Von unserem Winzer Michael Teschke erreichte uns der vorliegende offene Brief. Es ist die Verkündung eines Beschlusses mit offenem Visier und klarer Haltung. Man spürt den Frust, die Wut, die Müdigkeit und Resignation, aber genauso die Leidenschaft, den Hunger, den Genuss und die Liebe. Es ist uns eine Ehre, mit einem solchen Ausnahme-Winzer, wie es sie auf der Welt in dieser Kompromisslosigkeit nur selten gibt, (mindestens bis hierhin) einen gemeinsamen Weg gegangen zu sein. Dass uns seine Worte zuerst erreicht haben, macht uns überdies stolz. Und einen Hoffnungsschimmer gibt es übrigens auch noch…

Von MICHAEL TESCHKE

Ohne den letzten Kampf

Lieber Heiner,

meine Entscheidung, die Produktion unikater Weine weitestgehend einzustellen, ähnelt der eines ungeschlagenen Champions, der im Angesicht stetig ungleicher Verhältnisse unter Beibehalt des Titels in Ruhestand tritt, ohne den letzten Kampf kämpfen zu müssen. – Der einzig mögliche Schritt zur Legende!

Teschke

Allein die Veräußerung der alten Sylvanerweinberge zeigte bereits die Einzigartigkeit meines Schaffens – sie waren am schwierigsten und nur zu den geringsten Preisen zu vermitteln. Trotz Dokumentation durch meine Arbeit erwuchsen sie nicht zur Rarität gleich einer Abtserde oder eines Heerkreetz, denn es ist auch »nur« Sylvaner, der dort den richtigen Platz fand. Die Chance der Einzigartigkeit meines Schaffens bleibt somit weiterhin mir vorbehalten, als auch jedem weiteren, der dafür geboren wird oder wurde.

Eine überfällige Entscheidung

Als wohl allerersten Grund meines Abschieds nenne ich die für mich entstandenen Probleme und die Abwicklung der Handlese, die sich in den letzten drei Jahrgängen so schwierig nervenaufreibend, deprimierend, enttäuschend und verletzend darstellte, dass eine Entscheidung gegen diese Produktionsweise getroffen werden musste. Da ich aber selbst keine Maschinen geernteten Weine weder produzieren noch trinken möchte, war die Einstellungen der Produktion unumgänglich. Unter gleichzeitiger einkommenssteuerrechtlicher Betrachtung und der daraus resultierenden Vergütung meiner Arbeit war diese Entscheidung lang überfällig, denn nach Aufgabe verfüge ich nun über drei bis viermal mehr Einkommen als zuvor. Mein Vater ermahnte mich häufig, man möge nicht an der eigenen Kunst verhungern – dem trug ich Rechnung!

Teschke Weinberg

Ohne jegliche Bonitur und ohne Verstand

Der zweite und ebenso wichtige Grund zum Entschluss der Einstellung ist der banale Vergleich meiner naiven Wirtschaftsweise im Vergleich zur förderfähigen ökologischen als auch biodynamischen. Ich selbst hatte eine Beschäftigung in einem zertifizierten biodynamischen Weingut Anfang 2021 begonnen. Obwohl das Unternehmen seit 2012 umgestellt und durch EU-Fördergelder üppig unterstützt wurde, konnte ich innerhalb von drei Monaten gerade mal einen kümmerlichen Halm Knoblauch finden. Von dem Vorhandensein an sich wusste der Betriebsleiter nichts, gerne aber wurde mein Foto zur Verwendung auf der Website genutzt. Zeitgleich spross der gleiche Lauch bei mir flächendeckend. 

Im Verstand war leider nur Platz für die Belange der Traube

Aber die Unglaublichkeit kommt erst noch, denn dieser (mein) Boden wurde nach der Übernahme dieses Frühjahrs durch in Umstellung befindliche Weingüter ohne jegliche Bonitur und ohne Verstand einfach tot gemulcht, ungeachtet der vielen Blüten und den Schwierigkeiten der heimischen Hummel. Insbesondere dieses Jahr war diese so wichtig, denn ob der Kälte konnten alle Obstbäume hier fast ausschließlich von ihr bestäubt werden. Aber im Verstand war leider nur Platz für die Belange der Traube und eben nicht für die überlebensnotwendigen wilden Blüten als ihre erste Speise nach Verlassen ihrer Winterhöhle

