Von Frederik Nikolai Schulz

Weinbau und Klimawandel

Der ganze Hang ist von Kalk durchzogen!

Ein Satz, der mir noch immer in den Ohren klingelt, wenn ich mich aufmache in das Dorf, in dem ich aufgewachsen bin. Kalkhaltige Böden, eine Exposition nach Südosten, dazu eine sanfte Neigung. Irgendwie erinnert mich der Hang ein wenig an das Burgund und die Côte d´Or. Im Grunde herrschen hier ideale Bedingungen für ein paar Weinreben – oder gleich für einen ganzen Weinberg! Die Crux liegt darin, dass ich mich auf meinem Heimweg weder in den Rheingau noch an die Mosel oder eine andere Weinregion aufmache.

Weinbau und Klimawandel

Aufgewachsen bin ich in einem kleinen Dorf, das nahe der östlichen Ausläufer der Schwäbischen Alb auf rund 500 Metern Höhe liegt. Die klimatischen Bedingungen sind hier – zumindest auf dem Papier – ziemlich ungeeignet für den Anbau von Wein. Die Jahresdurchschnittstemperatur ist zu gering, im Herbst ist es nicht nur deutlich kälter als in klassischen Weinregionen, sondern die meiste Zeit neblig und damit feucht. Vier pilzresistente Reben im Garten hinter dem Elternhaus reifen nicht nur mindestens drei Wochen später aus als ihre Pendants rund um Stuttgart, auch in Sachen Ertrag hatten sie bislang nicht wirklich etwas zu bieten. Da freuten sich höchstens die Vögel über ein kleines Dessert.

Die richtige Reife – kein Problem?!

Ganz aus meinen Gedanken kann ich den Traum vom saftigen Riesling Kabinett von der Ostalb trotzdem nicht löschen. Das liegt daran, dass mittlerweile an Orten Wein wächst, die noch vor ein paar Jahrzehnten als vollkommen ungeeignet abgestempelt wurden. Wer hätte schon vor 100 Jahren an Schaumwein aus Großbritannien oder aus den Niederlanden gedacht, wer an Cabernet Franc aus Kanada oder an Chardonnay aus Schweden? Wie froh konnten deutsche Winzer zu Beginn des 20. Jahrhunderts sein, wenn ihre Beeren richtig reif wurden. Ein Problem, das seit mindestens 10 Jahren nicht mehr existiert. Das Gegenteil ist der Fall: deutscher Wein wird reif, mancherorts sogar zu reif, etwa wenn frühreife Rebsorten auf ein Hitzejahr wie 2018 treffen. Schon allein die Beobachtung lassen darauf schließen, dass sich der Weinbau in einem aufregenden Wandel befindet. Manch einer mag sogar von einem Wendepunkt sprechen, herbeigeführt durch den Klimawandel. Zahlen bestätigen die Beobachtungen eindrucksvoll. Und was des einen Freud ist, ist des anderen Leid. Wie verändert sich der Weinbau im Zeichen des Klimawandels? Versuchen wir, dieser Frage ein wenig auf den Grund zu gehen.

Mit ökologischer Nachhaltigkeit hat das wenig zu tun...

Ein Jahrgangs-Trio als Anschauungsmodell

Blicken wir zurück auf die Weinjahre 2017, 2018 und 2019. Die letzten beiden zählen zu den drei durchschnittlich wärmsten Jahren seit Beginn der Wetteraufzeichnung. Alle zeigten sie markante Symptome des schleichenden Klimawandels. 2017 traf die europäischen Winzer der Schlag gleich zu Beginn des Jahres. Ein ungewöhnlich früher Austrieb, verbunden mit harten Spätfrösten, führte zu einem großflächigen Erfrieren der jungen Triebe in vielen Weinregionen. Je wärmer die Temperaturen bereits im Frühjahr, desto wahrscheinlicher wird ein früher Austrieb und damit auch der Einfluss von Spätfrösten während der Eisheiligen im Mai auf das Triebwachstum.

