Vinas de Gain ist im Grunde das Auffangbecken für alles, was nicht in die Einzellagen gekommen ist. So etwas, was früher qualitativ der Pagos Viejos war. Alte Reben, junge Reben, Terroirs, die nicht perfekt sind für die Single Vinyards, aber dennoch große Weine! Die Nase des 2022er – das ist dem Wechsel im Ausbau geschuldet – ist deutlich weniger vom Holz geküsst als in früheren Jahren. Feiner in der Frucht mit schicker roter Kirsche, schicker Schlehe, Sauerkirsche und auch ein wenig Schwarzkirsche. Das Ganze ist fein poliert – der Wein schwebt eher wie ein sanfter Merlot aus Pomerol. So duftig, so dunkelfruchtig, so geheimnisvoll! Und dabei immer extrem fein und zart bleibend. Helle Lakritze kommt dazu hinter schwarzer Kirsche, extrem seidig rüberkommend. Der Mund zeigt dann deutlich mehr Grip. Schwarze Kirsche, Schlehe und Lakritze, Salz, Kreide, aber das Ganze bleibt burgundisch fein. Die reichlich vorhandenen Tannine sind extrem seidig, aber deutlich spürbar. Der Wein hat wirklich Grip, er hat eine salzige Mineralität, die an Kalkstein erinnert. Und trotzdem ist das ein schwingendes schwarzes Finessewunder. Immer wieder kommt dann die rote Kirsche, die Sauerkirsche und die Schlehe hoch. So verspielt, so schick! Der Wein ist wirklich die Eleganz pur! Unbedingt ein großes Burgunderglas nehmen. Das ist der bisher beste Vinas de Gain und der 2021er war schon eine Sensation. Ich bin verblüfft ob des Resultats der jüngeren Reben mit einigen alten Reben dazu und ob der Zusammenstellung aus allen verschiedenen Crus. Schade dass es den früheren Pagos Viejos nicht mehr gibt. Aber das hier macht irgendwie schon auch sehr viel Sinn. 95+/100 *** Erstmals mit dem Jahr 2022 hat der seit 15 Jahren heiß herbeigesehnte Wechsel in Vergärung und Ausbau bei Artadi stattgefunden. Ab 2022 wird ein Großteil der Weine in Demi-Muids (600 Liter) und ein kleinerer Teil in Tonneaux (500 Liter) ausgebaut. Nur eine sehr geringe Anzahl Barriques verbleibt. Der Neuholz-Anteil ist inzwischen auf 20 Prozent gesunken. Nach der Vergärung im großen Holztank findet die Malo in den kleinen Holzfässern statt. Nach acht Monaten gehen die Weine in 3000-Liter Holzfuder. Danach folgt der Umzug nach sechs bis acht Monaten in den Stahltank. Dieser radikale Wechsel in Ausbau und Vergärung führt bei Artadi dazu, dass der Holzeinfluss dramatisch reduziert wird. Die Frucht und das Terroir stehen jetzt deutlich im Vordergrund. Schade eigentlich, dass es 15 Jahre gedauert hat, bis der Besitzer Juan Carlos und sein französischer Winemaker Jean-Francois einsichtig wurden. Dazu brauchte es erst die zahlreichen Reisen des Sohns Carlos durch die Weinwelt. Artadi beschreitet nun den Weg hin zur Finesse, der nun in Bordeaux, aber auch in der Rioja wie etwa bei Cuentavinas oder Oxer gegangen wird. Fette Frucht, Holz und brutale Tannine sind out. Jetzt zählen nur noch Feinheit und Finesse.