Teschke im Weinberg

Nicht mehr selbst ans Kreuz nageln

Solange sich derer ökologische Ausprägung im Unterschied zu einer konventionellen Bewirtschaftung durch Aussaat ausschließlich rebengesonnener invasiver Pflanzenarten beschränkt unter gleichzeitiger Verdrängung ortstypischer und kreislaufrelevanter Pflanzenarten, solange Mitte Januar auch in biodynamischen Weingütern ohne Hirn und Verstand bei Bodenfrost Rebholz gehäckselt wird, damit es sauber ist, solange man das als ökologisch erkennt und mich nicht gleichzeitig zu den 10 besten Erzeugern dieses Planeten zählt, indem ich stets ein Musterbeispiel für bedingungslose Hingabe zum Feld war und höchsten Respekt auch meinen schlimmsten Schädlingen gegenüber praktizierte, solange werde ich mich nicht mehr selbst an ein Kreuz nageln und allen Widrigkeiten zum Trotz als Beispiel dienen, wenn der Unterschied der Zeit unmittelbar, offen, daneben lag. Mir war es zuletzt sogar möglich, die Wespe zu etablieren und zu nutzen und dabei ein und auszuschalten, ganz nach Bedarf.

Mission

Du hast etwas wie Mission erst möglich gemacht.

Es sind für den einen oder anderen möglicherweise etwas zu pathetische Worte, aber das habe ich nie angefangen, das waren andere, ich habe lediglich die einzelnen Aussagen gebündelt.

Angefangen bei Dir, lieber Heiner, für deine tolle und realistische Einschätzung und Darstellung meiner Arbeit mit Sylvaner und Portugieser. Du hast etwas wie Mission erst möglich gemacht. Seien es Titel wie König, Gott oder dergleichen, wollte ich doch richtig erkannt viel lieber die Seele des Sylvaners sein. Stuart Pigott formulierte 2004, gäbe es einen Preis für Wagemut im Weinbau in Rheinhessen, würde er an Michael Teschke gehen – und verdammt, ich muss heulen beim Schreiben. Das war ganz am Anfang und ist bereits 17 Jahre her. Hendrik Thoma zählte mich im persönlichen Gespräch zu den zehn besten Erzeugern »sur terre«. Ich brauchte nicht lang, um seiner Aussage Glauben zu schenken!

Rebsaft

Zur Freude der Menschheit

Mein dritter Grund ist meine unglaubliche Neugierde, ob das jetzt wächst, was neben mir nicht wachsen wollte oder konnte. Damit schließe ich bereits einzelne Personen der jüngeren Zeit aus, deren Arsch aktuell nicht mit den korrespondieren Hosen mitgewachsen ist, und die durch die Art und Weise im Umgang mit Trauben Probleme haben werden, einen Praktikanten-Status ablegen zu können. Aber daran ist der Journalismus und die Sensationslust maßgeblich schuld.

Bei alledem gibt es dennoch ein Trostpflaster, denn mein ältester und salzigster Sylvanerweinberg war einfach nicht zu vermitteln, so groß war die Angst davor! Zur Freude der Menschheit wird es also weiterhin aus jedem Jahr zwei unikate Weine geben.

Stop thinking of money and happiness will enter your life

Teschke und Lobenberg

Meine besten Erkenntnisse

Zu guter Letzt möchte ich meine besten Erkenntnisse und somit meine eigenen Regeln der letzten Jahre weitergeben: 

• Everything what can grow on this planet, doesn't grow by nutrients,
it grows by just love

• What you breath in is air, what you breath out is a poison, 
take care what you use it for

• Stop thinking of money and
happiness will enter your life

• Go to Temple

Lieber Heiner, nochmals vielen Dank und das Vertrauen als auch die Geduld im Umgang mit meiner Person. 

An die Liebe ohne Grenzen oder wie ein Abschied anders heißen mag,

Michel Teschke

89–90
/100

Michael Teschke

Rheinhessen

f

Portugieser, trocken

z

fruchtbetont

a

Lobenberg: 89–90/100

93–94
/100

Michael Teschke

Rheinhessen

f

Silvaner, trocken

z

fruchtbetont
voll & rund

a

Lobenberg: 93–94/100

97–98
/100

Michael Teschke

Rheinhessen

f

Silvaner, trocken

z

voll & rund
mineralisch

a

Lobenberg: 97–98/100

Gerstl: 20/20

Michael Teschke

Michael Teschke

Die Seele des Silvaners in Rheinhessen und in Deutschland lebt bei Michael Teschke in Gau-Algesheim. "Ich möchte das Rad beim Wein nicht neu erfinden, es soll sich lediglich etwas schöner drehen." Hier, genau hier, ist die Heimat des „anderen“ Silvaners, des ursprünglichen Silvaners, des Silvaners von...

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