Die Gegenmaßnahmen sind vielfältig. Neben kreisenden Helikoptern über Weinbergen, die für einen Austausch der Luftschichten sorgen sollen, bleiben mir die Bilder von hell erleuchteten Weinbergen im Burgund besonders gut in Erinnerung. Unzählige kleine Feuertöpfe säumen hier fast jedes Frühjahr in den eiskalten Nächten die Rebzeilen. Wer das nötige Kleingeld besitzt, stattet seine Drahtrahmen gar mit Heizdrähten aus, wie es Moët & Chandon in der Champagne in einigen Parzellen gemacht hat. Mit ökologischer Nachhaltigkeit hat das wenig zu tun, aber welcher Winzer würde nicht alles daran setzen, dass seine Triebe im Laufe des Jahres Trauben tragen? Ein Totalausfall bereits im Frühjahr kann getrost als Supergau bezeichnet werden.

Reife der Traube

Das Jahr 2017 ist ein Paradebeispiel für das unglückliche Zusammenspiel von Spätfrösten und einem frühen Austrieb. Dennoch gilt der Jahrgang unterm Strich als vergleichsweise kühl und frisch. Sommer und Herbst brachten eher moderate Temperaturen. Ganz anders sah das Bild 2018 aus: das durchschnittlich heißeste Jahr seit Beginn der Wetteraufzeichnung in Deutschland. Gerade die Jungfelder litten schwer unter der Trockenheit im Hochsommer. Nur durch stetige Bewässerung konnten viele Reben am Leben gehalten werden. 2019 schloss glücklicherweise nicht nahtlos an diese Extreme an. Gleichwohl reiht sich das Jahr hinter 2014 auf den dritten Platz der durchschnittlich heißesten Jahre ein. In Erinnerung bleiben vor allem die kleinen, aber extremen Hitzewellen im Juni und Juli. Die Folge waren teilweise schwere Schäden an den Trauben durch Sonnenbrand. Auch 2019 war letztlich ein viel zu trockenes Jahr in Europas Weingärten. Deutlich wird beim Blick auf die vergangen Jahrgänge, dass Wetterextreme eine immer krassere Rolle spielen und weiterhin spielen werden. Nicht nur Trockenheit und harte Frostnächte, auch Hagelstürme oder schwere Regenfälle machen Winzern weltweit öfter zu schaffen. Die Bilder der Waldbrände in Australien und den USA gingen um die Welt – auch etliche Hektar Reben fielen den Flammen zum Opfer. Alles wird ein Stück weit unberechenbarer.

Vor allem im Rotweinbereich setzt 2018 neue Maßstäbe.

Weinlese à la minute

Welchen Einfluss hat das Ganze auf den Wein? Wenn wir den wichtigsten Parameter des Klimawandels betrachten, den Anstieg des Kohlenstoffdioxidgehalts, dann hat dieser nach neuen Erkenntnissen aus Geisenheim eher einen positiven Einfluss auf die Weinreben, da CO2 ähnlich wie ein Dünger wirkt. Langfristig steigen jedoch auch die Temperaturen. Und das beeinflusst den Gehalt an Zucker und Säure in den Beeren. Ersterer nimmt stetig zu, der Säuregehalt nimmt hingegen bei fortschreitender Reife ab. Ganz besonders wurde der Einfluss von hohen Temperaturen im Jahr 2018 deutlich. So früh wie in diesem Jahr wurde in Deutschland in vielen Anbaugebieten noch nie gelesen. In Baden hatten viele Winzer bereits Mitte bis Ende September alle Trauben im Keller. Wer nicht rechtzeitig mit der Lesemannschaft im Weinberg stand, bekam einige Monate später die Quittung: Alkoholstarke Weine mit niedrigen Säurewerten, bei deren Verkostung nicht wirklich Trinkfreude aufkommt. Dennoch gilt 2018 nicht nur in Deutschland als Spitzenjahrgang, was daran liegt, dass ein großer Teil der Weingüter glücklicherweise den richtigen Lesezeitpunkt getroffen hat. Vor allem im Rotweinbereich setzt 2018 neue Maßstäbe. Aber spätestens seit 2018 ist wohl allen bewusst, wie klein und fragil dieser Zeitraum in Zukunft immer öfter sein wird. Den Sommerurlaub im August, zwischen den abschließenden Arbeiten an den Reben und der Lese, können sich die meisten Winzer in Süddeutschland mittlerweile abschminken. Auch in kühleren Regionen wie an der Mosel oder an der Nahe werden die Lesezeitpunkte immer entscheidender, vor allem wenn es um das deutsche Aushängeschild schlechthin geht, den Kabinett.

