Welch faszinierendes Phänomen an Gegensätzen! Der Nuller-Jahrgang 2020 vereint kühle Medoc-Klassik mit der üppig-erotischen Opulenz des rechten Ufers. Ein extrem konzentriertes, tiefes Meisterwerk für die Ewigkeit, das als echtes ‚Everybody‘s Darling‘ schon verblüffend früh berauschenden, saftigen Spaß macht – schlichtweg spektakulär.

But it is clear that 2020 represents a third super-quality vintage in a row for the region.

Die sogenannten Nuller-Jahrgänge umgibt immer ein ganz besonderer Nimbus. Das »runde« Jahr strahlt für Weinsammler Sehnsucht, Hoffnung und Erwartung aus, es ist quasi ein Erinnerungsmarker, nach dem das Jahrzehnt benannt wird. Für Weinsammler sind die Nuller-Jahre seit 1990 Meilensteine der Qualität. Ungefähr dort begann die Abkehr von der Chemie und der Einzug der nachhaltigeren Weinbergsarbeit. Seit damals wurde in einer sich stetig steigernden Kurve auch der Klimawandel immer spürbarer.

Die Kombination des Klimawandels zum Mediterranen und die deutlich verbesserte Weinbergs- und Kellerarbeit der sich zu 100 Prozent einbringenden, handwerklichen und biologisch-nachhaltig arbeitenden Winzer, führten dann in Folge auch zu einem dramatischen Qualitätsanstieg weltweit und zu der Tatsache, dass uns Weinliebhabern (und selbst mir) die Superlative ausgehen.

Verkostungs-Hauptquartier bei Jean Faure mit Max Gerstl und Pirmin Bilger
Verkostungs-Hauptquartier bei Jean Faure mit Max Gerstl und Pirmin Bilger

»Die Super 8« – Den Jahrgang einordnen

Seit dem ersten »ganz großen« Jahr der jüngeren Geschichte, 2005, und dann in den Jahren 2009 und 2010, über 2015 und 2016 zu 2018, 2019 und nun 2020, kann die Bezeichnung »best ever« durchaus öfters bemüht werden, auch wenn diese hier genannten, traumhaften »Super-8« Jahrgänge allesamt und jedes für sich grandios sind. Nur die Vielzahl der zu Recht immer höheren Bewertungen steigt kontinuierlich. Immer mehr Châteaux und Domaines können als überragend bezeichnet werden, fast inflationär war das im mediterranen Sensationsjahr 2018, also im ersten Jahr der vielleicht besten Trilogie der Bordelaiser Geschichte. Das wirklich Schöne an dieser Aufzählung der 8 magischen Superjahre ist, dass sie alle eine sehr unterschiedliche Jahrgangstypizität hervorgebracht haben, wobei es natürlich auch die ein oder andere Verwandtschaft zu erkennen gibt.

2020 ist da (vielleicht noch) nicht ganz einzuordnen.

2005 passt zu 2019, wobei 2019 neben ähnlicher Frische alles an opulenter Reife, Feinheit, Schliff und Grandezza hat, was 2005 noch fehlte – 2019 ist ein echtes Knaller-Jahr! 2009 bildet für mich mit 2015 und dem grandiosesten, hedonistischsten Opulenz-Jahr 2018 die Gruppe der üppig eleganten Charmeure. Nur 2010 und 2016 kann man wirklich als klassisch bezeichnen. Durchaus gerbstoffreich, hohe Extrakte und eine extreme Mineralität mit überraschend guter Frische und Finesse. Die gnadenlos hohe Eleganz im Gerbstoff steigerte sich dabei von 2010 zu 2016 nochmal deutlich.

Jean Faure, Saint Emilion
Jean Faure, Saint Emilion

2020 ist da (vielleicht noch) nicht ganz einzuordnen. Zumindest im Medoc liegt es für mich stilistisch nahe an 2010 und 2016. Am rechten Ufer ist es wiederum ganz anders, da gibt es oft auch die extreme Reife von 2019, manchmal sogar auch die gleiche Frische. Zum Teil aber ist 2020 dort eine reifere Version der schon superreifen und supersoften Tannin-Bomben von 2018. Früh zugänglich, immens dicht und fast etwas süß, ewig haltbar. Das bedeutet, 2020 zeigt sich im Medoc eher klassisch, am rechten Ufer eher üppig reif, erotisch und atemberaubend sexy.

