Von Milan Milas

Aus der Maremma bis nach Patagonien

Wie habe ich mich geirrt!

Ein Verweis auf das Burgund scheint immer inflationärer zu werden, wenn die Sprache auf Pinot Noir oder Chardonnay aus anderen Regionen kommt. Dies mag auch im gegenwärtigen Boom des Burgunds begründet sein, denn bei den dort aufgerufenen Kursen ergibt es offensichtlich Sinn, sich an andere Stelle um preiswerteren Ersatz zu bemühen. Oft sind aufgezeigte Alternativen qualitativ nicht so nachhaltig wie angepriesen. Klassiker bleiben eben Klassiker! Das hatte ich im Hinterkopf, als mir ein Kollege von den Weinen von Bodegas Chacra vorschwärmte. – »Schon wieder eine Alternative, und spätestens nach der zweiten Flasche habe ich dann Sehnsucht nach Volnay.« – Wie habe ich mich geirrt!

Bodega Chacra

Piero Incisa della Rocchetta kam mehr durch Zufall zum Weinbau, als dass er einem Karriereplan gefolgt wäre. Für ihn war es vielmehr eine Berufung, auch wenn sein Großvater Sassicaia erfunden hat. Piero war ein Pinot Noir Liebhaber schon von klein auf. Sein Großvater trank beim Essen mit der Familie oft Spitzenweine aus Frankreich. Ein Ritual, welches den jungen Piero prägen würde. Die roten Burgunder hatten es ihm besonders angetan, nicht die Bordeaux. Die Eleganz des Pinot Noir berührte ihn auf besondere Art und Weise. Gleich nach der Schule half er für kurze Zeit auf einem Weingut seiner Familie mütterlicherseits in Umbrien, weit weg von der Strahlkraft des Sassicaia. In einer Region in der leichte, oft blumige Weißweine produziert werden. Seine Idee, in dieser Gegend Pinot Noir zu pflanzen, wurde akzeptiert. Er konnte aber die Früchte dieser Neupflanzungen nicht mehr ernten, da es ihn zum Studium an die amerikanische Westküste verschlug.

Piero Incisa della Rocchetta
Piero Incisa della Rocchetta (links)

Seine akademische Ausbildung stand nun im Mittelpunkt und er wurde dort heimisch, was an seinem eloquenten Englisch noch immer gut zu erkennen ist. Seine Leidenschaft für Pinot Noir wurde in Kalifornien durch die Weine aus Sonoma und Oregon genährt. Eine Blindverkostung, in der ihm ein Pinot Noir aus Patagonien, genauer aus Rio Negro, faszinierte, wurde zur Offenbarung. Als er sich tiefer mit Patagonien und vor allem mit Rio Negro beschäftigte, musste er sich schlussendlich für ein Leben als Winzer an diesem anderen Ende der Welt entscheiden. Die Bedingungen für den Anbau von Pinot Noir sind hier ideal. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts wurde Pinot mit Hilfe von französischen Beratern gepflanzt. Die Experten behielten Recht, bald schon war Rio Negro bekannt für elegante Weine sehr hoher Qualität.

Alles Bedingungen, die man sich für den Anbau von Pinot Noir nicht besser vorstellen könnte

Die Weinberge liegen an Hängen, die durch ein abgerutschtes Flussbett entstanden sind, geologisch hoch komplex, dabei in einem gemäßigtem Wüstenklima, welches eine niedrige Luftfeuchtigkeit bedingt, die jegliche Art von Krankheitsbefall verhindern. Das Grundwasser stammt aus den Anden und führt so eine extrem große Menge an Mineralien mit sich. Das Klima ist kontinental mit sehr starken Tag-Nacht-Unterschieden. Alles Bedingungen, die man sich für den Anbau von Pinot Noir nicht besser vorstellen könnte. Das I-Tüpfelchen fand er im quasi aufgegebenen Weinort Mainque; alte, wurzelechte Reben mit einer extrem diversen Genetik, der Traum jedes Weinmachers. Diese Rebanlagen waren aber sich selber überlassen. Piero und sein Team mussten erst alle Stöcke wieder instand setzen, um gute Trauben für die Weinbereitung ernten zu können.