Katharina Wechsler bei der Lese

Was also ist zu tun?

Klar ist, dass die Lese für frische, elegante Weine immer weiter vorgezogen werden muss. Aber das hat Grenzen, denn auch die physiologische Reife der Beeren muss gegeben sein. Je kürzer die Reifezeit, desto kürzer auch die Zeit, in der die Beeren ihr ganzes Aromaprofil entfalten können. Deshalb heißt das Credo dennoch vielerorts: die Trauben so lange wie möglich hängen lassen und dann möglichst an anderen Stellschrauben drehen. Allgemein ist das Ansäuern der Weine in südlichen Weinregionen ein Thema. Auf lange Sicht können jedoch sanftere Methoden Wirkung zeigen. Etwa die Einführung von biologischer oder biodynamischer Bewirtschaftung. Die Beeren werden hier langfristig nicht nur kleiner und dickschaliger, sondern generell schneller physiologisch reif.

Da geht das nördliche Médoc fast schon als Cool Climate durch.

Ein smartes Mittel, das den Wein zwar kantiger, aber auch frischer und eleganter erscheinen lässt, setzt sich gerade im Rotweinbereich weiter durch: die Zugabe von Rappen zur Maischegärung, um den Gerbstoffgehalt zu erhöhen. Im Burgund wird dies schon seit einiger Zeit praktiziert, mittlerweile auch bei vielen deutschen Pinot-Spezialisten. In Bordeaux vergären ebenfalls immer mehr Betriebe mit einem Teil ganzer Trauben oder mit abgebeerten Stielgerüsten. Einige Top-Château des Bordelais wenden sich zudem immer öfter vom Ausbau in neuem Holz ab und mehr neutraleren Gebinden wie Beton, Amphoren oder großen Holzfässern zu. Diese verleihen den ohnehin schon kraftvollen Weinen nicht noch mehr Substanz. Aber gerade an den Ufern von Garonne und Dordogne werden einer frühen Lese und der klugen Verarbeitung der Trauben Limits gesetzt, denn anders als in vielen Europäischen Weinregionen können die Winzer des Bordelais nicht in die Höhe ausweichen. Da gehen die kühleren Regionen im nördlichen Médoc, wo etwa Clos Manou oder Chateau Carmenere sitzen, fast schon als Cool Climate durch. In Deutschland gibt es hingegen etliche hochgelegene, kühle Lagen. Beispiele sind der Hallgartener Hendelberg im Rheingau oder das Kleinod von Weingut Odinstal hoch über Wachenheim an der Mittelhaardt.

Deutsche Winzer auf dem Höhepunkt

Aber bedeutet das automatisch das Ende der klassischen Regionen, der großen internationalen Weinklassiker und gar das Aus des deutschen Rieslings? Keinesfalls. Denn wie die Winzer auf nationaler und internationaler Bühne mit den Einflüssen des Klimawandels umgehen, ist erstaunlich. Schauen wir nach Baden an den Kaiserstuhl, wo trotz brütender Hitze im Sommer strahlende und hochfeine Pinots bei Julian Huber und Friedrich Keller entstehen. Schauen wir nach Bordeaux, wo die Topliga der Château von Saint-Émilion Weine präsentiert, die stilistisch an elegante Cabernet Franc von der Loire erinnern. Dass sich das schleichend ändern wird, ist klar, aber noch gehören viele Teile der Alten und auch der Neuen Welt zu den Gewinnern des Klimawandels. Anders sieht das in einigen Regionen Australiens, Südamerikas oder der USA aus, wo es langsam zu heiß für lukrativen und nachhaltigen Weinbau wird. Bewässerung kann langfristig nicht die Lösung sein. Und auch in Südeuropa leiden weite Landstriche unter der Trockenheit – der größte Feind des Weinbaus. Vor allem Südfrankreich und Teile Spaniens haben ordentlich zu kämpfen.

