Von Elias Schlichting

Eine Reise durchs Rhônetal

»Hedonismus als Wegweiser«

Sommer wie Winter zog es uns häufig in unser Feriendomizil in der Provence. Erst als ich begann, mich intensiver mit Wein zu beschäftigten, fiel mir auf, wie viele berühmte Weingemeinden wir auf der Strecke zwischen Heidelberg und Fayence passierten. Colmar, Arbois, Beaune, Mâcon, Ampuis, Châteauneuf-du-Pape, Bandol – die meisten lagen stellenweise nur wenige Kilometer von der Autobahn entfernt. Es zählt jedoch (warum auch immer) zu den deutschen Nationalsportarten, so schnell wie möglich meist mit penibelster Messung der Rundenzeit an der Urlaubsdestination anzukommen. Mehr als einmal brach zumindest in meiner Familie eine rege Diskussion darüber aus, ob die Fahrtzeit von Haustür zu Haustür gemessen worden sei oder von Autobahnauffahrt zu -abfahrt. Dem heimlichen Homo mediterraneus in mir war dies schon immer völlig unverständlich. Der Weg ist das Ziel?! Wen interessiert die Fahrtzeit, wenn links und rechts der Route eine hedonistische Verlockung nach der anderen wartet?

Durchs Elsass fahren ohne unter der gefährlich niedrigen Decke einer Taverne aus dem Römer einen Sylvaner zu genießen, während ein duftendes Baeckeoffe nach dem anderen aus der Küche getragen wird? Die sanften Hügelzüge der Côte d’Or am Horizont erspähen ohne direkt einen Tisch im Le Sufflot oder Maison du Colombier zu buchen? Die Ebenen der Bresse passieren ohne eines der hiesigen Geflügeltiere in einem tiefen Teller randvoll mit Morcheln und Crème Double ertrinken zu sehen? Ohne mich! Nun, meine Familie sah das leider anders. Die Straßenschilder mit den Begehrlichkeiten weckenden Namen zogen mit 130 Kilometern pro Stunde vor meinen Augen vorbei.

Die Namen einiger stolzer Besitzer

Irgendwann war der Moment gekommen und ich fuhr die Strecke zum ersten Mal alleine. Im typischen Schritttempo des Lyonaiser Stadtverkehrs geht es am spektakulären Musée des Confluences vorbei, das am Stadtausgang über der Autoroute thront und für sich genommen schon ein Kunstwerk ist. Kurz hinter dem Städtchen Vienne trifft es mich dann jedes Mal wie der Blitz. Das Tal öffnet sich und monumentale Steilhänge ragen plötzlich wie aus dem Nichts gen Himmel. Die kleinen Syrah- und Viognier-Rebstöcke schlagen ihre Ranken tief in die Granitfelsen und stemmen sich eisern gegen den Mistral, der ihnen hier ungeschützt durch die Blätter pfeift. Die Côte-Rotie. Wild, unwirsch, steinig und karg, was für ein beeindruckendes Stück Land! Wie in den Hollywood-Hills prangen in großen Lettern die Namen einiger stolzer Besitzer der historischen Weinlagen zwischen den Reben: Guigal, Chapoutier, De Boisseyt.

»Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen. - Johann Wolfgang von Goethe«

Herz der Appellation, die erst seit wenigen Jahrzehnten langsam aus dem Schatten des berühmteren südlicheren Nachbarn Hermitage tritt, ist das Örtchen Ampuis. Dieses Epizentrum der Côte-Rotie ist zugleich Sinnbild für die Vielschichtigkeit der Appellation. »Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust, die eine will sich von der andern trennen.« Kaum treffender als Goethes Faust könnte man die Andersartigkeit der beiden berühmtesten Weinlagen des Ortes Côte Blonde und Côte Brune beschreiben. Die Côte Blonde steht mit ihren helleren, auch sandigeren, mehr von Quarzit und Feldspat durchzogenen Granitböden für verspielte Feinheit und einnehmenden Charme. Die Côte Brune hingegen sorgt mit dunkleren, härteren, schieferigen Granitböden für einen Syrah-Stil mit eisernem Rückgrat aus Mineralik und zwingenden Gerbstoffen. Kompromissloser, viriler, adstringierender und oftmals etwas herber als die gegenüberliegende Blondine. Diese etwas feinere und anschmiegsamere Charakteristik zieht sich von der Côte Blonde gen Süden bis nach Tupins, der südlichsten Gemeinde der Appellation. Gleichzeitig teilen sich die Lagen nördlich der Côte Brune darunter Granden wie La Landonne, La Vialière, Les Grandes Places sowie viele Parzellen der Gemeinde Saint-Cyr einen festeren, kernigeren, geerdeten Charakter. Hier steht zudem viel mehr reinsortiger Syrah und kaum noch Viognier, was ebenfalls zum etwas festeren, herberen Charakter der hiesigen Weine beiträgt. »Die eine hält, in derber Liebeslust, sich an die Welt mit klammernden Organen; Die andre hebt gewaltsam sich vom Dunst zu den Gefilden hoher Ahnen.« Die Côte-Rotie kann beides, Zuckerbrot und Peitsche.

