Von Frederik Nikolai Schulz

VDP-Weingüter damals und heute

110 Jahre deutsche Weingeschichte

Als am 26. November 1910 in Koblenz der »Verband Deutscher Naturweinversteigerer« gegründet wurde, war die Weinwelt noch eine andere. Deutscher Wein genoss weltweit ein enormes Ansehen. Bei den jährlichen Auktionen der VDNV-Regionalverbände wurden Höchstpreise erzielt. Auf den Weinkarten internationaler Spitzenrestaurants standen Weine von Rhein und Mosel neben den größten Gewächsen aus Bordeaux oder der Champagne. Nicht selten musste man für Marcobrunner, Steinberger und Co. sogar die höchsten Beträge auf den Tisch legen. Doch so rasant der Aufstieg, so schnell geriet der Verband und mit ihm der gesamte deutsche Weinbau ins Wanken. Zwei Weltkriege, Missernten und ein neues Weingesetz trieben das einstige Aushängeschild in eine tiefe Krise. Zu einer Auflösung kam es jedoch nie. Heute heißt die Vereinigung »Verband Deutscher Prädikatsweingüter«. Vieles hat sich getan in den letzten Jahren, einiges ist ein ganzes Stück moderner geworden. Aber was macht eigentlich ein Weingut damals wie heute zu einem VDP-Weingut? Zeit für einen Blick in Vergangenheit und Gegenwart.

Wein und Natur

Wer heute mit deutschem Wein in Kontakt kommt, wird fast immer auch auf den Traubenadler stoßen, der auf den Kapseln der VDP-Weine abgedruckt ist. Egal ob in Hong Kong, Berlin oder New York, ob am Boden oder in 10.000 Metern Höhe an Bord eines Langstreckenflugs der Lufthansa. Und dabei ist das Markenzeichen deutlich jünger als der Verband selbst. Erst 1926 wurde der Traubenadler als Wappentier offiziell bestätigt. Bereits 16 Jahre zuvor formierten sich die regionalen Vereinigungen der Naturweinversteigerer aus Rheinhessen, der Rheinpfalz, dem Rheingau und des Gebiets von Mosel, Saar und Ruwer zu einem Verband. Dessen Aufgabe sollte darin bestehen, der Weinfälschung die Stirn zu bieten und deutschen Wein qualitativ auf ein neues Niveau zu heben.

Als ›Originalabfüllung‹ in der Flasche landen

Aber stopp: Naturwein? Kaum ein anderer Begriff spaltet und erhitzt die Gemüter innerhalb der Weinwelt so sehr wie dieser. So heftig man heute über diese Art der Weinbereitung streiten kann, so einleuchtend und wichtig war das Bekenntnis der Naturweinversteigerer vor über 100 Jahren. Ihnen ging es schlicht und einfach darum, dass ein Wein möglichst unverfälscht den Weg in die Flasche finden sollte, denn das damals übliche Prozedere, einen Wein unmittelbar nach der Lese im Fass an den Handel zu verkaufen, führte auf Seiten der Wiederverkäufer zu unschönen »Verbesserungsversuchen« mit Zuckerwasser, Trockenzucker und anderen Additiven. In den Augen der VDNV-Gründerväter sollte ein Wein ohne diese Zusätze auskommen. Und mehr noch: Nach einiger Reifezeit im Keller der Weingüter sollten sie auch dort als »Originalabfüllung« in der Flasche landen. Ein Naturwein war also damals nichts anderes als ein Qualitätsversprechen und das Bekenntnis zu dieser Machart für Weingüter Grundlage dafür, in den VDNV aufgenommen zu werden. Das Weingesetz von 1969/71 machte dem Begriff dennoch den Gar aus. Dem neuen System der Qualitäts- und Prädikatsweine beugte sich auch der VDNV, der seither Verband Deutscher Prädikatsweingüter heißt. Heute sind der Ausbau und die Füllung im eigenen Weingut zu einem absoluten Standard geworden. Weitere kamen hinzu, etwa die Begrenzung der Erträge oder die Handlese für Weine aus Ersten und Großen Lagen.