Wenn ich innerhalb dieser 8 besten Jahrgänge der Bordelaiser Geschichte einen Favoriten benennen müsste, so bleibt für mich – trotz eines genialen 2020 – der Jahrgang 2019 mit seiner enormen Pikanz, Frische und Mineralität bei vollkommender Fruchtreife das absolute Highlight, mein persönliches »Best Ever!«. Wer Klassik vorzieht, nimmt 2020 aus dem Medoc oder 2016 (2010 und 2005 sind total vergriffen), und wer frühreife, seidige, sexy Opulenz vorzieht, der greife zum rechten Ufer aus 2020 oder zu 2018 (2015 und 2009 finden sich kaum noch)

Auf Cheval Blanc mit Pierre Olivier Clouet
Auf Cheval Blanc mit Pierre Olivier Clouet

Grandiose Weine finden sich in allen diesen »Super-8«, aber wenn Sie als kontinuierlicher Sammler bestimmter Namen die Chance haben, diese 8 Jahre ein- und desselben Weinguts im Vergleich zu degustieren, werden Sie wahrscheinlich sehr verblüfft über die Unterschiede sein. Eine dazugehörige Verzückung ist dabei sicherlich noch eine Untertreibung.

DAS bezahlbare Sammlerjahr, welches einen festen Platz in der Geschichte haben wird.

Und jetzt also 2020 – Großes Glück im Unglück

2020 im Subskriptionsangebot bedeutet bis auf einige, unvermeidliche Preissteigerungen ein ähnliches Preissegment wie 2019 (einige wenige 2019er Weine gibt es durchaus noch im Angebot). Covid19 war und ist ein Drama, aber für die niedrige Preisstruktur dieser zwei gehypten Jahrgänge ist es großes Glück im Unglück. DAS bezahlbare Sammlerjahr, welches natürlich nicht nur wegen der Null und seiner großen Qualität, sondern eben auch als Corona-Jahr einen festen Platz in der Geschichte haben wird.

Chateau Canon, Saint Emilion
Chateau Canon, Saint Emilion

Ich hatte das große Vergnügen, dass mir einige befreundete Winzer und Regisseure schon ab Anfang März frühe Fassmuster geschickt haben, seitdem verkoste ich 2020 kontinuierlich, das hilft sehr in der Beurteilung. Dann fuhr ich im April (geimpft) nach Bordeaux, 600 Weine habe ich inzwischen probiert. Und so kann ich mit eigener Erfahrung sagen, dass 2020 nicht nur wie erwartet sehr reif in der Frucht ausfällt, sondern im Medoc die klassische Tanninstruktur und Eleganz aus 2016 und die Mineralität, Floralität und Tanninstruktur aus 2010 mitbringt. Und es weist im Medoc viel mehr eine an das pikante Superjahr 2019 erinnernde Frische und Lebendigkeit auf, als dass es an die 2018er Schokoladigkeit und hedonistische Üppigkeit erinnert. Am rechten Ufer aber ist 2020 eher ein 2018er, ein seidig butterweiches Tanninmonster mit 2019er Einsprengseln und 2015er Supercharme. Und 2020 ist ungemein saftig und hedonistisch berauschend in seiner aromatischen Intensität. Und 2020 hält ewig. Da schlägt das Herz höher!

Zwei Seiten der gleichen Bordeaux Medaille

Denn: 2020 fällt auf Grund der Wetter- und Klimakapriolen durchaus sehr heterogen aus. Um das in Summe grandiose, aber durchaus heterogene Jahr 2020 zu verstehen, um zu verstehen warum manche Beobachter von einem großen klassischen Jahr à la 2016 und 2010 mit höherer Reife sprechen, und manche nur von einem heißen, üppig reifen Jahr mit satten Tanninen, muss man sich den Wetterverlauf und Ufer einzeln betrachten, denn beide Aussagen stimmen. Ganz Bordeaux hatte fetteste Regenmengen im Winter, die Speicher der Lehm- und Kalksteinböden waren in ganz Bordeaux voll, sehr gute Voraussetzungen. Die Blüte verlief als zweiwöchige Regenpause überall perfekt.

Chateau Haut Bailly, Pessac Leognan
Chateau Haut Bailly, Pessac Leognan

Ewig haltbar, zum Teil sehr üppig und erotisch und rubenshaft.

Ab dann setzte am rechten Ufer eine totale Regenpause mit Trockenheit und Hitzewellen ein, erst Mitte September kamen die ersten Herbstregen, da waren die meisten Merlot und sogar Cabernet bereits geerntet. Den Jahrgang vor dem fetten Schicksal 2003 gerettet haben zum einen die große, Frische bringende Tag und Nacht Temperaturdifferenz und die immensen Winter-Regenspeicher der besten Terroirs. Das unterscheidet das exotische, auch nachtheiße Jahr 2003 vom sehr reifen, extrem tanninreichen und doch auch nachtkühlen und frischen Jahr 2020. Von begrenzt lokalen Ausnahmen und dortigem, minimalem Augustregen abgesehen (deswegen sind einige Superstars dann auch so extrem fein, frisch und verspielt) ist das rechte Ufer somit opulent, extrem reif, mit satter Süße und weichen Tannine ausgestattet. Ewig haltbar, zum Teil sehr üppig und erotisch und rubenshaft. Und je besser die lokale Wasserversorgung der Terroirs war oder je moderater die Sonnenexposition oder je besser die Laubarbeit der Winzer war, desto frischer, zarter und feiner sind die Weine. Sehr reif überall, aber der Unterschied in der Frische und zarten Finesse kann sehr groß ausfallen. Das rechte Ufer ist somit sehr heterogen, von superreifer Klassik mit Frische bis zu fetter, tanninreicher, übercharmanter Opulenz reicht die Bandbreite.

