Jahrhundertealte Geschichte und traditionelle Herstellungsmethoden: In Galicien werden charaktervolle, teils vergessene Rebsorten von einer neuen Generation wieder zum Leben erweckt.

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Im Überblick

Weinregion Galicien

Die Landschaft von Galicien

Galicien - Die wiederentdeckte Küste

Die grünste Region Spaniens ist zweifelsfrei Galicien, gelegen im äußersten Nordwesten der iberischen Halbinsel. Galicien ist nicht nur für Santiago de Compostela bekannt, die Destination des Jakobswegs, in dessen Kathedrale die sterblichen Überreste des Apostels Jakobus liegen sollen, nein, auch der Wein aus dieser biblisch schönen Region wird immer bekannter. Die Region grenzt mit ihren überschaubaren 10.000 ha Weinbergsfläche im Osten an Castilla y Leon und das Baskenland, im Süden an den Mino, den Grenzfluss, der Spanien von Portugal trennt und im Westen und Norden an den Atlantik, der das Wetter der Region maßgeblich prägt. Galicien ist die feuchteste Region Spaniens und auch bekannt als Land der 1.000 Flüsse, welche sich vom Mittelgebirge in den Atlantik schlängeln und fingerartige aussehende »Rias« (buchten) bilden. Die zerklüftete Küste mit den steil abfallenden Klippen und den saftig grünen Kuppen erinnert sehr an Irland.

Während es hier in den Wintermonaten mal gut und gerne über Wochen hinweg regnen kann, herrscht das restliche Jahr nahezu perfektes Wetter vor. Jedenfalls perfekt für die Rebsorten, die hier kultiviert werden. Viele Sonnenstunden mit gelegentlichen Niederschlägen, eine frische, kühlende Brise vom Atlantik und ein Wind des Aufschwungs, der die Region aus ihrem Dornröschenschlaf weckt. Die Qualität der Weine aus Galicien ist phänomenal, die Preise noch sehr niedrig. In den Unterregionen Rías Baixas, Ribeira Sacra, Valdeorras, Ribeiro sowie in Monterrei wird gerade Geschichte geschrieben, denn Galicien und Bierzo sind noch vor den Hochlagen der Mitte und des spanischen Ostens seit fast 10 Jahren DIE weinmäßigen Hotspots des Landes und gewissermaßen sogar ganz Europas!

Aus weinbaulichen Erkenntnissen und Innovationen der letzten Dekaden entsteht gepaart mit jahrhundertealten Traditionen und charaktervollen, beinahe vergessenen Rebsorten eine präzise Mischung aus Stoff, der potenzial hat die Region zu einer lebenden Legende werden zu lassen. Die neue Generation besteht hier aus top ausgebildeten Winzern, welche mit Taschen voller internationaler Erfahrung wieder in ihre Heimat zurückkehren oder in Galicien ihre neue Heimat gefunden haben.

Heute haben sich die Winzer der D.O. wieder auf die traditionellen Rebsorten Galiciens besonnen, alte Weinberge werden Stück für Stück wiederentdeckt und Weinberge mit autochthonen Reben werden neu angelegt. Oft von ›jungen Wilden‹, die im Keller state of the art pflegen und im Weinberg jahrhundertealten Traditionen neues Leben einhauchen.

Die Weine aus Galicien waren sicher nicht immer im Spotlight des spanischen Weinbaus. Das Mittelgebirge, welches Galicien vom Rest Spanien trennt, galt schon immer als eine natürliche Grenze und so war es eher ein vergessenes Randgebiet, welches nur bei Surfern und Pilgern bekannt war. Die mittlerweile autonome Region litt unter vielen Plagen, die Reblaus zerstörte den größten Teil der Rebfläche, der Diktator Franco unterdrückte jegliche Autonomiebestrebungen und die Wirtschaft brach zeitweise völlig zusammen. Weine aus Galicien wurden kaum noch exportiert, sondern nur lokal konsumiert. Weinberg-Parzellen zerteilten sich, aufgrund von massiven Völkerabwanderungen, die Natur überwucherte, was über Jahrhunderte mühselig aufgebaut wurde. Dank der Genossenschaften, die damals jegliche Traubenprodukte verkauften, konnte der Weinbau jedoch auf “kleiner Flamme” überleben.

