Jahrgangsbericht Deutschland 2019

Der moderne Klassiker & »The best Vintage of the Century so far.«

Mit diesem Ausspruch bringt mit Jancis Robinson eine der weltweit erfahrensten Wein-Journalistinnen und eine anerkannte Kennerin des deutschen Weins unsere Erkenntnisse nach sechs Wochen in unserem Corona-Weinstudio genau auf den Punkt. Wir haben alle neuen GGs, Erste Lagen und Ortsweine sorgfältig analysiert und entsprechend unserer Begeisterung möglichst nachvollziehbar beschrieben. Wenn Ihnen beim Lesen der Texte nicht – wie uns zuvor beim Verkosten – das Wasser der Vorfreude im Munde zusammenläuft, dann kann Ihnen deutscher Wein nicht wichtig sein.


Die geniale Vermählung von 2010 und 2018 als die qualitativ bessere Wiedergeburt von 2001 oder wie Parkers Mann sagt: die Wiederauferstehung von 1937. Euphorische Superlative und Lobesworte über einen mengenmäßig sehr kleinen Jahrgang (Achtung: GGs unbedingt subscribieren!), die wir als Händler uns sonst kaum auszusprechen getraut hätten…« Denn der neue Jahrgang im Verkauf ist ja immer der Beste – ha ha ha. Aber Deutschland und deutsche Weine sind spätestens seit 2010 auf der Überholspur. Riesling, die Königin, dank des Klimawandels immer schmelziger und burgundischer, ja letztlich unanstrengender und trinkiger werdend, dazu die immer besseren, jetzt Weltklasse gewordenen Weißburgunder und -Silvaner (nirgendwo sonst gibt es diese zwei Rebsorten so gut) und sogar Chardonnay auf 1er Cru Burgund-Niveau. Den Spätburgunder gibt es außerhalb des Burgunds nirgendwo in der Klasse wie in Baden, der Pfalz, an der Mosel und in Franken. In der neuen unfreiwilligen nationalen Abschottung in Corona-Zeiten wäre mir zumindest in Sachen Weinqualität nicht bange, auch wenn es natürlich eine kulturelle Vereinsamung und Einengung der von uns allen so geliebten Vielfalt bedeutet.

Vive la France, viva Italia, viva Espana und sogar "Great again" - Amerika wollen wir trotz der atemberaubenden deutschen Weine des Jahres 2019 nicht missen, zumal ja auch diese Weinregionen einen grenzgenialen Jahrgang im Fass liegen haben!

»Deutschland und deutsche Weine sind spätestens seit 2010 auf der Überholspur.«

Genau wie in Bordeaux entstand auch in Deutschland der Jahrgang 2019 erneut unter teils kuriosen Wetterbedingungen, die mittlerweile unsere neue Normalsituation zu werden scheinen. Das neue Jahr 2019 begann ähnlich, wie das alte aufgehört hatte: warm und trocken. Es hat auch über den Winter 2018/19 recht wenig geregnet und die Wasserreserven der Böden wurden nur sporadisch wieder aufgefüllt. Nach einem relativ normalen April startete die Vegetation bei dann rasch sommerlich werdenden Temperaturen wieder schnell durch. Ein erneut früher Austrieb war die Folge, der dann leider an der Saar, Teilen der Mosel und vor allem in Franken zu einigen Spätfrostschäden führte. Für manche besonders getroffenen Betriebe waren dramatisch kleine Erträge die harte Konsequenz. Rudolf May: „Im Betriebsdurchschnitt kamen wir 2019 auf 22 hl/ha Ertrag.” Bei Rudolf Fürst waren vor allem die Weißweine betroffen, die zumeist in kühleren Parzellen stehen. Noch nie in der Gutsgeschichte wurde weniger Weißwein-Menge geerntet als 2019. Umso tragischer, wenn man die herausragende Güte dieses Jahrgangs in Anbetracht zieht. Gerade die Weißweine werden bei Fürst immer stärker und gehören dieses Jahr im Burgunder-Bereich zur absoluten deutschen Spitze, leider aber eben nur stark limitiert. Laut VDP ernteten die Mitglieder über alle Anbaugebiete hinweg circa 25 % weniger Menge als im langjährigen Mittel. Ausgleichende Naturkräfte nach dem generösen Jahr 2018.


