Saint Joseph Vieilles Vignes 2021

Michel Tardieu - Nordrhone

Saint Joseph Vieilles Vignes 2021

voluminös & kräftig
frische Säure
pikant & würzig
99–100
100
2
Serine 100%
5
rot
12,5% Vol.
Trinkreife: 2028–2056
Verpackt in: 12er
3
Lobenberg: 99–100/100
6
Frankreich, Rhone, Nordrhone
7
Allergene: Sulfite, Abfüllerinformation
lobenberg

Heiner Lobenberg über:
Saint Joseph Vieilles Vignes 2021

99–100
/100

Lobenberg: Nach dem Crozes-Hermitage kommt der Saint-Joseph rotfruchtiger rüber. Deutlich mehr auf Erdbeere, Himbeere, roter Kirsche und Schlehe laufend. Aber in 2021 so unendlich fein – superfeines Tannin schon in der Nase. Unendlicher Schliff, leicht verbranntes Gummi und etwas rohes rotes Fleisch, aber immer spielerisch mit feiner roter Frucht, schwebend und tänzelnd. Saint-Joseph ist häufig die preiswertere Version und hat manchmal die gleiche Klasse eines Côte Rôtie. Es sind ähnliche Böden. 2021 Côte Rôtie habe ich noch nicht probiert, aber dieser Saint-Joseph ist anders als alle Jahre zuvor, weil er so unendlich fein ist und zart. Deutlich verbrannte Spuren und fast ausschließlich rote Frucht. Konzentrierte Himbeere und Erdbeere, aber nicht wie im Süden in dieser zerfließenden Pinot- und Cabernet Franc-artigen Feinheit, sondern durchaus mit gutem Grip darin. Die Tannine sind allerdings wie im Süden butterweich, zart, samtig und seidig. Der Wein ist lang und steht für Minuten. Er hat eine superschöne Mineralität. Und ich werde auch diesen Wein – ähnlich wie den Gigondas zuvor – mit ordentlich Wasser nachspülen müssen, weil die Intensität im Mund so dramatisch ist. Die Blumigkeit – wir sind hier mehr bei Rosen als bei Veilchen, dazu die intensive rote Frucht, auch mit ein bisschen Cranberry. Aber deutlich konzentrierter als der Süden in seiner unendlichen Feinheit. Hier ist auch Druck darunter, nur ist der Druck seidig. Hochkonzentrierte Finesse. Was für geniale Weine hat 2021 hervorgebracht! Nach den mediterranen Jahren 2015 bis 2020 ist 2021 die absolute Rolle rückwärts – ja, zurück in die Zukunft trifft es schon gut. Wir sind in der Frische und der Feinheit der 90er-Jahre, aber das Ganze in einer Perfektion, die vor 30 Jahren überhaupt nicht möglich war. Perfekter Erntezeitpunkt, perfektes Weinbergsmanagement. Alles trifft es genau auf den Punkt! Und das mit diesem kühlen Sommer und dem Wahnsinns-Herbst. Das brachte von Natur aus extrem kleine Erträge. Ich dachte nicht mehr, so einen Jahrgang wie 2021 nochmal zu erleben. Ich dachte, die Zeit der mediterranen Jahre ist unumkehrbar. Was für eine große Freude, so ein Jahr dazwischen zu haben! Ich hoffe, es kommt öfter vor und bleibt nicht bei der mediterranen Reichhaltigkeit. Superber Saint-Joseph – eine Ode an die Freude. Delikat bis zum Abwinken und so wunderbar verträumt. 99-100/100 *** Tardieus Saint-Joseph wächst ausschließlich auf Granitböden. Die obersten 10, 20 Zentimeter sind verwitterter Stein, darunter kommt richtig Fels, in den die Reben ihre Wurzeln über 100 Jahre hinweg getrieben haben. 100 Prozent Petite Syrah. Oder Serine, wie die uralte, kleinbeerige Form der Syrah hier genannt wird. Die Reben sind über 100 Jahre alt, sie wurden kurz nach der Reblauskrise angepflanzt. Der Alkoholgehalt liegt 2021 bei nur 12,5 Volumenprozent. Die Hälfte der Trauben wird vor der spontanen Fermentation in Betontanks nicht entrappt. Der Ausbau erfolgt für 12 Monate in Barriques, zum Teil neues Holz, zum Teil Zweitbelegungen. Danach für weitere acht Monate in großen Doppelstückfässern von Stockinger. Die Weine werden nicht geschönt und nicht filtriert, bevor sie in die Burgunderflaschen mit Naturkork gefüllt werden.