Von der Nordrhône zur Südrhône

Ein wenig weiter südlich zwingt mich meine Neugier erneut zum Anhalten. Der Übergang von der Nordrhône zur Südrhône ist ein visuelles, mit den Sinnen spielendes Ereignis. Kiefern, Korkeichen, Pinien und Zypressen kündigen es kräuterduftig an. Egal zu welcher Jahreszeit, die Uhren stehen jetzt auf Sommerzeit. Uhren – welche Uhren? Hier geht alles nach Gefühl. Zeit wird relativ, denn ich bin nun im Midi, dem wahren Süden Frankreichs. Die sengenden Ebenen Châteauneuf-du-Papes lassen mich den Blinker setzen und langsam ausrollen. Als wenn ich von der Autobahn direkt in einen Weinberg gefahren wäre, wird die Straße links und rechts sogleich von Reben begleitet. Grandios! Am hitzeverschwommenen Horizont steht ein beeindruckendes provenzalisches Château aus hellem Sandstein. Ein großes Eisentor trennt die altehrwürdigen Mauern von meiner offenen Kinnlade. Ob ich wohl einfach mal klingeln kann? Gerade ist Siesta im Midi,  besser nicht. Erst einige Jahre später sollte ich merken, wo ich an diesem Tag stand. Es war Château Beaucastel, Hauptsitz der Wein-Dynastie Perrin und seit jeher Garant für einige der legendärsten und langlebigsten Weine der Appellation.

»Alte Reben sind hier nicht nur ein Marketingbegriff fürs Etikett. «

Tief greifendes Wurzelwerk

Feiner Sand rinnt mir durch die Finger, als ich einen der warmen Kieselsteine aufhebe. Die berühmten Galets Roulés. Unter der reflektierenden Mittagssonne erscheint der lehmige Sandboden noch röter, als ich es mir in meiner Fantasie immer ausgemalt hatte. Der kühle Fallwind des Mistrals lässt mir warme Sandkörner an die Waden prasseln. Der Himmel ist dunkelblau und es ist brennend heiß. Wenn der Mistral nicht bläst, steigt die Temperatur gefühlt noch mal um 10 Grad. Ich knie auf Höhe der kleinen Reben. Winzige, traubentragende Büsche. Sie stehen, ganz ohne Drahtrahmen, einfach frei in der staubigen Landschaft, die von provenzalischem Buschwerk und saftig-grünen Bäumen gesäumt ist. Gobelet nennen die Franzosen diese Reberziehung, weil die kahlen Stöcke im Winter wie Becher aussehen. Im Sommer schützen die herunterhängenden Triebe mit ihrer dichten Laubwand die Trauben vor der gnadenlosen mediterranen Sonne. Warmer Staub durchströmt meine Lunge. Der Duft von Garrigues zieht an mir vorbei, diesem ätherischen Parfüm provenzalischer Kräuter. So kaleidoskopartig komplex, dass ich es kaum in einzelne Elemente aufzuschlüsseln vermag. Thymian, Rosmarin, Lavendel, Salbei und Anemonen sind sicher dabei. Riecht man an einem der feurigen Weine der Gemeinde, vernimmt man dieselben Aromen. Man spürt die Intensität der Mittagshitze in der Tiefe der Beerenfrucht, die oben heraus nicht selten in den Hauch einer rosinierten Kopfnote abdriftet. Der kühlende Mistral und die sandigen Böden zaubern in die besten Weine dennoch eine erhebende Frische und Eleganz. Alte Reben sind hier nicht nur ein Marketingbegriff fürs Etikett. In vielen Parzellen ist ein altes, tief greifendes Wurzelwerk eine zwingende Notwendigkeit, um die Böden bis zu den feuchtigkeitsspendenden Tonschichten zu durchdringen. Land und Wein werden eins. Die Quintessenz des Terroirgedankens. Die besagte Augustsonne trifft mich mit voller Wucht, während ich auf der steinigen Ebene sitze. Es wird Zeit, den Durst zu stillen.