Nach dem Schock der Frostnächte Anfang Mai folgte dann glücklicherweise eine Zeit der relativen Entspannung. Während und nach der Blüte kam eine längere Periode mit moderaten Wetterbedingungen, was zu einer sehr willkommenen Verlangsamung der frühjährlichen Rebentwicklung sorgte. Kein so brutales Turbojahr wie 2018 – ein Segen! Davon berichtete uns sowohl Horst Sauer aus Escherndorf als auch Philipp Wittmann aus Westhofen und Cornelius Dönnhoff aus Oberhausen. Diese kleine Verschnaufpause der Reben konnten die Winzer optimal nutzen, um die Weinberge auf ein erneut warm und trocken werdendes Jahr einzustellen. In den letzten Jahren ist das ein essenzieller Schlüsselfaktor zum Erzeugen großer Weine unter sich dynamisch verändernden klimatischen Bedingungen geworden. Nur wer am Puls der Zeit im Weinberg arbeitet, ist wirklich erfolgreich.

»Nur wer am Puls der Zeit im Weinberg arbeitet, ist wirklich erfolgreich.«

Nicht ganz so extrem wie 2003 oder 2018, aber ähnlich mediterran war dann der Sommer 2019.  Die Pfalz wird wirklich zur Toskana und die Mosel bald zum Douro – Wahnsinn. Die Reben scheint es indes vielleicht weniger zu stören, als wir befürchten mögen. Reinhard und Sarah (Heymann-) Löwenstein waren selbst total erstaunt, dass ihre höchstgelegenen Parzellen auf den kärgsten, steinigsten und damit trockensten Böden auch in diesem Jahr wieder die besten Trauben ergaben. Kaum Anzeichen von Stress. Die Weinrebe ist eine ganz erstaunlich anpassungsfähige, genügsame Pflanze, wie sie in den letzten Jahren immer wieder beweist. Bis auf ein paar vereinzelte Regenschauer blieb der Sommer sehr trocken und warm, mit kurzzeitigen, drastischen Hitzespitzen im Juni und Juli. Cornelius Dönnhoff berichtete uns, dass eher jene Trauben Sonnenbrand erlitten, die größtenteils unter der Laubwand hingen. Die im Frühjahr zur rechten Zeit entblätterten Parzellen waren kurioserweise teils weniger betroffen, weil sie einen intrazellulären Sonnenschutz in der Haut entwickelten.

»Die Pfalz wird wirklich zur Toskana und die Mosel bald zum Douro - Wahnsinn.«

Horst Sauer staunte in Franken nicht schlecht, als teilweise sogar die relativ hitzebeständigen roten Trauben Sonnenbrand bekamen. Auch dies ließ die Erträge nochmals sinken, denn Sonnenbrand-Trauben vertrocknen und fallen im weiteren Verlauf dann überwiegend einfach auf den Boden. Genau wie in Bordeaux retteten partielle Regenfälle im August viele Weinberge vor dem Abrutschen in drastischen Trockenstress und revitalisierten die Reben zur perfekten Reife bis zum nahenden Herbst. Anfang September setzten kühler werdende Nächte ein und halfen reintönige Aromen und rassige Säurestrukturen zu erhalten. Einer der Schlüsselfaktoren, die diesen Jahrgang definieren.

