Tibaldi: Roero Arneis Bricco delle Passere Riserva 2022

Tibaldi: Roero Arneis Bricco delle Passere Riserva 2022

Zum Winzer

Arneis 100%
weiß, trocken
13,5% Vol.
Trinkreife: 2024–2035
exotisch & aromatisch
mineralisch
fruchtbetont
Lobenberg: 94+/100
Italien, Piemont
Allergene: Sulfite,
lobenberg

Heiner Lobenberg über:
Roero Arneis Bricco delle Passere Riserva 2022

94+
/100

Lobenberg: Das ist der Flagship-Weißwein der talentierten Tibaldi-Schwestern. Sie sind davon getrieben, fantastische Weine auf die Flasche zu bringen, und mit dem Bricco delle Passere verlangen sie ihrem Terroir wirklich alles ab. Der Weinberg liegt in einer recht steilen Lage in kühler Nord-West Exposition auf 320 Höhenmetern. Als die Reben vor ein paar Jahrzehnten vom Vater der jungen Frauen gepflanzt wurden, war das eine seltsame, sogar beinahe verrückte Entscheidung. Aber mit dem zunehmend wärmer werdenden Klima wird das Potenzial der Lage immer deutlicher – und der gute Riecher des Vaters bestätigt. Alle Trauben werden vollständig entrappt, dann einen Tag auf den Traubenschalen bei niedrigen Temperaturen belassen, um möglichst viel Aroma zu extrahieren. Anschließend wird direkt abgepresst und dann spontan im Stahltank vergoren. Der Wein bleibt ein Jahr lang auf der Feinhefe mit regelmäßiger Bâtonnage, bis er im September des darauffolgenden Jahres abgezogen wird. Dabei halten die Schwestern die Temperaturen mit 11 bis 12 Grad Celsius recht kühl, deshalb findet keine malolaktische Gärung statt – die die Apfelsäure des Weins in die mildere Weinsäure umwandelt – und der Wein behält seine fantastische Frische und Spannung. Nach mehreren Monaten Flaschenlager kommt der Wein im März des zweiten Jahres nach der Lese auf den Markt. Leuchtendes Zitronengelb mit zart goldenen Reflexen. Die Nase ist opulent und cremig mit weißem Honig, Honigmelone, einem Hauch Minze, Menthol und Kräutern. Intensiv duftende, schwere Blüten, reife rote Äpfel, Aprikosen, Alphonso Mango, würzige Ingwer Biscuits, etwas Vanille, Brioche und Blutorangenschale. All diese Würze kommt lediglich vom Kontakt mit den Hefen, denn dieser Wein war nie in Berührung mit Holz. Das beeindruckende ist hier die dunkle, dezent rauchige, steinige Mineralität, die von hinten schiebt. Der Wein erinnert in den meisten Jahrgängen etwas an Chenin Blanc, dieses Jahr sogar aufgrund der tiefen Mineralik an Savennières! Der daneben probierte Jahrgang 2018 bestätigt das beeindruckende Reifepotenzial des Weins. Leider werden gerade mal 3.000 Flaschen von diesem Super Stoff gemacht.

