Lobenberg: Rocche Annunziata ist die tiefstgelegene Lage von Voerzio auf 250 bis 300 Höhenmetern. Sie liegt da, wo Altare seine Weinberge hat, die quasi andere Hangseite des Arborina. Das nächste kleine Tal hat eine Amphitheater-Form. Deutlich wärmer, und trotzdem ist die Lage in dieser Ecke einer der elegantesten Weinberge überhaupt, die Böden sind einzigartig mit einem höheren Anteil an Sand, der zu dem seidigen und würzigen Charakter und der Finesse des Weins beiträgt. Roberto Voerzio arbeitet biodynamisch, aber ohne Zertifizierung. Im Weinberg gibt es winzige Erträge von klar unter 20 Hektolitern pro Hektar, häufig sogar nur 15 oder gar 10 Hektoliter. Es sind extrem stammnahe, winzig kleine Träubchen. Die Reben stehen in extremer Dichtpflanzung von 10.000 und mehr Stöcken pro Hektar und sind im Durchschnitt um die 30 Jahre alt. Der Ertrag pro Pflanze liegt damit zwischen 300 und 500 Gramm. Normalerweise reduziert Roberto die Weinstöcke auf fünf Trauben pro Rebe. Zusätzlich werden die Trauben mittig halbiert, sodass nur die Schultern und der mittlere Teil in den Wein kommen. In warmen Jahren reduziert Roberto sogar auf vier Trauben pro Stock, der durchschnittliche Ertrag liegt dann bei circa 400 Gramm pro Pflanze. Diese Ertragsreduzierung soll aber nicht die Intensität erhöhen, sondern saftige Frucht mit genialer Balance erreichen. Nur Spontanvergärung. Wie alle Weine Voerzios 100 Prozent entrappt und für zwei Jahre in burgundischem, sehr dichtporigem Holz, das minimal getoastet wurde, ausgebaut. 20 bis 25 Prozent der Fässer sind neu, der Rest wurde maximal sechs Mal befüllt. Leuchtendes Rubinrot. Die Farbe ist hier merklich tiefer als die des La Serra. Dicht und kirschig, hier schwingen auch dunkle Aromen mit. Saftige Pflaumen und ein Hauch exotischer Litschi. Verführung vom anderen Stern! Feine Vanillewürze, zart schwebende weiße Blüten kommen dazu. Im Mund kommt dann die totale Überraschung in Form von nochmal intensiveren, immens dichten und würzigen Aromen. Kirschen in allen Formen und Farben. Hier trifft sonnige, reife Frucht auf saftige Finesse. Das ist schon phänomenal gut. Die Tannine sind fein strukturiert und doch auch verträumt rund poliert. Und die Frucht ist beinahe süß, immer in harmonischer Balance bleibend. Reife, süße Erdbeeren und Kirschen mit einem Hauch Pfirsich und Orangenschalen. Das ist seidig und so schön. Wow! Ein hedonistischer Wein. 98/100
Der Jahrgang 2020 ist der Mittlere einer Trilogie herausragender, großer Jahrgänge im Piemont. Im Weinberg waren die Konditionen des Bilderbuch-Jahrgangs absolut perfekt. Während der Wachstumsperiode wurden die Reben mit ausreichend Regen versorgt, die Temperaturen waren im Sommer warm und ausgeglichen, ohne Hitzespitzen. Ab September sorgten die kühlen Nachttemperaturen für das langsame, gleichmäßige Ausreifen der Trauben – also hervorragende Voraussetzungen. Wenn man den Jahrgang mit nur einem Wort beschreiben müsste, wäre es »Balance«. Die besten 2020er Nebbiolo Weine sind mit unendlich dichter, manchmal beinahe überwältigend intensiver, umwerfend attraktiver, saftiger, vibrierender, roter Frucht ausgestattet. Sie haben viele, dafür aber unendlich feine, rund polierte Tannine, die harmonisch in diese opulente »Fruchtwelle« integriert sind, ihre rassige Säure verleiht den Weinen neben diesem Tanningerüst zusätzlich ein vielversprechendes Reifepotential. Ob ihrer reifen Frucht werden die 2020er Baroli und Barbaresci dennoch vor den noch intensiver und klassischer strukturierten 2019ern und auf jeden Fall vor den 2016ern in ihr Trinkfenster kommen. Das Barolo Consortium vergleicht 2020 mit dem Jahrhundertjahrgang 2016, aber die Weine haben genuss-technisch sogar noch mehr auf dem Kasten, denn sie erreichen eine traumhafte Kombination aus der ultra-hedonistischen Frucht des Jahrgangs 2018 mit der phänomenalen, klassischen Struktur des Jahrgangs 2019. 2020 ist also »The best of both worlds«.