Liebe auf den ersten Blick

Durch die getönten Gläser der Wayfarer strahlt der gegenüberliegende Gebirgszug der Dentelles de Montmirail in zartem Lila. Cedarwood Road von U2 pumpt aus den Boxen. Eine Serpentinenstraße führt mich auf halber Höhe zu dem Ort, der meine Liebe auf den ersten Blick entfachen wird. Die dicht bewaldeten Anhöhen der Gemeinde Gigondas, deren Ausblick sich unendlich weit über die abwechselnd feurig-roten und waldig-grünen Hügel der Côtes-du-Rhône erstreckt. Gigondas hat mir mit dieser Kulisse den bis heute schönsten Sonnenuntergang meines Lebens offenbart. In dieser verträumten Gemeinde ist Zeit nicht nur relativ, sie ist einfach stehen geblieben. Es ist ein magischer Ort. So reich an mediterranen Waldbeständen, dass dieses natürliche Habitat für so viele Vögel die Verwendung von chemischen Insektiziden praktisch obsolet macht. Die Frische und das mineralische Rückgrat der kalksteinreichen Hochlagen-Terroirs sublimiert unverfälscht in die Weine dieser Appellation. Bei aller mediterranen Kraft und Würze zeigen sie oft auch eine vertikale Anmut und Eleganz. Wie die Gemeinde selbst schweben die besten Weine aus Gigondas von der Frische beflügelt über der sengenden Hitze des Südens.

»Es ist ein magischer Ort.«

Und sehe, ich bin am rechten Ort

Ein kurzer Anruf sichert mir einen der begehrten Plätze im hiesigen Restaurant der Familie Perrin, dem L’Oustalet. Seit 2019 ist es besternt, damals war es das noch nicht. Doch ich konnte es bereits ahnen. Mitten im Speisesaal steht ein Olivenbaum, den ein Tisch umrundet. Geradezu himmlisch ist die hier zelebrierte Regionalküche. Die vegetativ-aromatische Viskosität feinster Olivenöle vermischt sich am Gaumen mit dem saftig-frischen Sud raffiniert zubereiteten Gemüses zu einer Gaumenfreude, die provenzalischer kaum sein könnte. Der aus der Küche wabernde Kräuterduft ist atemberaubend. Ich schlage die Weinkarte auf und sehe, ich bin am rechten Ort. Allein mehr als 20 Jahrgänge Beaucastel. Ein göttlicher Hedonismus mitten im Kräutergarten Frankreichs.

Nur eine weitere von vielen Stationen auf meinem Weg ins provenzalische Fayence, die dafür sorgten, dass ich meiner Mutter bei Ankunft im Ferienhaus also eigentlich zu Beginn des Urlaubs gestehen musste: Ich bin pleite...


Mit 6 Weinen
entlang der Rhône

#1 Ein wenig südlich der Großstadt Lyon eröffnen die hängenden Weingärten der nördlichen Côtes du Rhône ein grandioses Naturspektakel. Die Appellation Hermitage ist der Platzhirsch des Nordens. Man denkt unweigerlich an große Syrah, aber ein paar wenige kalksteinreiche Lagen dieses Granithügels eignen sich besser für die weißen Reben Marsanne und Roussanne. Hermitage Blanc ist ein echter Unicorn-Wein.

#2 Ganz im Süden der Nordrhône steht die verträumte Gemeinde Cornas im Ruf, der Hermitage des kleinen Mannes zu sein. Es gibt Gemeinsamkeiten, wie die Südexposition der besten Lagen und sehr pure Granitböden. Der Charakter ist jedoch verschieden. Cornas ist immer reiner Syrah, aber etwas weicher und zugänglicher als vom Hermitage. Dennoch kraftvoll, mediterran, wild, anschmiegsam und hedonistisch. Die mit Thymian garnierte Lammschulter wartet schon im Ofen!