Corona-konform mit Emeline Borie auf Grand Puy Lacoste
Corona-konform mit Emeline Borie auf Grand Puy Lacoste

Das linke Ufer war im Gegensatz dazu gesegnet mit bis zu 100mm Regen in der zweiten Augusthälfte, ein Restart aller Reben, dann ein trockener September bis zur perfekten Ernte. Sofern die Terroirs lehmig und wasserspeichernd waren, überwiegen hier klassische, reife, tanninreiche Weine. Hier kann man 2020 mit einer tanninreicheren, reifen Version von 2016 und 2010 vergleichen. Im Medoc resultiert die Heterogenität dann eher aus zu trockenen sandigen Terroirs und daraus resultierendem Trockenstress und Stillstand mit finaler Unreife.

2020 ist ein total unanstrengendes, großes ›Everybody‘s Darling‹ Jahr, dass es so ausgeprägt noch nie gab.

Fazit

Nach 2 Wochen Bordeaux wird 2020 immer klarer, die ganz reifen Weine der Lehm- und Kalksteinterroir sind unanstrengende Delikatessen, aber nur im Medoc die angekündigten Superklassiker. 2020 stellt diesbezüglich, trotz der noch höheren, superreifen Tanninlevel, 2016 als klassisches Monument für die Ewigkeit sicher nicht in den Schatten. Auch das extrem aufregende, mein »best ever« Jahr 2019 wird in seiner Einzigartigkeit so nicht wiederholt. Weil das linke und rechte Ufer der Gironde so unterschiedlich ausfallen, ist 2020 für mich insgesamt eher eine Kombination von 2016 und 2010, etwas 2019, dem extrem charmanten, gleichwohl tanninreichen Schoko-Jahr 2018 und wegen seiner butterweichen, reifen Tannine bei gleichzeitig erstaunlicher Trinkfrische wahnsinnig charmanten Lecker-Jahres 2015

Großverkostung bei Union des Grands Crus
Großverkostung bei Union des Grands Crus

2020 ist extrem konzentriert und tanninreich, dabei unglaublich fein, hat substanzielle Tiefe und ist schon jetzt zwischen Samt und Frische perfekt ausbalanciert. 2020 kann deswegen weitaus früher getrunken werden als 2016 und 2019, ja sogar als 2018, und es hat wegen seiner superreifen Masse an Tanninen, die ich so reif zuvor noch nie probieren durfte, doch das Zeug für ein ewig langes Leben. 2020 ist ein total unanstrengendes, großes »Everybody‘s Darling« Jahr, dass es so ausgeprägt noch nie gab.

Vor Smith Haut Lafitte, Pessac Leognan
Vor Smith Haut Lafitte, Pessac Leognan

Die besten Gründe für 2020

Man darf sich 2020 auf keinen Fall entgehen lassen, weil die besten Weine aus 2020 die früher immer fehlende Perfektion der Legenden aus 1945, 1961, 1982, 2005 und 2010 darstellen. 2019 ist und bleibt für mich über alle Weingüter Bordeaux gesehen das dramatisch frisch-reife und aufregende “best ever” Jahr der bisherigen Geschichte, 2016 bleibt über alle Weingüter gesehen für mich die Perfektion in reifer Klassik, das Schoko-Sahne-Jahr Lecker-Jahr 2018 hat für immer die meisten Bewertungen ab 94 Punkte, aber die Spitzen aus 2020 erschaffen die Superlative früherer Legenden neu und besser, die es in dieser extraterrestrischen Ausprägung so noch nie gab. 2020 ist in den besten Fällen ein total unanstrengendes Jahr des Hedonismus und geschaffen für die schon früh beginnende Ewigkeit.

Großartige Entdeckungen sind sicherlich Clos Louis aus Castillon, Tertre de la Mouleyre, Jean Faure und Coutet aus Saint Emilion, Guillot Clauzel aus Pomerol, Haut Musset aus Lalande, Seguin aus Pessac, La Gurgue aus Margaux, Julia aus Pauillac, Capbern aus St. Estèphe, du Retout, Doyac und nochmal Julia aus dem Haut Medoc, Carmenere und der überragende Clos Manou aus dem Medoc. 

Wein des Jahres ist für mich ein Trio aus Palmer und Haut Brion und La Mission vor Mouton, Pichon Comtesse, Montrose, Ducru, Cheval, VCC, Clos Louie und Tertre de la Mouleyre.

Lassen Sie mich mit dem Verkoster James Suckling enden. Er bringt es perfekt auf den Punkt: »And what a vintage it is. After the excellent quality of 2018 and 2019, many may have expected a drop in form for 2020. But it is clear that 2020 represents a third super-quality vintage in a row for the region.«

Alle Bordeaux Weine des Jahrgangs 2020

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