Direkt zuvor habe ich den Coudoulet überschwänglich gelobt, verkostet und vertextet. Jetzt habe ich erwartet, dass es beim Châteauneuf noch reicher, noch voluminöser weitergeht. Aber im Gegenteil: Wir haben hier eine zarte Verspieltheit, Feinheit und Eleganz, die ihresgleichen sucht. Feine Nougatnase mit Orangenzesten und Sanddorn, darunter etwas Mango. Satte reife, schwarze Kirsche, dazu Maulbeere, Brombeere und Cassis, aber nicht fett, sondern nur hochintensiv, aromatisch und reichhaltig. In Summe schlanker als der Coudoulet, feiner, fokussierter und eleganter. Eine Traumnase in jedem Fall. Leichte Schwarzkirsch- und Kirschlikörnote im Nachgang, die Veilchen kommen immer wieder hoch. Rosenblätter – eine geniale Blumigkeit! Neben der generösen Fülle verblüfft der Jahrgang 2022 trotz der Trockenheit und Hitze mit einer sensationellen Frische aus der Mourvèdre. Der Wein ist so pikant, es vibriert alles! Er zeigt Schlehe über Grafit und Schwarzkirsche, dazu rote Johannisbeere. Die Frische ist überwältigend in Verbindung mit dieser generösen Reife und Fülle! Anders als gestern beim Clos des Papes merkt man hier den hohen Anteil an Mourvèdre. Bei Clos des Papes war die Mourvèdre überwiegend dem Frost zum Opfer gefallen, hier ist es ganz klar die Dominante. Nachdem ich letzte Woche in Jumilla die Mourvèdre-Weine von Casa Castillo probiert habe, bin ich voll auf dem Mourvèdre-Trip. Gerade in diesen heißen und trockenen Jahre ist das schon ziemlich genial, was diese Rebsorte bringt. Das ist sicherlich ein Teil der Zukunft der südlichen Rhône. Satte Schwarzkirsche, aber auch eine verblüffende, seidig-samtige Cremigkeit. So schick und so hedonistisch lecker und lang! Zum Reinspringen schön! Feine dunkle Himbeere kommt neben Sauerkirsche und schwarzer Erde durch. Der Wein steht für Minuten. 2022 hat seinen ganz eigenen Charakter in dieser wirklich verblüffenden und vollkommen unerwarteten Eleganz, in diesem schicken, saftig-seidigen Fluss, in dieser voluminösen und trotzdem frischen Ausprägung. Das hätte ich ehrlich gesagt hier an der Südrhône nicht vermutet. Klar ist, dass die Weine nochmals deutlich reifer sind als in den Jahren davor. Aber sie sind überhaupt nicht marmeladig, sondern komplett in Balance und Harmonie. Wir haben in den Jahren 2021 und 2022 zwei ganz große Weine mit völlig unterschiedlicher Ausprägung. Beide sind groß! 2022 löst sich im Nachhall in ein wollüstig-erotisches Wohlgefallen auf. Wie schon öfter erlebt in diesem Jahr: Kein Wein zum Niederknien, sondern eher anmutig und verträumt in dieser seidig-samtigen Eleganz. Ähnlich wie schon im Coudoulet endet das Finale in einer süßsauren und pikanten Orgie von Schlehe, roter Johannisbeere, hoher Reife, Grafit, heller scharfer Lakritze und Chili. Das ist mega-pikant! Ein Jahrgang, der die großen Eigenschaften der Jahre 19 bis 21 vereint. Er ist nicht besser als 2021, aber in seiner pikanten und fast frischeren Note wirklich verblüfft. Eine Überversion des 2019er für mich. Großes Kino! 100/100 *** Beaucastel hat mehrere Besonderheiten. Zuallererst ist es ein waschechter Biodynamiker. Aber das gibt es natürlich bei Vieille Julienne auch. Generell ist das im Châteauneuf allerdings noch eine richtige Ausnahme. Die nächste Besonderheit ist die Lage der Domaine. Sie liegt extrem im Wind, Mistral ohne Ende. Es gibt hier fast nie Probleme mit Fäulnis, deswegen ist die Biodynamie auch so einfach durchzuführen. Dazu kommt die große Schwerpunktsetzung auf die Rebsorte Mourvèdre. Wenn wo anders teilweise reiner Grenache läuft, ist Beaucastel schon noch auf einer Vielfalt aufgebaut. Zum Mourvèdre kommen Grenache, Syrah, Counoise, Cinsault, Terre Noir, Muscardin und Vaccarese. Alle Rebsorten werden hier separat vinifiziert, die Trauben werden zu 100 Prozent entrappt. Spontane Gärung in großen Fudern. Danach wird ganz sanft gepresst, der verbliebene Trester bleibt sogar feucht, wenn er in den Weinberg gefahren wird. Es wird also immer fast nur der erweitere Vorlaufsaft verwendet. Dieser Saft geht dann in ein weiteres Fuder, dort findet die Malo statt. In den Fudern bleibt der Wein für bis zu zwei Jahre. Die ganze Charge wird vor der Gärung ein bisschen gekühlt und circa fünf Tage vormazeriert. Früher wurde vor der Gärung mit heißem Dampf ein bisschen sterilisiert, was aber durch die extrem penible, saubere Arbeit, mit extremer Sortierung, nicht mehr nötig ist – im Gegenteil. Beaucastel ist ein einziger, zusammenhängender Weinberg, mit insgesamt 80 Hektar. Das Terroir ist überwiegend weißer Lehm und Kalkstein. Ein ähnliches Terroir wie in den besten Lagen des Barolo-Gebiets. Cannubi zum Beispiel. Ein einziger zusammenhängender Weinberg, mit homogenem Untergrund, ist also eine weitere Besonderheit von Beaucastel. Mourvèdre-Mistral-Terroir.