Spätestens seit der Bordeaux-Kampagne des Jahrgangs 2022, die durch die vielen mit höchstmöglichen Kritiker-Bewertungen völlig zu Recht geschmückten Weine mit rasendem Erfolg einschlug, war jedem Weinliebhaber klar: Der Jahrgang 2022 kann was! Doch gilt das auch für die Weine aus dem Norden Italiens?
Nach meiner Reise durchs Piemont Ende Oktober 2025 kann ich zusammenfassend sagen, dass der Barolo-Jahrgang 2022 meiner Meinung nach nur ein einziges Dilemma hat: Er steht, auch wegen großer Trockenheit im August und September, im Schatten des absolut perfekten, unschlagbaren und umwerfenden Vorgänger-Jahrgangs 2021, der für viele Winzer der Region nicht nur der bis dato größte Jahrgang des Jahrhunderts, sondern sogar ihr »Best Ever« war.
Im Piemont ist die Situation eben nicht ganz so homogen wie in Bordeaux, und nicht nur jedes Weingut, sondern sogar jeder einzelne Wein verdient eine Chance, sich zu präsentieren. Der Jahrgang hält eine beachtliche Anzahl ausgezeichneter, ja sogar überragender Weine parat, ABER sie stammen dieses Jahr erstaunlicherweise nicht unbedingt und ausschließlich aus den berühmtesten Cru-Lagen. 2022 ist auch der »Jahrgang der Underdogs«, der viele großartige Chancen für uns Weinliebhaber bereithält. Luca Currado-Vietti, der mit seinem neuen Weingut Penna-Currado erst 2023 seinen ersten Barolo gemacht hat, ist vom Potenzial des Jahrgangs 2022 uneingeschränkt begeistert, auch wenn er sagt, dass zwei fehlende Regenschauer im späten Sommer dieses tolle Jahr, analog zu Bordeaux, als zweifelsfreien Jahrhundertjahrgang verhindert haben. Dieser Bericht ist eine Zusammenfassung der über 150 Seiten Verkostungsnotizen meiner Reise.

Der Jahrgang 2022 in den Weinbergen
Der Jahrgang 2022 war in ganz Europa ein von Hitze und Trockenheit gezeichneter Jahrgang mit dem, laut Maria Teresa Mascarello, »Never-Ending Summer«. Was die Temperaturen anbelangt, war 2022 sogar ganz ähnlich dem großen Piemont-Jahrgang 2021, allerdings startete 2021 auf einer viel besseren Feuchtigkeits-Reserve, aber bereits ab dem Frühjahr 2021 folgte dann eine längere Trockenperiode. Die dann aufgebrauchten Wasserreserven wurden auch im Winter 2021/2022 nicht wieder aufgefüllt. Vietti-Winzer Eugenio Palumbo erzählt, dass in der Region über das ganze Jahr 2022 hinweg weniger als 350 mm Regen fielen. Sozusagen Wüstenbedingungen, die es hier so in Kombination mit den hohen Temperaturen vorher noch nicht gegeben hat. Das Gute war wohl, dass diese extremen Bedingungen von Anfang an und gleichmäßig gegeben waren. Es gab keinerlei Hitzespitzen und aufgrund der von Anfang an trockenen Bedingungen bildeten sich dementsprechend kleinere Blätter an den Reben aus. Die Pflanzen konnten sich sozusagen daran gewöhnen. In der letzten Augustwoche fielen 2022 endlich die herbeigesehnten 60 bis 100 mm Regen, genug für ein sehr gutes Jahr, aber zu wenig für den potenziell möglichen Jahrhundertjahrgang.