Renaissance der Versteigerungen

Standard war vor 110 Jahren – wie der Name der Vereinigung bereits erahnen lässt – die Versteigerung der produzierten Weine. Weinversteigerungen hatten bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine lange Tradition. Sie ermöglichten den Weingütern nicht nur die Selbstvermarktung der Weine, sondern begünstigten auch die Schaffung eigener Weinhandelsstrukturen in den einzelnen Gebieten. Wer erfolgreich mitbot, musste Geduld mitbringen, denn nach der Versteigerung blieben die Weine zunächst noch in den Kellern der Weingüter. Bis zu ihrer Füllung und Auslieferung konnten Monate oder sogar Jahre vergehen. Den Weinen Zeit lassen für ihre Entwicklung war damit ein weiterer wichtiger Anspruch der Naturweinversteigerer. Heute erlebt beides eine Renaissance: Versteigerungen ebenso wie das Zeit lassen. Ihre weißen Großen Gewächse bringen viele Weingüter des VDP mittlerweile erst zwei Jahre nach der Lese auf den Markt, auf den Versteigerungen der Regionalverbände Nahe, Rheingau und Mosel werden wieder absolute Spitzenpreise erzielt, immer öfter sogar Weltrekord-Erlöse. Auch spezielle Füllungen einzelner Lagen und Parzellen ausschließlich für Versteigerungen sind schwer angesagt. Wittmanns La Borne, Christmanns Ölberg Kapelle, Markus Molitors und Thomas Haags Doctor, um nur wenige zu nennen. Ein Hauch des Glanzes der alten Tage weht wieder durch Wein-Deutschland und den VDP.

Ein VDP-Weingut muss Top-Qualitäten abliefern, und das jedes Jahr.

Die »qualitative Speerspitze«

In Sachen Weinqualität nahm der Verband deutscher Naturweinversteigerer eine absolute Vorreiterrolle ein und seine Mitglieder bildeten vor 111 Jahren die Riege der besten deutschen Weinerzeuger. Zwar waren es deutlich weniger als heute, aber unter ihnen fanden sich bekannte Namen wie die Königlich-Preußische Weinbaudomäne zu Wiesbaden, mittlerweile besser unter dem Namen Staatsweingüter Kloster Eberbach bekannt oder das Weingut der Brüder von Bassermann Jordan in Deidesheim. Ein gutes Jahrhundert später bezeichnet sich der VDP selbst als »qualitative Speerspitze« des deutschen Weinbaus und zählt – Stand Dezember 2020 – 196 Mitglieder. Was zeichnet sie aus? Zunächst einmal Beständigkeit – vielleicht das wichtigste Kriterium für die Aufnahme in den Verband, die man weder erfragen noch käuflich erwerben kann. Ein VDP-Weingut muss Top-Qualitäten abliefern, und das jedes Jahr. Begünstigt wird dadurch der Umstand, dass man beim Griff zu einer Flasche mit dem Adler-Aufdruck recht wenig falsch machen kann, egal ob Guts-, Orts-, oder Lagenwein. Oft missverstanden wird jedoch, dass der VDP zwar fast durchgängig Spitzenweingüter in seinen Reihen hat, ein Weingut ohne Mitgliedschaft aber nicht weniger stark sein muss. Kurzum: Nicht jedes Top-Weingut ist Mitglied des VDP, aber jedes VDP-Weingut ist eine Top-Adresse.

Entwicklung hin zu großer Vielfalt

In 111 Jahren haben sich nicht nur die politischen und gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert, der deutsche Weinbau – und mit ihm der VDP – sind darüber hinaus vielfältiger geworden. In allen 13 Qualitätswein-Regionen gibt es heute VDP-Weingüter, vom Bodensee bis an die Ahr, von der Saar bis an die Elbe. Ein markanter Unterschied zur Gründungszeit, denn damals waren die Machtverhältnisse im deutschen Weinland klar geregelt: Am 26. November 1910 trafen sich im Koblenzer Hotel Monopol lediglich Vertreter aus Rheinhessen, der Rheinpfalz, dem Rheingau und von der Mosel. In Sachen Qualitätsweinbau hatten diese Gebiete zu Beginn des 20. Jahrhunderts klar die Nase vorn. Andere Gebiete wie Baden oder Württemberg galten als Produzenten von einfachen Zechweinen, die Nahe trat ihrerseits hingegen bereits 1912 in den VDNV ein. Unter den »vier Großen« war der Rheingau wohl die Region mit dem größten Renommee. Dort entstand bereits 1867 eine erste Klassifikationskarte der besten Weinberge – das älteste Dokument dieser Art weltweit. Die Rheinpfalz, die damals zu Bayern gehörte, deckte unter anderem das Gebiet der heutigen Mittelhaardt ab und war neben Riesling vor allem für seine Sylvaner berühmt. Rheinhessen glänzte um die Jahrhundertwende mit seinen Weißweinen vom linken Rheinufer. Als Shootingstar der deutschen Weinkultur galt die Mosel mit ihren Nebenflüssen Saar und Ruwer. Die leichte und elegante Art der Weißweine gefiel gerade im Ausland – ähnlich wie das heute auch der Fall ist.

