete in Bolgheri mit einem relativ kühlen Winter, gefolgt von einem ebenfalls eher kühlen und trockenen Frühling, der zu einem späteren Austrieb der Reben führte. Ab Ende Mai stiegen die Temperaturen stark an. Es folgte mit etwa 75 Tagen eine relativ lange Zeit, die von Hitze und Temperaturen um die 35°C sowie von Trockenheit geprägt war. Die Reben mussten im Sommer zum Teil unter diesen gnadenlosen Bedingungen leiden. Glücklicherweise brachten die Sommergewitter Ende August eine Erleichterung und konnten das physiologische Gleichgewicht der Rebstöcke wiederherstellen. Im September sorgten ausgleichende, kühle Nächte dafür, dass die Trauben vollständig und gleichmäßig ausreifen konnten. Die Weinlese der Rotweine fand unter ausgezeichneten Bedingungen von Anfang September bis Mitte Oktober statt, und die Weingüter der Region Bolgheri konnten deshalb den perfekten Lesezeitpunkt jeder Parzelle in Ruhe bestimmen. Der Jahrgang 2022 ist ein Beweis dafür, wie Reben selbst unter anspruchsvollen Bedingungen Trauben von großer Qualität und eigenständigem Charakter hervorbringen können. Die Weine des Bolgheri-Jahrgangs 2022 sind konzentriert, druckvoll, samtig und von dichter, reifer Frucht mit beeindruckender Tiefe geprägt. Trotz ihrer zum Teil etwas früheren Zugänglichkeit haben die Rotweine zugleich eine einzigartige Konzentration ihrer Tannine, sowie eine sagenhafte Ausgewogenheit, die ein längeres Reifepotenzial verleiht.