Die Arbeit in den Weinbergen machte laut Elena Brovia 2022 den entscheidenden Unterschied zwischen den akzeptablen, den guten, sowie den herausragenden Weinen des Jahrgangs 2022. Aufmerksame Winzer, die dafür sorgten, dass die Trauben durch Blätter vor der gnadenlosen Sonne geschützt waren, die die Böden vorsichtig bearbeiteten, um die Verdunstung wertvoller Feuchtigkeit zu vermeiden, und die bei der Lese besonders sorgsam jede einzelne getrocknete oder durch Sonnenbrand veränderte Beere ausgelesen haben, machten – Hand aufs Herz – sehr beeindruckende Weine. Diese rigorose Auslese bedeutet, gemeinsam mit den durch die Trockenheit kleineren Trauben mit weniger Saft, einen von 20 Prozent (wie bei Brovia) bis sogar 40 Prozent (wie bei Bartolo Mascarello) kleineren Jahrgang im Ertrag, der sich dafür, was die Qualität anbelangt, definitiv mehr als sehen lassen kann. Je nach der Position der Weinberge (die höheren Lagen litten oft mehr unter der Trockenheit, da das Wasser nach unten sickert) und dem Wasserhaltevermögen des Untergrunds (lehm-, ton- und kalkstein-haltige Böden können mehr Wasser speichern als durchlässige, sandhaltige Böden) konnten die Bedingungen zu Trockenstress führen, der wiederum das Wachstum der Reben und somit den Reifezustand der Trauben stoppte. Die Reben gingen teilweise 2022 sozusagen in den »Überlebensmodus« über, währenddessen keine weitere Energie in das Ausreifen der Trauben gesteckt werden konnte. Deshalb sind viele Weine des Jahrgangs so erstaunlich definiert und linear. Ganz entgegen der Erwartungshaltung eines heißen Jahrgangs haben sie sogar einen eher kühlen Fingerabdruck. 2022 ist ein Jahrgang der Widersprüche, und die ansonsten meist bewährten Cru-Lagen erbrachten dieses Jahr nicht immer und unbedingt die besten Trauben. »Bei Hitze leiden die besten Cru-Lagen häufig am meisten, auch weil sie in perfekter Ausrichtung zur Sonne stehen«, sagt Luca Sandrone. Gewohnte Allzeit-Superstars der sehr warmen Dörfer Barolo, La Morra und Novello, wie Cannubi, Brunate, Cerequio und Ravera, litten am stärksten. Kühlere und feuchtere Lehm-Ton-Kalkstein-Lagen aus Monforte, Serralunga und Castiglione konnten das besser kompensieren.

Der Jahrgang 2022 im Keller
Durch die warmen Temperaturen begann die Wachstumsperiode von Anfang an zwei bis drei Wochen früher als gewöhnlich, und dieser Vorsprung hielt bis zur Weinlese und sogar dem Abschluss der Malolaktischen Gärung (Malo) im Herbst in den Piemonteser Kellern an. Andrea Corino erklärt, dass die einzelnen Beeren kleiner waren und somit die Trauben mehr Beerenschalen im Verhältnis zum Saft hatten, was zur intensiven Struktur und Dichte im Mund führt, denn ein großer Teil der Tannine wird bekanntlich aus den Traubenschalen extrahiert. Viele Weingüter mazerierten vorsichtiger und so sanft wie möglich, mancherorts auch mit deutlich kürzeren 10 bis 12 Tagen als gewöhnlich. Da auch die Farbe aus den Traubenschalen extrahiert wird, erklärt dieser zur Gerbstoffreduktion durchgeführte erstaunlich kurze Schalenkontakt die zum Teil zartere Farbe im Glas. Man hätte auf Grund der Schalendicke schwarze Weine mazerieren können, aber das wären dann Tanninhämmer und Blockbuster geworden. Der Ausbau war absichtlich zum Teil etwas reduktiver, das heißt kürzer, und viele Baroli wurden zwei bis sechs Monate früher abgefüllt als sonst.

Die Nebbiolo-Stilistik 2022 spricht für Liebe auf den ersten Blick!
Frühe Zugänglichkeit zieht sich wie ein roter Faden durch diese dicht schiebenden und zugleich definierten Weine. Sie sind überraschenderweise nicht schwer, sondern mit perfekt ausgereifter Frucht und harmonischer Balance aus Frische, Struktur und Spannung ausgestattet. Man realisiert sofort, wie sehr die besten Winzer zu adaptieren in der Lage waren, ein vielleicht wegen des Gerbstoffes untrinkbarer Killer-Monster Jahrgang wurde mit dem Wissen und der Erfahrung der vielen zu trockenen letzten 10 Jahre zu einer zugänglichen Delikatesse mit Feinheit und balancierter Frucht, das Biest wurde zur Schönheit! Aufgrund der Kritikerberichte, die ich vor meiner Reise gelesen hatte, legte ich ein besonderes Augenmerk auf die Tanninqualität. Denn wegen des oben beschriebenen Stopps des Reifeprozesses während des Sommers gab es die Gefahr von unreifen, grünen Tanninen. Meine Beobachtung während der Proben war: Die Tannine sind teilweise präsenter und größer strukturiert als 2021; die Frucht ist zwar dicht und schiebend, steht aber erstaunlicherweise nicht ganz so saftig und intensiv dagegen, wie ich es erwartet hatte, und besonders die Weine aus höheren Lagen und von sandigen Böden sind deutlich »griffiger« strukturiert. Viele Weine sind majestätisch erhaben! Ein imaginärer Blend der Jahrgänge 2017 und 2020 kommt mir in den Sinn, oder so etwas wie ein »2018 Plus«. Schon vor ihrem Release während meiner Reise im Oktober 2025 sind sie »weinig« und bereit, früher harmonische Trinkfreude zu liefern als die Jahrgänge 2019 und 2021. Bingo!