Die Zahl an klassifizierten Lagen ist geradezu explo­sionshaft angestiegen.­

Mehr als 400 Große Lagen

Sicherlich war die Ausnahmestellung der vier Gründervereinigungen auch auf politische und historische Gegebenheiten zurückzuführen. Alte Lagenkarten, wie jene aus dem Rheingau, zeugen aber davon, wie großartig der Bestand an einzigartigen Weinbergslagen an Rhein und Mosel schon damals war. So sind auf der Rheingauer Karte von 1867 der Kiedricher Gräfenberg oder der Erbacher Marcobrunn als Lagen erster Klasse ausgezeichnet. Auch heute produzieren hier Wilhelm Weil, Achim von Oetinger und viele andere Winzer Topweine. Zur damaligen Zeit muss es auch eine Frage der Reife gewesen sein – hoch bewertet sind vor allem warme, nach Süden exponierte Lagen. Am Grundsatz »Unsere Mitglieder besitzen Lagen von Weltruf!« (1929) hat der VDP bis heute festgehalten. Mehr noch: die Zahl an klassifizierten Lagen ist geradezu explosionshaft angestiegen. Mehr als 400 Große Lagen existieren mittlerweile und dabei bewirtschaften die VDP-Winzer mit circa 5.500 Hektar nur rund fünf Prozent der gesamten deutschen Rebfläche. Zum Vergleich: Im Burgund – das große Vorbild in Sachen Herkunftsphilosophie – gibt es gerade einmal 33 Grand Crus. Dass immer neue Lagen hinzukommen, die nicht unbedingt in einer Liga mit den wirklich historischen Toplagen spielen, darf durchaus mit kritischen Augen betrachtet werden. Andererseits holen durch den Klimawandel viele unscheinbare Lagen in kühleren Teilregionen stark auf oder überholen die Platzhirsche gar mit Berechtigung. Im Rheingau etwa sind die kühlen Lagen von Lorch oder Hallgarten schwer angesagt. Ihre Aufwertung ist nur eine Frage der Zeit.

Weltklasse

So viel man diskutieren kann, so viel Konsens sollte darüber bestehen, dass der VDP mit seiner Philosophie »je kleiner die Herkunft, desto größer der Wein« eine Vorreiterrolle einnimmt. Das gilt sowohl in Sachen Qualität als auch auf dem Weg zur Angleichung des veralteten Qualitätsweinsystems an das romanische Weinrecht. Die Basis bilden die Gutsweine, eine Stufe darüber stehen die Ortsweine und an der Spitze der Qualitätspyramide die Lagenweine – so einfach kann die Weinwelt sein. Wermutstropfen gilt es dann eben auch hinzunehmen, wie den Wegfall der trockenen Prädikatsweine. Eines steht fest: Damals wie heute, 1910 und 2020, sorgt der der VDP dafür, dass deutsche Weine international wieder vermehrt als das wahrgenommen werden, was sie sind: Weltklasse.

93–94
/100

BIO

Riesling Dr. Bürklin Wolf VDP Gutswein trocken

Bürklin Wolf

Pfalz

f

Riesling, trocken

z

leicht & frisch
frische Säure

a

Lobenberg: 93–94/100

Suckling: 93/100

95
/100

Horst Sauer

Franken

f

Silvaner, trocken

z

voll & rund
exotisch & aromatisch

a

Lobenberg: 95/100

100
/100

BIO

Riesling Alte Reben LA BORNE Großes Gewächs (Versteigerungswein) trocken

Wittmann

Rheinhessen

f

Riesling, trocken

z

leicht & frisch
voll & rund

a

Lobenberg: 100/100

Suckling: 99/100

100
/100

Forstmeister Geltz Zilliken

Mosel Saar Ruwer

f

Riesling, trocken

z

frische Säure
mineralisch

a

Lobenberg: 100/100

Pirmin Bilger: 20/20

94–95+
/100

Bernhard Huber

Baden

f

Cuvée, trocken

z

fruchtbetont
voll & rund
mineralisch

a

Lobenberg: 94–95+/100

Falstaff: 93/100

100
/100

Sale

Riesling Marcobrunn Großes Gewächs trocken

von Oetinger

Rheingau

f

Riesling, trocken

z

voll & rund
fruchtbetont

a

Lobenberg: 100/100

Suckling: 96/100

Frederik Nikolai Schulz

Frederik Nikolai Schulz

Frederik studiert an der Universität Gießen und an der Hochschule Geisenheim Weinwirtschaft. Seit seiner Kindheit zieht es ihn fast jährlich nach Frankreich, vor allem an die bretonische Atlantikküste. Durch ein Auslandspraktikum sind ihm auch das Bordelais und dessen Weine besonders ans Herz gewachsen. Seine Leidenschaft für das Schreiben bringt er seit Ende 2020 ins Magazin ein.

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