Von Felix Bodmann

Mit zweierlei Maß messen

Verkosten geht nur konzentriert und Trinken am besten mit ausgeschaltetem Kopf? Felix Bodmann ist sich da nicht so sicher …


Als der amerikanische Weinkritiker Robert Parker seinen »Wine Advocate« um die Jahrtausendwende auf eine digitale Plattform migrierte, erweiterte er das Angebot um die »Hedonist’s Gazette« – eine Blog-ähnliche Publikation über in lockerer Atmosphäre getrunkene Weine sowie die begleitenden Speisen und/oder gastgebenden Restaurants. Im Kleingedruckten bat er um Verständnis, dass die Beschreibungen und Bewertungen den Umständen geschuldet nicht so »fokussiert« seien, wie Berichte von reinrassigen, professionellen Verkostungen. Bis heute sind die Artikel der Hedonist’s Gazette sämtlichst kostenfrei abrufbar. Es dürfte nicht zuletzt diese Präsentationsform als kostenloses Goodie mit eingebauter Irrtumswahrscheinlichkeit sein, die in der Weinwelt die Ansicht zementiert hat: genießen oder verkosten, es geht nur eines von beiden. Aber stimmt das überhaupt?

»Das ist diese typische Saftigkeit eines 2016er Rieslings, denn 2016 wurde ja quasi überall in Deutschland saftig.«

Wein verkosten mit System

Das Verkosten von Wein gliedert sich meines Erachtens in vier Unterdisziplinen. Beschreiben, Bewerten, Bestimmen und etwas, was man auf der Suche nach einem vierten B »Bezug herstellen« oder vermeintlich gebildet »Kontextualisieren« nennen könnte. Bestimmen hat vor allem Sinn, wenn der Wein ganz oder teilweise blind gereicht wird. Umgekehrt ist Kontextualisieren nur möglich, wenn einige oder alle Fakten bekannt sind. Ich kann also bestimmen, sobald mir irgendeine Information fehlt (»Welcher Jahrgang Halenberg von Emrich-Schönleber ist das?«) und Kontextualisieren, sobald ich einen Informationsfetzen habe (»Das ist diese typische Saftigkeit eines 2016er Rieslings, denn 2016 wurde ja quasi überall in Deutschland saftig«). Diesen beiden Fragen kann ich mich aber auch widmen und gleichzeitig meiner neuesten Eroberung Kusshändchen zuwerfen oder Seelachsfilet mümmeln (»ich« im übertragenen Sinne, also zum Beispiel Sie, nicht ich persönlich, denn erstens bin ich verheiratet und zweitens bevorzuge ich Kabeljau).

Schwieriger wird es in einem solchen Szenario mit der Beschreibung des Weines, denn wer jetzt Zettel und Stift zückt um zu notieren, welches Aroma wann zutage tritt und wie lange der Abgang währt, riskiert, dass entweder der Fisch oder das Interesse der neuesten Eroberung erkaltet. Die Bewertung schließlich unterliegt in diesem Kontext der größten Unschärfe: je hübscher die Eroberung (oder leckerer der Seelachs), desto großzügiger vermutlich der Punktrichter gegenüber dem Wein. Genau darauf zielen Parkers Einschränkungen hinsichtlich der Hedonist’s Gazette ab. So weit, so selbstverständlich.

Doch wer jetzt denkt, die Birne ist geschält, der hat die jüngsten Entwicklungen verschlafen. Die haben mit dem Internet zu tun, der »Demokratisierung«, »Schwarmintelligenz«, CellarTracker, Instagram und »Posen« – oder einfach digitalem »Hedonismus«. Parkerpunkte waren gestern, sein Bewertungsmonopol ist ziemlich erodiert. Heute stellen Konsumenten andere Ansprüche und die jüngeren Weinkritiker tragen diesen Rechnung. »Jünger« heißt in diesem Kontext übrigens so viel wie »noch nicht im Rentenalter«. Die anderen, Urgesteine und Legenden, verbringen derweil erstaunlich viel Zeit damit den Fortschritt zu bekämpfen.

Weinsprache für moderne Zeiten

Eine dieser – von mir hoch geschätzten – Granden wettert gerne ausführlich und regelmäßig sozialmedial gegen Weinvokabeln, die sich zunehmend in Weinbeschreibungen breit machen. Auf Facebook schrieb er neulich »TRINKIG! ICH HABE TRINKIG GELESEN! ZU MEINER ZEIT…« (Rest können Sie erahnen). Man kann sich bildlich vorstellen, wie er schnappatmend vor dem Computer sitzt. Ähnlich geht es ihm mit Vokabeln wie »Trinkfluss«, »Spuckwiderstand« usw. Dabei ist dieser Zug doch abgefahren. Längst wissen zwei von drei Weinkonsumenten, was gemeint ist, wenn jemand schreibt, Wein XY habe den JLDF-Test gewonnen. (Haben Sie das jetzt wirklich gegoogelt??? Das heißt »Je Leerer Die Flasche« (desto besser der Wein), Sie alter weißer Mann!) Immer häufiger gilt es als Gütesiegel, wenn ein Wein Menschen zum hemmungslosen Zechen verleitet.