Highlights des Jahrgangs
Der Ort La Morra ist generell durch ein wärmeres Mikroklima geprägt. In vielen Weinen zeigt sich die extra Konzentration und Dichte 2022 zum Teil durch um circa 0,5 bis 0,8 % erhöhte Alkoholwerte. Dennoch kommt gerade von hier der wahrscheinlich größte Geheimtipp des Jahrgangs! Das Weingut Trediberri bringt dieses Jahr nur einen Blend heraus, anstatt zwei einzeln ausgebaute Lagenweine abzufüllen. Ich finde den Wein schlichtweg phänomenal – er ist für mich ohne Frage der beste Barolo Classico des Jahrgangs!
Verduno ist eine Randgemeinde von La Morra. Für gewöhnlich startet meine Reise jedes Jahr mit einem Besuch bei Fratelli Alessandria. In den letzten vier Jahrgängen lieferten sich der Barolo Gramolere und der Barolo Monvigliero der Fratelli stets ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen um den besten Wein des Jahrgangs – eine optimale Möglichkeit für mich, die Qualität jedes Jahrgangs zu kalibrieren. Zu meiner Überraschung ist 2022 hier der Barolo San Lorenzo sogar ganz knapp vor dem grandiosen Monvigliero das absolute Highlight! Einer der ganz großen Weine des Jahrgangs! San Lorenzo ist einer jener Underdogs, die sonst nur bei Insidern auf dem Schirm sind und ansonsten unter dem Radar fliegen. Zu seinem Preis ist dieser Wein ein absoluter Musskauf!
Insgesamt ist Monforte d’Alba für mich 2022 die durch die Bank herausragendste Ortschaft der Region. Viele Lagen sind von Wald umgeben und haben dadurch ein etwas kühleres Mikroklima. Zudem haben die Böden einen höheren Gehalt an lehmigem Mergel (Marne di Sant'Agata) und zeichnen sich durch ein überdurchschnittlich gutes Wasserhaltevermögen aus. Die Empfehlung des besten Weins aus Monforte ist dieses Jahr deshalb nicht so einfach, weil sich hier eine dicht gedrängte Qualitätsspitze tummelt.
Nicht viele Weingüter haben im Jahr 2022 durch die Bank so geschliffene, klassische Tannine wie Aldo Conterno. Die rigorose und perfekte Selektion der Trauben ging dort bis an die Schmerzgrenze des wirtschaftlich Möglichen. Der Barolo Romirasco ist dafür garantiert ganz, ganz großes Kino!
Die Einzellagen von Elio Grasso sind 2022 zwei deutlich unterscheidbare Persönlichkeiten: Der Gavarini Chiniera ist grandios rotfruchtig, wahnsinnig vibrierend – sozusagen komprimierte Eleganz. Der Casa Mate ist dafür aromatisch betörend und im Mund ein monumental imposanter Barolo, der sogar ein eher kühles Mundgefühl vermittelt. Beide Weine zählen zu den besten Baroli des Jahrgangs, und ich bin überzeugt, dass die absolut beeindruckenden Weine große Klassiker werden.
Conterno-Fantino steht aber mit dem Mosconi und dem Sori Ginestra in der gleichen ersten Reihe der 3 zuvor genannten Weine. Das sind die Big 5 aus Monforte, und sie sind alle in den Top 10 des Jahres!
Das beste Preis-Geschmacks-Verhältnis
Das beste Preis-Geschmacks-Verhältnis bekommt man 2022 vielleicht in Serralunga d'Alba, auf der von Monforte und Castiglione aus gesehen gegenüberliegenden Talseite. Neben der gewohnten großartigen Qualität der Familie Pira (Margheria und Marenca sind IMMER die Preis-Leistungs-Sieger) ist mittlerweile auch die Familie Vajra ganz bei ihrem zweiten Herzensprojekt Vajra-Baudana angekommen. Die Weine sind von mineralischer Dichte, Präzision und besonders beeindruckender Tiefe gezeichnet. Für mich zählen der Barolo Serralunga, der Baudana und der Barolo Cerretta zu den Höhepunkten des Jahrgangs. Hätte das Weingut ausreichend Menge davon, würde ich liebend gerne die Werbetrommel rühren. So bleiben diese genialen Weine eben ein toller Insider-Tipp! Was für eine Entdeckung!

Die Cru-Lage Rocche di Castiglione
Die Cru-Lage Rocche di Castiglione besteht in großen Teilen aus Sand. Umso erstaunlicher ist es, dass sie mich bei zwei Weingütern besonders begeistern konnte. In grandioser Feinheit und Vielschichtigkeit hat die Familie Oddero, deren Weine generell zu den besten des Jahrgangs gehören, einen perfekten Wein gemacht. Hier stimmt einfach alles – ein komplexer Wein mit direktem Draht zum Genusszentrum der Seele! In wesentlich dichterer, druckvollerer und konzentrierter Stilistik glänzt die Lage auch bei Brovia. Allerdings ist der absolut beste Wein von Brovia 2022 der Barolo Villero. Das sind wahre Barolo-Magnete!