Jahrgangsbericht

Der Jahrgang 2021 stellt an der Rhône zweifellos einen Einschnitt in der Reihe der heißen, trockenen, mediterranen Jahrgänge dar, wie wir sie spätestens seit 2015 durchweg erlebt haben. 2021 erinnert viele Winzer im Rhônetal gar an die »guten alten Zeiten« vor 20, 30 Jahren – späte Lese, hohe Säurewerte und eine Phenolik wie es sie zuletzt in den 90ern gab. Ein Jahrgang der großen Emotionen, ein ständiges auf und ab der Gefühle: Die extreme Frostepisode vom 7. bis 9. April mit Temperaturen von teilweise fast -10°C betraf fast alle französischen Weinbaugebiete. Teilweise sorgte der Frost für einen kompletten Ernteausfall. Drei Wochen lang regte sich gar nichts in den Weinbergen des Rhônetals. Wie durch ein Wunder trieben viele Reben doch noch aus, aber nicht ohne Folgen: Die eiskalten Nächte brachten die Natur aus dem Gleichgewicht, der Wiederaustrieb verlief geradezu anarchisch, die Arbeit im Weinberg war extrem anspruchsvoll und verlangte den Winzerinnen und Winzern alles ab. Die wohltuenden Regenfälle während des gesamten Vegetationszyklus, die gemäßigten Temperaturen im Sommer und der goldene Herbst sorgten für ein großes Durchatmen. Am Ende wird 2021 nicht nur als Jahrgang der plötzlichen Wiedergeburt der Klassik, der Feinheit und Eleganz in Erinnerung bleiben, sondern auch wegen des immensen Aufwands – nur, wer 2021 alles gegeben hat, wurde am Ende mit ultrafeinen Weinen belohnt, wie wir sie seit Jahren nicht mehr im Glas hatten. An der südlichen Rhône ist 2021 ein Jahr der puren Trinkfreude. Alles ist sofort da, offen und so unglaublich fein. Die Alkoholgrade liegen rund 1,5 Prozent unter denen der vergangenen Jahrgänge. Sowohl die Weißen als auch die Roten sind hervorragend balanciert und bestechen mit guten Säurewerten und hoher Frische. Die Weine sind hocharomatisch, die Frucht ist schmeichelhaft und fast schon spielerisch-abgehoben. Eine Grenache voll auf der Pinot-Spur – wann gab es das zuletzt?! Die nördliche Rhône bringt 2021 einen Stil, den dort viele für nicht mehr möglich hielten: Extrem fein und verspielt, fast schon schwebend und mit einer genialen Frische ausgestattet. Ein Jahr für große Weißweine mit strahlender Aromatik und hervorragender Lagerfähigkeit, ein Jahr für herrlich klassische, stilvolle, delikate Rotweine mit betörend ätherischen Noten von Pfeffer und Veilchen und ultrafeiner, aber aufregender Tanninstruktur. All in all ist 2021 an der Rhône ein Jahr für Finessetrinker, für Liebhaber der Feinheit, der Frische und der Eleganz. Lange hat man sich nach solchen klassischen Jahren gesehnt. Aber klassisch mit einem genialen Twist, denn am Ende vereint 2021 mit seiner schlanken, hochfeinen Art und der genialen Duftigkeit und Aromatik das Beste von damals und heute. »Zurück in die Zukunft!« – das beschreibt diesen aufregenden Rhône-Jahrgang wohl letztlich am besten.

Mein Winzer

Michel Tardieu – Nordrhone

Michel Tardieu ist inzwischen legendär und einer der besten Weinmacher Frankreichs. Robert Parker u. v. a. überhäuften ihn zu Recht mit Superlativen. Sehr oft arbeitet er an der Rhone und in anderen Regionen mit seinem Freund Philippe Cambie zusammen.