Philipp Kuhn

Bei uns hingegen halten die dort angebauten Rebsorten langsam Einzug und es zeigt sich, dass diese in Deutschland durchaus Potenzial haben. Wer einmal Syrah von Hans Peter Ziereisen oder Viognier von Philipp Kuhn probiert hat, wird dem nicht mehr widersprechen können. Abgesehen von diesen geglückten Experimenten befinden sich weite Teile der »Cool-Climate-Regionen« gerade auf dem Peak ihres Schaffens. Sowohl die Burgundersorten als auch Riesling oder Lemberger waren in Deutschland noch nie so gut wie in den vergangenen 10, 20 Jahren. Es waren 20 Jahre ohne einen einzigen wirklich schlechten Jahrgang. Klar, dass es lokale Unterschiede gab. Und glücklicherweise hatte jeder Jahrgang seine Eigenheiten – blicken wir zurück auf 2017, 2018 und 2019. Eindeutig ist aber, dass sich die Machtverhältnisse verschoben haben: Es sind die Winzer, die den Wein mit ihren klugen Entscheidungen grundlegend prägen, nicht mehr vornehmlich das Jahr. Denn um die richtige Reife müssen Winzer nicht mehr bangen.

Es sind goldene Zeiten, in denen wir Wein erleben und genießen dürfen.

Dass deutscher Wein so gut ist wie nie zuvor, wird sich so schnell nicht ändern. Es sind goldene Zeiten, in denen wir Wein erleben und genießen dürfen. Und was wird dann in den nächsten Jahren mit dem deutschen Riesling geschehen? Der wird sich zwar verändern, aber mit Sicherheit nicht aus unseren Weinbergen verschwinden. Schon jetzt zeigt sich, dass Rieslinge aus warmen Regionen Deutschlands stilistisch breiter und kraftvoller werden. Gerade in der Pfalz und Rheinhessen erinnern sie nicht selten an elegante weiße Burgunder, wie sie einmal an der Côte de Beaune entstanden.

Der Traum vom Ostalb-Riesling

Der Grundsatz, dass sich Weinbau in der nördlichen Hemisphäre nur zwischen dem 40. und 50. Breitengrad abspielen kann, muss seit einigen Jahren revidiert werden. Immer häufiger hört man von Weinbau-Projekten in Skandinavien, aber auch direkt vor unserer Haustüre, auf den nordfriesischen Inseln, werden immer mehr Reben gepflanzt. Alles wird sich im Weinbau langfristig nach Norden verschieben – oder in die Höhe. Den Traum vom Ostalb-Riesling werde ich somit nicht begraben. Bis es aber soweit ist, erfreue ich mich der Eleganz alter Klassiker und der Verspieltheit neuer Shootingstars. Vielleicht mit einem Vergleich Champagner versus British Sparkling Wine?

93–94
/100

Philipp Kuhn

Pfalz

f

Viognier, trocken

z

voll & rund

a

Lobenberg: 93–94/100

93–94
/100

Hanspeter Ziereisen

Baden

f

Syrah, trocken

z

saftig
strukturiert
fruchtbetont

a

Lobenberg: 93–94/100

92–93
/100

Hush Heath Winery

Kent

f

Cuvée, trocken

z

fruchtbetont
unkonventionell
exotisch & aromatisch

a

Lobenberg: 92–93/100

Parker: 90/100

94+
/100

Bernhard Huber

Baden

f

Spätburgunder, trocken

z

seidig & aromatisch
saftig
fruchtbetont

a

Lobenberg: 94+/100

Suckling: 93/100

97–98+
/100

Franz Keller

Baden

f

Spätburgunder, trocken

z

pikant & würzig
seidig & aromatisch

a

Lobenberg: 97–98+/100

Gerstl: 19+/20

Frederik Nikolai Schulz

Frederik Nikolai Schulz

Frederik studiert an der Universität Gießen und an der Hochschule Geisenheim Weinwirtschaft. Seit seiner Kindheit zieht es ihn fast jährlich nach Frankreich, vor allem an die bretonische Atlantikküste. Durch ein Auslandspraktikum sind ihm auch das Bordelais und dessen Weine besonders ans Herz gewachsen. Seine Leidenschaft für das Schreiben bringt er seit Ende 2020 ins Magazin ein.

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