Was für eine geniale Nase! Man findet all die reife und exotische Frucht, die man von einer Auslese erwartet, aber keineswegs die üppige Süße, die man bei anderen Erzeugern in dieser Kategorie vorfindet. Schon die Nase wirkt kühl, auf eine tolle Weise unsüß, herbsaftig und frei von üppiger Botrytis. Reife Grapefruit, Mango, Pfirsich, Apfel, Minze, Quitte. Wirklich ein schicker Duft, fein und klar. Trotz aller Reife strahlt er Leichtigkeit, Eleganz und Kühle aus. Betörend. Der Speichel fließt schon vom Hineinriechen. Die große Spezialität von Hajo Becker wird dann im Mund noch klarer, denn auch hier geht es viel trockener und schlanker zu als bei den meisten anderen. Er vergärt seine süßen Auslesen immer so weit durch, dass sie süß schon kaum mehr als Bezeichnung verdienen. Nur etwas über 20 Gramm Restzucker. In Tateinheit mit der stahligen Säure und der hohen Frische aus Zitronengras, Ingwer und Salz erst recht nicht mehr. Nichts klebt, der Speichel fließt und die Säure spült den Wein immer wieder restlos vom Gaumen, nur die feine, kühle Exotik bleibt schwerelos am Gaumen stehen. Ein herrlicher Riesling, den man in dieser Art viel eher der Saar oder maximal der Mosel zutrauen würde, wo aber meist mit viel mehr Restzucker gearbeitet wird. Das ist die reinste Trinkfreude in schmetterlingshafter Saftigkeit. Gehört zu den spannendsten Auslesen des Jahrgangs, weil sie so anders ist in diesem weniger üppig-süßen Stil. Eine Auslese für Trockentrinker, irgendwie ist das doch genial. Der legendäre Hans-Günther Schwarz hat das auch häufiger mal so gemacht. 96/100