Der Wein besteht 2022 aus 58 Prozent Cabernet Sauvignon, 26 Prozent Merlot und 16 Prozent Carménère. Der Merlot wurde am 22. September gelesen, Carménère und Cabernet Sauvignon vom 27. September bis zum 5. Oktober. Der Ertrag lag bei 40 Hektolitern pro Hektar. Alkoholgehalt 14 Volumenprozent. Château Carmenère war wie der Nachbar Clos Manou in 2022 extrem begünstigt: Flussnähe, gute Wasserversorgung, die große Kieslinse – perfekte Voraussetzungen, um sowohl in feuchten wie auch trockenen Jahren zu bestehen. Gerade in 2022 zahlt sich die Flussnähe total aus. Mit dem Ergebnis, dass man hier bis in den Oktober hinein ernten konnte. Volle Reife und trotzdem eine gute Wasserversorgung. Die 40 Hektoliter Ertrag bedeuten bei der extremen Dichtpflanzung der Reben eine sehr geringe Menge Trauben pro Stock. Die Nase des 2022er ist reif, dunkel und sehr von Holunder geprägt – ein Zeichen für die Carménère. Aber dann auch feine Sauerkirsche, Schattenmorelle und Kalksteinstaub, dazu Regen auf heißer Straße und Grafit. Helle Lakritze, Nougat. Ganz feine Blüten darunter, Veilchen, aber sehr verhalten. Auch etwas gelbe Frucht mit Sanddorn. Das Ganze ist fein schwebend und hocharomatisch. Der Mund ist nochmal feiner als die Nase. Fast schlanke, aber hocharomatische Schattenmorelle, Sauerkirsche und Holunder. Tänzelnd und verspielt. Die Tannine sind extrem seidig, der ganze Wein ist spielerisch und hat eine unglaubliche Leichtigkeit. Eine burgundisch-saftige Trinkigkeit. Wunderbarer Fluss! Es ist kein fleischiger Powerwein wie der Nachbar Clos Manou, sondern eher ein schwebendes Finesseteil mit wunderbarer salziger Länge. Eine Köstlichkeit! Erstaunlich, dass der Wein nochmal aromatischer und spielerischer ist als der geniale 2020er. Nicht besser, aber in seinem Charakter nochmals mehr in Richtung Burgund und Loire tendierend. Was für eine seidige Finesse, was für eine Freude im Trinkfluss! Das ist klar der finessenbetonte Gegenentwurf zu so vielen Weinen im Médoc. Innerhalb des Médoc steht Château Carmenère als Unikat da in seiner extrem verspielten Ausprägung. Sicher nicht besser als Clos Manou oder Doyac, aber spielerischer. Vibrierend im seidigen Tannin. Unglaublich schick! *** Das junge Ehepaar Barraud von Château Carmenère arbeitet auch bei anderen Weingütern. Richard ist Weinbergsmanager von Château Haut Batailley in Pauillac. Die beiden Enthusiasten haben ihre 3,5 Hektar Rebberge im Médoc, nördlich von Pauillac, erst 2006 in Betrieb genommen. Château Carmenère, im obersten Bereich des Médoc gelegen, ist in zwischen seit einigen Jahren im Besitz einer optischen Nachsortier-Maschine, die im obersten Qualitätsbereich im Bordelais schon lange bekannt ist. Lasergesteuert, mit Luftschuss-Aussortierung. Diese gebrauchte Maschine kommt von Ducru-Beaucaillou, dort hat man sich neuere Technik gekauft. Das führt zusätzlich zur händischen Auslese zu weiteren 10 Prozent Ausschuss nicht vollreifer Beeren. Die Perfektion schreitet bei Richard immer weiter voran. Er ist im Grunde ein ähnlicher Extremist wie Stephane Dief auf Château Clos Manou. Extreme Weinbergsarbeit in Verbindung mit einer extremen Handauslese mit nachträglicher optischer Auslese. Einer der absoluten Superstars und trotzdem völlig unbekannt. Das Weingut arbeitet im Keller und im Weinberg voll biologisch. Beraten wird es vom besten Önologen des ganzen Médoc, Eric Boissenot, der auch alle Premier Crus berät und betreut. In der Assemblage ist auch immer ein Anteil Carménère enthalten, eine Rebsorte, die diesem Weingut seinen Namen gibt. Sie bringt eine ungeahnte Würze und Authentizität mit sich. Die Weine aus der Rebsorte sind speziell, spezifisch und ausdrucksstark, insgesamt bei den Winzern jedoch nicht so beliebt, da Ertrag und Beeren sehr klein sind. Carménère ist tanninreich und vor allem ausdrucksstark. Die Qualitätsfetischisten stehen auf die Rebsorte.