»Wir saßen bei den Tastings stellenweise mit offenem Mund und fragenden Augen in unserem Tasting-Studio...«

Die Mittelhaardt der Pfalz setzt meist den Startschuss für die Riesling-Lese. Zumal die gesünderen Reben der Biodynamiker immer einen Zeitvorsprung haben. Christmanns begannen am 09. September und führten eine Lese in Rekordzeit durch. Nur etwas über zwei Wochen später war die gesamte Ernte eingefahren. Eine Woche später begann es fast überall in Deutschland zu regnen, da waren die meisten Trauben in der Pfalz, in Baden, Franken und Rheinhessen schon hereingeholt. An der Nahe, Mosel, Saar und Ruwer hat es in die Ernte hineingeregnet, was immer wieder zu partieller Pausierung und anschließend hohem Selektionsaufwand zwang. Umso erstaunlicher, dass es gerade dort so ein herausragend gutes Jahr geworden ist, mit einer Reintönigkeit und Klarheit, die schwer zu fassen ist. Wir saßen bei den Tastings stellenweise mit offenem Mund und fragenden Augen in unserem Tasting-Studio ob der atemberaubenden Klarheit und dem Druck der diesjährigen Moselweine. Absolut grandios! Stellenweise konnten dann auch – ganz im Gegensatz zum letzten Jahr – viel hochwertige Botrytis geerntet werden. Unter anderem bei Egon Müller, Fritz Haag, Dr. Hermann und Dönnhoff entstanden sicher einige der spektakulärsten Süßweine der letzten Jahrzehnte. Die 2019er reihen sich mit ihrer Brillanz nahtlos in die Reihe großer Süßwein-Jahre wie 1976, 1971 oder 1959 ein.


Die Sommertrockenheit ließ extrem kleinbeerige, aber hoch aromatische und vollreife Trauben heranwachsen. Ein weiterer Faktor, der diesen Jahrgang ausmacht. Ein »kleiner, aber feiner Jahrgang« ist aus dem Mund von Oliver Haag fast ein Understatement, denn er hat qualitativ wohl seinen größten Jahrgang der letzten 20 Jahre oder gar in der Geschichte des Weinguts in Brauneberg/Mosel eingefahren. Schon der Gutswein ist hier großes Kino. Generell ein Merkmal, das sich 2019 durch viele Kollektionen zieht. Viele der Großen Gewächse des Jahres werden aufgrund der nahezu perfekten Kombination aus tollen Mostgewichten, brillanten Säuren, hoher Konzentration und reifer Phenolik als unsterbliche Klassiker sicher Jahre und Jahrzehnte halten. Viele Große Gewächse (GG) brauchen aber auch einige Jahre Geduld bis zum genussvollen Antrunk. Aber gerade auch die Guts- und Ortsweine, allen voran Haag, Fröhlich, Dönnhoff und Wittmann, haben dieses Jahr einen Delikatessen-Faktor und eine Größe erreicht, die nachhaltig beeindruckend ist. Solche Qualitäten unterhalb der GGs wurden in Deutschland so weitläufig sehr wahrscheinlich noch nie geerntet.

»Aber gerade auch die Guts- und Ortsweine, allen voran Haag, Fröhlich, Dönnhoff und Wittmann, haben dieses Jahr einen Delikatessen-Faktor und eine Größe erreicht, die nachhaltig beeindruckend ist.«

2019 ist in vielerlei Hinsicht ein außergewöhnliches Jahr. Steffen Christmann berichtet, dass die Säure des diesjährigen Riesling Idig GG die höchste seit 2010 ist – sogar höher als im kühlen Jahr 2013. Die volle Traubenreife eines heißen Jahres mit der spannenden Säurestruktur und mineralischen Brillanz eines kühlen Jahres – der absolute Traum! Wann gab es das derart schon mal? Cornelius Dönnhoff zufolge ist das in dieser speziellen Ausprägung einzigartig in der Geschichte, zumindest seit er sich zurückerinnern kann. Auch Rudolf May jubiliert trotz Mini-Erträgen über seinen Silvaner Rothlauf GG 2019: »Traumtrauben bei einer Hammersäure!« Genau wie man es sich wünscht. Steffen Christmann zieht als Vergleich die beiden in seinen Augen größten Jahre dieses Jahrtausends heran: 2001 und 2002 – und 2019 ist ziemlich sicher darüber.