#3 Der imaginäre Grenzübertritt zur Südrhône wird von vielen kleinen, meist auf Hochplateaus liegenden Gemeinden wie Vinsobres eingeläutet. Hier ist nicht mehr nur Syrah, sondern auch die verspielte Grenache eine Dominante. Im Gegensatz zum Norden setzt man im Süden mehr auf Cuvées. Die im nördlichen Teil der Südrhône wachsenden Weine sind von frischer Frucht und Lebhaftigkeit geprägt, erreichen aber nicht das Feuer und die Tiefe etwa eines Châteauneuf-du-Pape.

#4 Weite Landschaften mit roten Sand- und Kiesböden, gesäumt von Zypressen und Aleppokiefern kündigen den Übergang zur Südrhône an. Zur Olivenöl-getränkten Küche des Rhônetals passen die zartschmelzenden, cremigen Weißweine, die in den sonnenverwöhnten Hügeln zwischen Avignon und Orange wachsen, ganz vorzüglich.

#5 Mittig auf einem Gebirgszug aus Kalksteinfels sitzend, erzeugt die Gemeinde Gigondas fast ausschließlich Rotwein. Es war 1971 die erste Gemeinde der Côtes-du-Rhône-Villages, die Cru Status erreichte. Das Faszinierende an den Weinen Gigondas’ ist, dass sie die herbe provenzalische Würze und saftig-intensive Frucht mit einem Hauch von burgundischer Eleganz durchziehen.

#6 Wenn Hermitage der König des Nordens ist, so regiert Châteauneuf-du-Pape im Süden. Die roten Kieselsteine der Appellation sind ein legendäres Terroir. Von Kalk über Sand bis zu Schwemmland entstehen aus den 13 hier angebauten Rebsorten Weine von atemberaubender Reichhaltigkeit und Opulenz. Ein luxuriöses, seidiges Mundgefühl und mediterrane Kräuter definieren die feurigen, Grenache-basierten Weine. Châteauneuf-du-Pape ist in Flaschen gefüllter Hedonismus.

Ferraton Pere et Fils

Rhone, Nordrhone

f

Cuvée

z

voll & rund
mineralisch
niedrige Säure

a

Lobenberg 97–100/100

Ermitage Blanc Le Reverdy 2017
  • 88,00 €

Ferraton Pere et Fils

Rhone, Nordrhone

f

Syrah 100%

z

frische Säure
tanninreich

a

Lobenberg 97–98/100

Cornas Lieu-dit Eygats 2016
  • 44,00 €

Perrin / Beaucastel

Rhone, Chateauneuf du Pape

f

Cuvée

z

voluminös & kräftig
pikant & würzig
frische Säure

a

Lobenberg 92–93/100

Vinsobres Les Cornuds 2017
  • 11,90 €

Perrin / Beaucastel

Rhone, Chateauneuf du Pape

f

Cuvée

z

voll & rund
exotisch & aromatisch

a

Lobenberg 92–93/100

Cotes du Rhone Blanc Coudoulet de Beaucastel 2018
  • 23,50 €

Domaine Santa Duc

Rhone, Gigondas und Rasteau

f

Cuvée

z

voluminös & kräftig
pikant & würzig

a

Lobenberg 94+/100

Gigondas Aux Lieux Dit 2017
  • 22,00 €

Domaine Santa Duc

Rhone, Gigondas und Rasteau

f

Cuvée

z

voluminös & kräftig
fruchtbetont

a

Lobenberg 98/100

Chateauneuf du Pape Les Saintes Vierges 2017
  • 46,00 €

Über den Autor: Elias Schlichting

Elias ist Wine Scout bei Lobenbergs. Zuständig dafür, spannende Weine ausfindig zu machen und neue Weingüter zu entdecken. Zuvor hat er in Geisenheim Weinwirtschaft studiert und nebenbei diverse Praktika bei Weingütern, wie z. B. Heymann-Löwenstein absolviert. Als Autor hier im Magazin haben Sie schon einige spannende Artikel von ihm gelesen.