Von Milan Milas

VDP Große Gewächse Premiere 2021

Long time no see!

Sonntag, 10 Uhr morgens in Wiesbaden, vermutlich die beste Weinprobe der Welt, und ich darf wieder dabei sein, da schlägt der Puls beim Betreten der heiligen Hallen schon höher. Für einige der dort immer wieder erscheinenden Kollegen und Journalisten ist diese grandios organisierte Probe des VDP in Wiesbaden eine Art „Und täglich grüßt das Murmeltier“ der Weinwelt. 

VDP Verkostung Wiesbaden

Für mich ist es fast wie ein Déjà-vu, so lange war ich nicht hier. Einige Proben von 2008 bis 2012 habe ich schon mitgemacht, danach musste ich mich mehr um andere Weine und Regionen kümmern und die raren Plätze bei der Verkostung wurden an geeignetere Kandidaten verteilt. Nun bin ich zurück, Danke an den VDP! Der Saal, die Einrichtung, selbst Stühle und Tische scheinen sich nicht verändert zu haben. Die Tischabstände zu den anderen Verkostern sind vielleicht, aus bekannten Gründen, vergrößert worden. Ich war aber solange nicht hier, dass mir dies keinesfalls auffallen würde. 

Die ultimative Möglichkeit

Ich liebe diese Veranstaltung, nirgends kann man 99 % der besten deutschen trockenen Weine an einem Ort verkosten. Das kann nur der VDP, ist doch fast ausnahmslos die komplette deutsche Weinelite VDP-Mitglied. Die Qualität hat sich in den letzten neun Jahren noch deutlich gesteigert, viele Spitzenbetriebe sind Neumitglied geworden andere haben den VDP verlassen. Es gibt einen weiteren Trend, der den Verkostern in die Karten spielt, in der Vergangenheit sparte der eine oder andere Spitzenbetrieb seine schon sehr nachgefragten Weine und stellte sie nicht zu Verkostung an. Dies scheint passé zu sein. Von Hubers Wildenstein bis zum Hundsrück von Fürst, Christmanns Idig und alleine fünf Weine aus dem berühmten Forster Kirchenstück, alle sind sie hier vertreten. Dies ist die ultimative Möglichkeit alles und jeden miteinander zu vergleichen. 

Team Lobenberg
Heiner, Milan und Elias zusammen mit Caro Maurer und Stephan Reinhardt

Das Ganze ist so gut und interessant und genial organisiert, dass die lieben Nachbarn aus Österreich es kopiert haben. Seit meiner Letzen Teilnahme scheint die Teilnehmerliste der Verkoster immer illustrer geworden zu sein. Es war schon immer so, dass jeder, der etwas auf sich hielt hier dabei sein wollte, nun ist aber auch jeder dabei. Vier Master of Wine und mindestens zwei Master Sommelier sind allein in dem Hauptsaal, in dem ich probiere, vertreten. Dazu kommen noch ein paar weitere Master of Wine, vor allem aus dem Ausland dazu, das gibt es wohl wirklich nur hier, sie verteilen sich auf die anderen Räume. 

Die Insignien des Weinwissens

Bildschirmschoner mit Petrus-Logo findet mal vermutlich nur hier, denn die Verkoster-Elite trägt die Insignien des Weinwissens auf Ihren Laptops durchs Land. Aufkleber mit vinophilen Andeutungen haben Hochkonjunktur, von weinigen T-Shirt-Sinnsprüchen ganz zu schweigen. Heiner schriebt seine Eindrücke live in unser System. Verkostungsnotizen quasi am offenen Herzen, wo gibt es das sonst noch? Damit wird er endgültig zur absoluten Gonzo-Verkostungs-Ikone. Alle Eindrücke sind eigentlich sofort in unserem Shop zu lesen, sein Verkosterkürzel ist hier dann »Lobenberg in Wiesbaden«. Nichts wird überarbeitet, geprüft oder bedacht, nichts ist kalkuliert. Ob bio, biodynamisch oder konventionell nur der Geschmack zählt jetzt. 

Die Weine sind hier oft noch etwas besser zu verstehen als vor vier Monaten.

Elias prüft akribisch seine Eindrücke aus dem Frühjahr. Die Weine sind hier oft noch etwas besser zu verstehen als vor vier Monaten. Diese Gelegenheit ist für Elias ein gefundenes Fressen, um seine Verkostungssinne noch mehr zu schärfen. Bereits am Dienstag reist er weiter zur Schwesterveranstaltung nach Österreich. So jetzt will ich probieren, am ersten Verkostungstag kann man keine Rieslinge probieren, das geht erst an Tag zwei und drei, da der Ansturm auf die Rieslinge die Abwicklung der Veranstaltung lahmlegen würde, so die Erklärung. 

Ich bin voller Vorfreude

Also erst mal Silvaner. Sauer, May und Luckert spielen hier in einer eigenen Liga, fein, leicht cremig, mineralisch und ungeheuer lang. Nun kommen die weißen Burgundersorten und Spätburgunder, ich bin voller Vorfreude, 2019 sollte ziemlich gut sein, nach allem was man schon als 2019 Riesling auf der Zunge hatte. Meine Erwartung wird erfüllt, sogar übertroffen, aber hier schon von den 2020 Weinen. Den Auftakt macht das Weißburgunder GG von Rebholz und ich bin sofort aus dem Häuschen. Das ist in seiner Größe eigentlich schon untypisch, solch eine mineralische Dichte hat der Wein. In Baden gibt es reichlich zu probieren, das Niveau ist sehr hoch wobei Heger und Huber zur absoluten Spitze gehören. Huber mit Chardonnay und Heger mit Weißburgunder und Grauburgunder, Aldinger, als Württemberger, passt da qualitativ genau rein, wobei sein Weißburgunder extrem fein ist. 

