Vigneti Walter Massa: Sterpi Timorasso 2022

Vigneti Walter Massa: Sterpi Timorasso 2022

Zum Winzer

Timorasso 100%
weiß, trocken
14,5% Vol.
Trinkreife: 2025–2039
exotisch & aromatisch
fruchtbetont
mineralisch
unkonventionell
Lobenberg: 98–99/100
Italien, Piemont
Allergene: Sulfite,
lobenberg

Heiner Lobenberg über:
Sterpi Timorasso 2022

98–99
/100

Der Godfather of Timorasso, Walter Massa, ist eine lebende Legende dieser autochthonen Rebsorte. Alle Winzer im Piemont kennen ihn. Man muss nur den Namen erwähnen, schon gibt es anerkennende Gesichter voller Hochachtung. Es gibt keinen anderen Winzer, der sich so dieser weißen Rebsorte verschrieben hat. Sterpi ist eine 1,5 Hektar große Cru Lage. Die Reben stehen hier auf 280 Höhenmetern in Südwestausrichtung. Kalkhaltiger Boden mit losen Steinen. Die Reben wurden 1996 gepflanzt, mit einer Nachpflanzung 2006. Nach sorgfältiger Handlese bleibt der Traubensaft 60 Stunden im Schalenkontakt, das führt später zu einer feinen Haptik und Textur im Mund. Spontanvergärung mit wilden Hefen im Stahltank, dann folgt der Ausbau für 12 Monate im Stahltank und etwas Zement. Fassmuster, das ich nach dem Montecitorio im Glas habe. Was ich hier fühle und schmecke ist die totale Entzückung. Ich bin hellauf begeistert von diesem grandiosen Wein – er gehört für mich felsenfest zu den besten Weißweinen Italiens. Der Wein ist noch leicht wolkig, trüb im Glas, er wird erst im Dezember auf Flaschen gefüllt. Die Nase ist zunächst delikat und floral. Im Moment hat der Wein noch etwas Kohlensäure – »Spritz« – im Mund, er fühlt sich so jung an, als sei die Gärung gerade erst zu Ende gegangen. Dieser Sterpi ist voller Komplexität, Schicht um Schicht gibt er sowohl an der Nase als auch später im Mund verführerische Aromen frei. Saftige gelbe Äpfel, Zitrusaromen von Orangensaft bis Zitronengras. Das ist die ultimative Finesse. Im Mund hat der Sterpi eine prägnante Säure, die eine dicke Spur an salziger Mineralität nach sich zieht. Dieser Timorasso sollte so behandelt werden wie ein großer weißer Burgunder. Idealerweise geben Sie ihm mindestens zwei bis drei Jahre im Keller, er kann locker zehn Jahre und mehr reifen. Dann am besten im großen Burgunderglas servieren. Das ist ein großer Wein der Spitzenklasse. Kein Wunder, dass Walter Massa DIE Ikone des Timorasso ist, und zum Glück hat er diese Rebsorte vor dem Aussterben gerettet. Chapeau Walter Massa! 98-99/100

