Ähnlich wie in Deutschland folgte 2015 nach gutem Frühjahr und sehr gleichmäßiger, regulärer Blüte ein warmer, in Bordeaux sogar sehr heißer Sommer mit einem zu trockenen Frühling und zu heißem, trockenen Sommer bis Ende Juli. Im mittleren Sommer ab August gab es dann zum Glück etwas häufiger mal Regen, die Verfärbung erfolgte gleichmäßig und ohne zu viel Stress. Dann im September moderater Regen am rechten Ufer und im südlichen Medoc, der Norden des Medocs mit Saint-Estèphe, Saint-Julien und Pauillac wurde fast etwas zu nass, nur perfekt bearbeitete Weinberge steckten das locker weg. Der auf Kies- und Sandböden teilweise herrschende Trockenstress wurde gestoppt, die Entwicklung im Weinberg schritt gut voran. Die lehmhaltigeren und Kalkstein-Böden waren wegen der besseren Wasserversorgung klar im Vorteil, das rechte Ufer generell, und das Medoc um Margaux und Pessac sind daher favorisiert.
Das auch in Aquitanien von Ende August bis Ende Oktober wirkende skandinavische Hoch brachte Sonne, trockenes und windiges Wetter, und dazu kühlere Tage und zum Teil schon kalte Nächte. Das rettete 2015 vor dem Schicksal des Jahrgangs 2003 und bewahrte Säure und Frische. Der Herbst, nach dem ersehnten und moderaten Regen, war so perfekt, dass sich jeder Winzer alle Zeit bis zur Ernte nehmen konnte, je nach Stilistik des Weinguts. Lesezeitpunkte von Mitte September bis Anfang November, je nach Wunsch und Stil, waren ohne Probleme möglich. In Summe probiert es sich als ein reifes, zugleich frisches, und vor allem überaus harmonisches Jahr mit den stärksten Ergebnissen in Margaux, Pessac und am rechten Ufer mit Saint Emilion, Pomerol, Fronsac und Castillon. Balance ist das Zauberwort 2015.
2015 bestätigt am rechten Ufer seine überragende Qualität. Merlot und Cabernet Franc liegen vorne. Weltklasse und best ever in Pomerol, Pessac, Fronsac und Castillon, auch mit etwas Schwankungen viele sensationelle Weine in Saint Emilion. Sehr gut waren bisher Margaux und das südliche Medoc. Deutlich heterogener, wenn auch mit keinerlei Desaster wie 2013, präsentiert sich das nördliche Medoc. Selektiv gibt es hier einige richtig überragende Weine, aber leider sind auch einige Weine verdünnt und eher langweilig in Saint-Julien, Pauillac und Saint Estèphe.
Was war nun die beste Appellation? Pomerol? Ja – Saint Emilion? Irgendwie auch ja – Pessac? Ja – Fronsac und Castillon? Zumindest best ever! – Margaux? Zumindest genial – Pauillac, Saint-Julien, Saint Estèphe und das Medoc und Haut-Médoc hatten Schwächen, aber auch einige strahlende, best ever Highlights. Der Jahrgang ist nicht besser als die so genannten Jahrhundertjahrgänge 2009 und 2010. Nur genauso gut. Dabei ganz, ganz anders. 2010 und 2015 sind für mich die Gegensätze schlechthin und haben doch beide 100 Punkte. Nordpol und Südpol der Qualität. Power, Mineralität und unendliche Kraft in zuvor nicht vorstellbarem Ausmaß gab es 2010. Jetzt in 2015 folgt das denkbar zarteste Erlebnis im Wein schlechthin. Für mich war diese Feinheit und schiere Trinkfreude zuvor nicht vorstellbar. Zwischen diesen beiden Extremjahrgängen der Qualität kann alles andere der bisherigen Weingeschichte irgendwo eingeordnet werden. Zweimal Bordeaux Benchmark für mein ganzes Leben.