©peterbender

Nun kommen die roten Highlights

Das waren die weißen Highlights, nun kommen die roten und davon gibt es reichlich. Die tollen 2018er von Phillip Kuhn machen hier den Anfang, Phillip ist immer ein Jahr später dran. Die Rings Brüder legen die Messlatte für alle 2019 extrem hoch. Das ist Pinot Noir der absoluten Weltklasse, Respekt! Daneben besticht der rote Idig mit seiner genialen Reduktion auf das Wesentliche, aber das mit einem unglaublichen Gespür für Feinsinn. Denn gelungen Kontrast haben Vater und Sohn Becker auf die Flasche gebracht. Fulminant im Auftreten sind alle drei Weine, wobei der Heydenreich der feinste unter diesen dreien ist. Jetzt kommen die Pinots von Keller und Huber, Huber ist gewohnt gut, um extrem zu untertreiben, auf diesem Niveau ist auch Keller, wobei mir der Eichberg das Herz aufgehen lässt und Hegers Winklerberg Häusleboden in Punkto Opulenz noch eine Klasse drüber ist. Das ist alle schon ziemlich großes Kino! Das Weingut Fürst scheint noch eine drauf zu setzen, Franken at it’s best, an der Spitze in Deutschland. Ein paar Fotos und einige Texte gemacht, schon ist der Tag rum. 

Mich begeistern diese Weine, sie sind voller Spannung und haben eine unaufgeregte Tiefgründigkeit

König Riesling an der Mosel

Tag zwei und drei, König Riesling wartet. Auf geht es, eine Masse von Riesling ist zu probieren. Heymann-Löwenstein GGs sind ungewohnt hedonistisch, ein extrem verführerischer Anfang. Die Region Mosel, wie sollte es auch anders sein, hat die feinsten Weine. Extrem fokussiert, man glaubt doch den Wein direkt auf die unterschiedlichen Lagen schauen zu können, sie sind extrem klar gezeichnet. Null Fett, dafür aber eine unglaublich schmackhafte Mineralität und das in allen Weinen. Mich begeistern diese Weine, sie sind voller Spannung und haben eine unaufgeregte Tiefgründigkeit, die wohl nur hier so möglich ist. Viele Gänsehautweine gibt es hier: Karthäuserhof, Lauer, Zilliken, Lieser, van Volxem, Loosen, Grünhaus und vor allem Clemens Busch und Fritz Haag beeindrucken mich extrem. 

Leer Saal VDP
Vorfreude – Die Ruhe vor dem Sturm

Nahe und Rheingau

Die Nahe ist der Mosel ziemlich ähnlich, viel Finesse, viel innere Spannung und Mineralität und Kühle, eine fesselnd feinsinnige Kühle. Das gilt für alle Weingüter, einige haben vielleicht die elegantesten Weine seit langem angestellt, alles hier ist extrem belebend und faszinierend komplex doch in einer transparenten Ausführung, diese Kombination hat schon etwas Geniales. Das Rheingau schließt sich hier an. Peter Bernhard Kühn spielt wie immer in einer eigenen Klasse, von ihm gibt es 2019 zu probieren. Wilhelm Weil hat den Vogel abgeschossen, sein Gräfenberg gehört sicherlich zu den zehn besten trockenen Rieslingen aus 2020. So viel Finesse in Textur und Aromatik, ein großer Wein der einen zum Träumen bringt. 

Pfalz und Rheinhessen

Die Pfalz hat mit Bürklin-Wolf und Christmann Fokus und Tiefe neudefiniert. Rebholz und Müller-Catoir sind extrem elegant. Buhl stellt die sehr guten 2019 vor, die 2020 von Phillip Kuhn gehören zu absoluten Spitze! Rheinhessen ist für mich überragend. Kühling-Gillot und Battenfeld habe ich noch nie so saftig und präzise erlebt. Gunderloch hat unglaublich gute und fokussierte Weine, die aber genial in ihrer Aromatik sind. Schätzel ist gleichzeitig wild und fein. Phillip Wittmann hat mal wieder eine große Kollektion vorgelegt, straff, saftig, fokussiert und trotzdem mit einer berauschenden Tiefe versehen, die Lagen sind so klar erkennbar, das ist schon phänomenal. 

Sie werden mit Ihrer Beschränkung auf das Wesentliche Geschichte machen

Sehr viele tolle, einige große Weine

Danke an den VDP für die grandiose Organisation und Abwicklung. Sehr viele tolle Weine, einige große Weine, das ist das Ergebnis dieser genialen Verkostung. Die Spätburgunder dieser Probe gehörten zu den besten, die ich je aus Deutschland probieren durfte, das gleiche gilt für Weißburgunder und Grauburgunder. Der Riesling-Jahrgang 2020 hat in allen Regionen eine genial mineralische Vielschichtigkeit. Das sind für mich ganz besondere Große Gewächse auch im Kontext der tollen Vorgängerjahrgänge. Ich denke, sie werden mit Ihrer Beschränkung auf das Wesentliche Geschichte machen. 

VDP Verkostung
©peterbender
Milan Milas

Milan Milas

Milan Milas ist ein Weinenthusiast. Er liebt Pinot Noir, Cabernet Sauvignon, Syrah, Grenache, Tempranillo, Riesling und Gamay genauso wie Sangiovese oder Nebbiolo. Kein Tropfen ist vor seinem Gaumen gefeit. Seine Urlaube verbringt er gerne in Frankreich, wo Weingutsbesuche natürlich auch mit dazu gehören. Für das Team Lobenberg ist er im Marketing tätig.

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