Aber die Granden haben meiner Meinung nach Recht. Trinkig & Co. sind kein Maß für Weinqualität, sondern für Durst. »Zug«, »Saftig«, »Stahlig« beschreiben für mich eher die Verführerqualitäten eines Weines auf eine Weise, die auch derjenige erfahren kann, der den Wein letztlich dem Spucknapf überlässt. (Ich finde »Spuckwiderstand« wunderbar, wenn es nicht so ein wenig nach Wichtigtuer-Profitalk klänge). Den JLDF-Test mag ich zwar auch, weiß aber aus Erfahrung, dass er starken Schwankungen unterliegt, je nachdem, ob es draußen hell oder dunkel, drinnen kalt oder warm, Freitag oder Montag ist.

Hat Robert Parker am Ende also Recht? Geht nur entweder Hedonismus oder konzentrierte Verkostung? Ja, Nein, Vielleicht. Parker war immer der Mann für die großen Weine. Als er die Hedonist’s Gazette gründete, gab es im Wine Advocate keine Besprechung von Riesling Gutsweinen für ’nen Zehner. (Das ist heute anders.) Und der Erfolg seines Punktesystems hat Händler wie Lobenbergs Gute Weine (Heiner, Du musst jetzt ganz tapfer sein) dazu verleitet, auch dem kleinsten Wein des Sortiments noch imposante Punkte umzuhängen. Aus gutem Grund, denn der Konsument wünscht sich das und der Kunde ist König.

»Es ist Samstagabend, keine Termine: Die Flasche ist schnell leer.«

Hippe Hedonisten hergehört

Den Trinkfluss eines einfachen Weines zu beurteilen, wenn man ausspuckt und nach zwei Probeschlucken zum nächsten Kandidaten übergeht, ist tatsächlich kaum möglich. Fröhliches Zechen ist der wahre Lackmustest für einen Gutsriesling. Und ja, das bedeutet in letzter Konsequenz, mit zweierlei Maß zu messen. Wenden wir das doch einmal auf einen Beispielwein an. Bei der Entstehung dieses Textes begleitete mich der Riesling 7 Terroirs des Weinguts Gut Hermannsberg aus dem Jahrgang 2018. Den habe ich schon einmal für den Gault&Millau Weinguide verkostet, für den ich in den letzten drei Jahren die Weine des Anbaugebietes Nahe bewertete.  Ich gab ihm strenge 88 Punkte. Das war freilich im »Parker-Modus«, den ich scheinbar ganz gut beherrsche, denn der Wein hat auch in Parkers Wine Advocate 88 Punkte erhalten. Nun also einmal die hedonistische Verkostung:

Gut Hermannsberg, 7 Terroirs, Riesling trocken, 2018, Nahe

Erster Eindruck: Vollgas! (Über)reife Aprikose, ordentliche Säure, viel Druck, ziemlich süß (Zucker oder Extrakt, egal), eher wenig Mineralik/Phenolik, große Rieslingtypizität aber auch sehr mollig, möchte ich in großen Schlucken trinken (kann ich aber nicht, weil ich noch einen Termin habe). Spät am Abend als Absacker nach dem (weinfreien) Termin ist er mir zu süß – es ist aber auch kurz vor dem Schlafengehen, da mag ich’s gerne leiser. Mit 24 Stunden Luft nur wenig verändert, vielleicht ein bisschen Phenolik im Abgang, die vorher fehlte. Immer noch spaßige Wuchtbrumme mit guter Länge, jetzt aber auch mit Anspruch im Abgang. Es ist Samstagabend, keine Termine: Die Flasche ist schnell leer. Hätte ich einfach großen Weindurst, ich wäre bei diesem Wein vorzüglich aufgehoben.

Neben 88 Parker Punkten (PP) verdient der 7 Terroirs also durchaus auch eine begeisterte Trinkflusswertung, sagen wir 94–95 Punkte auf der Hedonismus-Skala (HP). Wer je mit Heiner Lobenberg Wein getrunken hat, weiß, dass kaum jemand geeigneter wäre, diesen neuen Weltstandard zu setzen, als er. Und siehe da: hier im Shop steht als Bewertung des Hausherren 94–95 Punkte. Die häufig zu vernehmende Kritik, Heiner Lobenbergs Bewertungen seien inflationär, ist nichts als ein Missverständnis. Merke: Heiner-Punkte sind Hedonismuspunkte. HP – Ein Gütekriterium für sich!

Über den Autor: Felix Bodmann

Felix Bodmann schreibt seit 2009 den Weinblog »Der Schnutentunker« und erklärt seit 2014 in der Webweinschule Anfängern auf YouTube den Wein. Daneben betätigt er sich auch als Autor und Verkoster für Zeitschriften und Weinführer. Sein jüngstes Baby ist der Wein-Podcast »Blindflug«, in dem sein Ko-Moderator Sascha Radke und er sich gegenseitig Wein in schwarzen Gläsern servieren.