Transparent, kristallin, konzentriert und mit enormer Frische bei gleichzeitig wollüstiger Reife und hohem Delikatessenfaktor. Ein annähernd perfektes Jahr. Es bleibt eigentlich kein Wunsch mehr offen. Verblüffend, wenn man an die teils kapriziösen Wetterbedingungen denkt. Doch das Endergebnis ist schlicht spektakulär. Die meisten Winzer saßen in den Videokonferenzen selbst fast sprachlos und immer noch voller Erstaunen und Verzückung vor uns, als sie über die herausragende Güte der 2019 entstandenen Weine sprachen. Der Jahrgang 2019 verspricht ein großer Klassiker für den deutschen Wein zu werden. Er hat alles, was es braucht. Dazu kommt dann das entscheidende Plus an Reife und Konzentration, das uns der fortschreitende Klimawandel bringt.

»Die meisten Winzer saßen in den Videokonferenzen selbst fast sprachlos und immer noch voller Erstaunen und Verzückung vor uns«

Parkers Wine Advocate und vinophiler Zeitreisender Stephan Reinhardt vergleicht den 2019er mit dem herausragenden Jahrgang 1937 mit diesem hellen, klaren und total reinen Charakter. Genau wie 2019 aktuell schmeckt, stellt er sich die heute noch brillanten 1937er in ihrer Jugend vor. Und im Umkehrschluss sieht er ein ähnlich endloses Lagerpotenzial in den 2019ern. Viele Rieslinge des Jahres sind eben so archetypisch in ihrer Klarheit, Rasse und Struktur, dass es die reinste Freude ist. Die Weine sind fraglos große Klassiker in ihrer Anmutung. Sie sind mit der hohen Reife aber zugleich Zeugnis einer neuen klimatischen Ära. Doch am allermeisten sind sie Ausdruck für die herausragende Arbeit, die unsere besten Winzer im Umgang mit diesen neuen Bedingungen mittlerweile leisten. Weinkoryphäe Jancis Robinson lässt verlauten, dass 2019 in Deutschland wohl »the best vintage of the century so far« sei. Diesem Eindruck können wir uns nur anschließen.

»Parkers Wine Advocate und vinophiler Zeitreisender Stephan Reinhardt vergleicht den 2019er mit dem herausragenden Jahrgang 1937 mit diesem hellen, klaren und total reinen Charakter.«

Alle weißen GG 2018 – Alle roten GG 2017

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Große Gewächse

Der Begriff Großes Gewächs ist ein durch den Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP) bekannt und groß geworden. Der VDP hat alle Weinlagen klassifiziert und Qualitätsmerkmale festgelegt. Zu den vielen Qualitäts-Statuten gehört u. a. die Qualitätspyramide nach burgundischem Vorbild. Sie schreibt es den Weingütern vor, ihre Weine in Guts-, Orts- und Lagenweine einzuteilen. Das Credo ist also: je enger die Herkunft umrissen ist, desto höher die Qualität im Glas.

Die Großen Lagen stellen dabei die Spitze der Herkunft dar. Ein trockener Wein aus einer Großen Lage wird als Großes Gewächs verkauft. Jedes VDP Anbaugebiet legt dabei die Rebsorten fest, die für die GG zugelassen sind. Das sind in der Regel Riesling und die traditionellen Sorten der Region: Silvaner (Franken), Weißer Burgunder (Baden, Franken, Pfalz, Saale-Unstrut), Grauburgunder (Baden) sowie Spätburgunder (Baden, Franken, Pfalz, Rheinhessen, Rheingau).

Die weißen Großen Gewächse kommen in der Regel am 1. September des Folgejahres auf den Markt. Die Roten noch ein Jahr später, da sie noch ein weiteres Jahr reifen, davon mindestens 12 Monate im Eichenfass. Frucht- und edelsüße Prädikatsweine aus einer Großen Lage kommen dagegen früher, nämlich am 1. Mai des auf die Lese folgenden Kalenderjahres auf den Markt.

VDP GG 2017

Der Adler im Anflug – Die Premiere der Großen Gewächse


Jedes Jahr zum 1. September erscheinen die trockenen Spitzenweine des Verbandes deutscher Prädikatsweingüter. Bereits eine Woche zuvor werden internationale und deutsche Händler und Journalisten zur Vorprobe nach Wiesbaden geladen, um sich einen Überblick über die neuen Weine zu verschaffen. Weiterlesen...