Jahrgangsbericht

2022 war in ganz Europa ein von Hitze und Trockenheit geprägter Jahrgang. Im Piemont fiel bereits im Winter 2021 kaum Schnee, und es regnete lediglich im Mai und dann wieder im August in sehr kleinen Mengen, was ein wenig zur Erleichterung der Reben beitrug. Vom Austrieb bis zur Lese verlief die Wachstumsperiode ungefähr zwei bis drei Wochen früher als im Durchschnitt. Dieses Jahr war also von extremem Wetter gezeichnet, aber glücklicherweise war es sehr regelmäßig und konstant heiß und trocken – vom Austrieb bis zur Weinlese während des »Indian Summer« – und es gab keine Hitzespitzen. Da die Trockenheit nicht plötzlich eintrat, bildeten die Reben dementsprechend kleinere Blätter und weniger Trauben aus. Vielleicht kamen sie deshalb so erstaunlich gut mit diesen erschwerten Bedingungen klar, weil sie sich seit dem Frühling langsam an diese Situation »gewöhnen« konnten.2022 kann unmöglich generalisiert werden, und jeder Wein verdient es, einzeln betrachtet zu werden. Die etwas kühleren Höhenlagen im Piemont sind häufig auch von durchlässigeren Böden geprägt und dieses Jahr aufgrund der Trockenheit deshalb nicht automatisch besser. So sind 2022 ton- und lehmhaltige Böden mit besserem Wasserhaltevermögen deutlich vorteilhafter als sandigere. Die sonst »besten« Cru-Lagen zeichnen sich durch ihre besonders »perfekte« Ausrichtung zur Sonne und somit noch wärmeren Temperaturen aus. Auch das Alter der Reben und die Herangehensweise jedes Weinguts in den Weinbergen konnte einen entscheidenden Unterschied machen. Wurde durch sanftes Entblättern der Sonnenschutz gewährleistet und die Böden nicht unnötig durch Pflügen geöffnet, was zum stärkeren Verdunsten von Wasser führt, hatten es die Reben bedeutend leichter. Aufgrund der Trockenheit bestand kein Krankheitsdruck, es gab weder Pilzkrankheiten noch Fäulnis, was die Arbeit während der Wachstumsperiode auch erleichterte. In Summe brachten die berühmtesten Lagen 2022 nicht automatisch die besten Weine hervor, wohl aber die kühleren und lehmigeren Böden mit gutem Wasserspeicher der »alten« Terroirs aus Castiglione, Serralunga und Monforte d’Alba, teilweise auch Verduno. 2022 ist laut Aussage von Luca Currado-Vietti vom qualitativen Potenzial her riesig, im Ergebnis aber wegen zweier fehlender Regenschauer im August und September und zwei Grad zu hoher Spitzentemperatur haarscharf unterhalb eines Jahrhundertjahrgangs hängen geblieben. Die Winzer, die viel Zeit in die Weinberge investierten und zudem bereits vor oder bei der Lese gnadenlos aussortiert haben, brachten die beeindruckendsten Weine hervor. Was nicht perfekt oder gar vertrocknet war, gelangte gar nicht erst in den Gärtank. Im Durchschnitt bedeutet das 15 bis 40 Prozent kleine Erträge gesunder und konzentrierter Trauben. Im Keller musste aufgrund des höheren Verhältnisses von Traubenschalen zum Saft sanft extrahiert werden; der Ausbau erfolgte oft ein paar Monate kürzer als sonst und somit etwas reduktiver, um die Frische der Weine zu bewahren.Der Jahrgang 2022 hat einen wunderbaren »Überraschungseffekt«, denn wer überreife Weine erwartet hat, wird das Gegenteil im Glas finden! Die Trockenheit bremste. Aber seit im Jahrgang 2003 ebenfalls Hitze auf Trockenheit traf, haben die Winzer viel dazu gelernt. Was bereits bei den Bordeaux Primeur Proben des Jahrgangs 2022 deutlich wurde, stimmt auch im Piemont: In der Spitze kann 2022 enorm was! Die Weine sind so konzentriert wie 2017, aber mit deutlich mehr Frische ausgestattet. Aromatisch sind sie herrlich intensiv und bereit, eine unwiderstehliche Performance abzuliefern. Die Struktur der Tannine hängt dabei von den oben genannten Faktoren ab. Es gibt strukturiertere Weine, die aber durch ihre Fruchtbalance dennoch meist durchaus harmonisch sind. Ich versichere, dass mit Offenheit ausgestattete Nebbiolo-Liebhaber dieses Jahr mit der ein oder anderen Neuentdeckung belohnt werden, denn 2022 gibt es durchaus viele hervorragende und gar überragende Weine im Piemont, auch wenn 2021 sicher über alle Regionen gesehen harmonischer und gleichmäßiger in seiner Weltklasse rüberkam.

Mein Winzer

Walter Massa

Walter Massa ist der Godfather des Timorasso. Er hat sich in den frühen 1980er Jahren im Piemont dieser autochthonen Rebsorte verschrieben. Und weil kaum ein anderer Winzer sich mit ihr beschäftigte, sondern alle auf Nebbiolo und Barbera oder allenfalls Chardonnay setzten, ist er auch der einzige...

Sterpi Timorasso 2022