Chacra Garden

Schon in Umbrien hatte er einen Zusammenhang in Sachen Wein verstanden, die Natur ist der ultimativen Schöpfer und der Mensch nur Medium, welches das Geschenk der Natur lediglich so gut wie möglich zum Wein transferiert. Diese Einsicht war Garant für ein erfolgreiches Arbeiten von Anbeginn an. Piero ist durch und durch ein Naturmensch, der durchaus einen Hang zur Spiritualität hat, das spürt man, wenn man ihn sprechen hört. Auch der zweideutige Name des Weinguts gibt dies preis.

Es bildet sich ein berauschender Trinkfluss

Chacra ist im argentinischen Spanisch ein Flecken Land, der von Natur aus für die Landwirtschaft bestimmt ist. Gleichzeitig sind es aber auch Energiezentren die eine universelle-spirituelle Anschlussmöglichkeit darstellen. Letztendlich, die Fähigkeit mit jeglicher Form von Leben in Kontakt zu sein. Diese Energie spiegelt sich im Wein, der in seiner elementaren Funktion als Essensbegleiter die Verbindung zwischen Genuss und kulinarischer Sensibilität erst ermöglicht. Piero Incisa della Rocchettas Chacra zielt darauf ab, diese Verbindung zu verstärken. Weine, die diesem Zweck verschrieben sind, können nur elegant sein. Sie sind in ihrer Aromatik fein, aber hochkomplex, voller Energie und dabei sehr lang. Sie wirken in ihrer Tiefe und Intensität aber wohlproportioniert. Es bildet sich ein berauschender Trinkfluss, die Flaschen sind ziemlich schnell leer – eines der größten Attribute herausragend balancierter Weine.

Pinot Noir

Seit einigen Jahren wird nun auch Chardonnay bei Chacra auf die Flasche gebracht, in Zusammenarbeit mit einem der berühmtesten Winzer des Burgunds, Jean Marc Roulot. Diese sind eben auch keine nach Patagonien exportierten Meursault. Man kann in ihnen die Bodega Chacra oder vielmehr den Ort Mainque wieder erkennen. Sie sind voller Mineralität, dabei haben sie aber auch etwas verführerisch duftiges, sind voller Esprit und im Verhältnis zur ihrer profunden Qualität geradezu schwebend und ohne Schnörkel. Auch sie, genau wie die Pinots, sind damit ein Versprechen, welches die Sehnsucht einlöst nach einer Kopie, die besser ist als das Original. Damit beweist Bodegas Chacra dass eine bessere „Neue Welt“, eine utopische Weinwelt, möglich ist.

93–94+
/100

Bodega Chacra

Patagonien

f

Pinot Noir, trocken

z

seidig & aromatisch
saftig
fruchtbetont

a

Lobenberg: 93–94+/100

Suckling: 93/100

97
/100

Limitiert

Mainque Chardonnay

Bodega Chacra

Patagonien

f

Chardonnay, trocken

z

unkonventionell
fruchtbetont
mineralisch

a

Lobenberg: 97/100

Suckling: 96/100

96–98
/100

Bodega Chacra

Patagonien

f

Pinot Noir, trocken

z

seidig & aromatisch
pikant & würzig
saftig

a

Lobenberg: 96–98/100

Parker: 97/100

97–98
/100

Bodega Chacra

Patagonien

f

Pinot Noir, trocken

z

seidig & aromatisch
saftig
pikant & würzig

a

Lobenberg: 97–98/100

Suckling: 98/100

98–99
/100

Bodega Chacra

Patagonien

f

Chardonnay, trocken

z

voll & rund
mineralisch
exotisch & aromatisch

a

Lobenberg: 98–99/100

Suckling: 99/100

97
/100

Bodega Chacra

Patagonien

f

Pinot Noir, trocken

z

seidig & aromatisch
saftig
pikant & würzig

a

Lobenberg: 97/100

Suckling: 96/100

Milan Milas

Milan Milas

Milan Milas ist ein Weinenthusiast. Er liebt Pinot Noir, Cabernet Sauvignon, Syrah, Grenache, Tempranillo, Riesling und Gamay genauso wie Sangiovese oder Nebbiolo. Kein Tropfen ist vor seinem Gaumen gefeit. Seine Urlaube verbringt er gerne in Frankreich, wo Weingutsbesuche natürlich auch mit dazu gehören. Für das Team Lobenberg ist er im Marketing tätig.

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