Jahrgangsbericht

2022 war in ganz Europa ein von Hitze und Trockenheit geprägter Jahrgang. Im Piemont fiel bereits im Winter 2021 kaum Schnee, und es regnete lediglich im Mai und dann wieder im August in sehr kleinen Mengen, was ein wenig zur Erleichterung der Reben beitrug. Vom Austrieb bis zur Lese verlief die Wachstumsperiode ungefähr zwei bis drei Wochen früher als im Durchschnitt. Dieses Jahr war also von extremem Wetter gezeichnet, aber glücklicherweise war es sehr regelmäßig und konstant heiß und trocken – vom Austrieb bis zur Weinlese während des »Indian Summer« – und es gab keine Hitzespitzen. Da die Trockenheit nicht plötzlich eintrat, bildeten die Reben dementsprechend kleinere Blätter und weniger Trauben aus. Vielleicht kamen sie deshalb so erstaunlich gut mit diesen erschwerten Bedingungen klar, weil sie sich seit dem Frühling langsam an diese Situation »gewöhnen« konnten.2022 kann unmöglich generalisiert werden, und jeder Wein verdient es, einzeln betrachtet zu werden. Die etwas kühleren Höhenlagen im Piemont sind häufig auch von durchlässigeren Böden geprägt und dieses Jahr aufgrund der Trockenheit deshalb nicht automatisch besser. So sind 2022 ton- und lehmhaltige Böden mit besserem Wasserhaltevermögen deutlich vorteilhafter als sandigere. Die sonst »besten« Cru-Lagen zeichnen sich durch ihre besonders »perfekte« Ausrichtung zur Sonne und somit noch wärmeren Temperaturen aus. Auch das Alter der Reben und die Herangehensweise jedes Weinguts in den Weinbergen konnte einen entscheidenden Unterschied machen. Wurde durch sanftes Entblättern der Sonnenschutz gewährleistet und die Böden nicht unnötig durch Pflügen geöffnet, was zum stärkeren Verdunsten von Wasser führt, hatten es die Reben bedeutend leichter. Aufgrund der Trockenheit bestand kein Krankheitsdruck, es gab weder Pilzkrankheiten noch Fäulnis, was die Arbeit während der Wachstumsperiode auch erleichterte. In Summe brachten die berühmtesten Lagen 2022 nicht automatisch die besten Weine hervor, wohl aber die kühleren und lehmigeren Böden mit gutem Wasserspeicher der »alten« Terroirs aus Castiglione, Serralunga und Monforte d’Alba, teilweise auch Verduno. 2022 ist laut Aussage von Luca Currado-Vietti vom qualitativen Potenzial her riesig, im Ergebnis aber wegen zweier fehlender Regenschauer im August und September und zwei Grad zu hoher Spitzentemperatur haarscharf unterhalb eines Jahrhundertjahrgangs hängen geblieben. Die Winzer, die viel Zeit in die Weinberge investierten und zudem bereits vor oder bei der Lese gnadenlos aussortiert haben, brachten die beeindruckendsten Weine hervor. Was nicht perfekt oder gar vertrocknet war, gelangte gar nicht erst in den Gärtank. Im Durchschnitt bedeutet das 15 bis 40 Prozent kleine Erträge gesunder und konzentrierter Trauben. Im Keller musste aufgrund des höheren Verhältnisses von Traubenschalen zum Saft sanft extrahiert werden; der Ausbau erfolgte oft ein paar Monate kürzer als sonst und somit etwas reduktiver, um die Frische der Weine zu bewahren.Der Jahrgang 2022 hat einen wunderbaren »Überraschungseffekt«, denn wer überreife Weine erwartet hat, wird das Gegenteil im Glas finden! Die Trockenheit bremste. Aber seit im Jahrgang 2003 ebenfalls Hitze auf Trockenheit traf, haben die Winzer viel dazu gelernt. Was bereits bei den Bordeaux Primeur Proben des Jahrgangs 2022 deutlich wurde, stimmt auch im Piemont: In der Spitze kann 2022 enorm was! Die Weine sind so konzentriert wie 2017, aber mit deutlich mehr Frische ausgestattet. Aromatisch sind sie herrlich intensiv und bereit, eine unwiderstehliche Performance abzuliefern. Die Struktur der Tannine hängt dabei von den oben genannten Faktoren ab. Es gibt strukturiertere Weine, die aber durch ihre Fruchtbalance dennoch meist durchaus harmonisch sind. Ich versichere, dass mit Offenheit ausgestattete Nebbiolo-Liebhaber dieses Jahr mit der ein oder anderen Neuentdeckung belohnt werden, denn 2022 gibt es durchaus viele hervorragende und gar überragende Weine im Piemont, auch wenn 2021 sicher über alle Regionen gesehen harmonischer und gleichmäßiger in seiner Weltklasse rüberkam.

Mein Winzer

Tibaldi

Bis die beiden Schwestern Monica und Daniela im Jahr 2014 die Cantina Tibaldi zu einem professionellen Weingut machten, war der Weinbau für ihre Familie nur Nebenerwerb gewesen.

Roero Arneis Bricco delle Passere Riserva 2022