Die Landschaft von Galicien

Ein klarer Wendepunkt für ganz Spanien, aber auch maßgeblich für die Weine aus Galicien, war das Jahr 1986. Spanien wurde Mitglied der EU, somit flossen Fördergelder in den Weinbau, erste Herkunftsbezeichnungen wurden festgelegt, Weinberge wurden neu strukturiert und Keller wurden modernisiert. Im 21. Jahrhundert investierten erfolgreiche Weingüter des Ostens wie Telmo Rodríguez, Rafael Palacios, CVNE und Vega Sicilia mit Geld und Expertise in die Region.

Albariños Ähnlichkeit zum Riesling ist immer wieder verblüffend: säurebetont, zitrisch und im Alter mit einer gewissen reifen Dichte.

Der Ausbau des reinsortigen Albariños, meist vergoren im Edelstahl, war der Durchbruch von Rias Baixas und versetzte ganz Spanien und maßgeblich auch die Weine aus Galicien in einen Weißwein-Boom. Godello segelte im Windschatten mit und ist heute neben Albariño die Rebsorte, die den Ton in der Region angibt. Das Erdbeben, welches die Weinszene erschütterte, löste einen Erdrutschartigen Boom in den vergessenen Regionen des Landes aus, internationale Rebsorten rutschten in diesen immer weiter in den Hintergrund und die Winzer fokussierten sich wieder auf die autochthonen Rebsorten. Die Kinder der Winzer, die in alle Welt ausgeflogen waren, kamen zurück und setzten qualitative Ausrufezeichen, die die Weine auf ein neues Level hoben und Spanien heute zum diversesten Weinland der Welt machen.

Die Weinberge von Rias Baixas
Die malerischen Weinberge von Rias Baixas

D.O. Rías Baixas

DIE Wiege des Albariños, nirgendwo auf der Welt gibt es qualitativ gleichwertige Regionen für diese Rebsorte. Die Region »Rías Baixas« hat von den unzähligen Buchten ihren Namen und heißt so viel wie »unter Buchten«. Kaum irgendwo anders am Festland führen Reben und Meer eine so innige Beziehung. Mit ihren knapp 4300 Hektar Rebfläche und über 180 Weingütern ist Rías Baixas auch die größte Region Galiciens. Der atlantische Einfluss formt den Albariño rassig, sogar geradezu stahlig, gibt ihm eine tiefe Salz- und Mineralprägung, eine wirklich wilde Erscheinung für DEN Wein aus Galicien. Die wahrscheinlich häufigste Reaktion von Menschen, die das erste Mal Albariño aus Rías Baixas probieren, ist: “DAS soll spanischer Weißwein sein??”. Die Frische, die Klarheit, die Komplexität, die Haptik, all das wird nicht erwartet. Für diesen Geschmack sorgen Granitböden mit einer dicken Auflage von verwittertem Sandstein und Schwemmlandböden. Die Reben müssen tief wurzeln, nehmen dadurch aber die ganzen Mineralstoffe des über die Jahrmillionen geformten Bodens auf. In Galicien gibt es teilweise Parzellen mit über 200 Jahre alten Reben! Dass diese noch erhalten sind liegt schlicht an der Tatsache, dass es sich nicht gelohnt hat, sie zu roden. Das Land war wenig wert und maschinell waren diese Parzellen nicht zu bearbeiten, heute sind sie Gold wert!

Elektrisierend ist auch der autochthone rote Caino, der nur in Rías Baixas sein volles Potential entfaltet. Totale Eleganz und Finesse bei großer Frische, die Weine muten nicht nur burgundisch an, blind geraten hier auch die erfahrensten Verkoster ins Wanken. Die zwei absoluten Toperzeuger (nebenher beste Freunde) Zarate (quasi der alteingesessene Erfinder dieser grandiosen Weine) und Rodrigo Mendez stehen exemplarisch für die Weltklasse und Vielfalt der Region.

Zur Rias Baixas

D.O. Ribeira Sacra

Die ersten Weine aus Galicien gehen auf die Römer zurück und wurden später von den Klöstern geprägt und erhalten, die bis heute noch an der »Ribeira Sacra« - dem heiligen Uferland liegen. Dieses Uferland besteht aus knapp 2500 Hektar Rebfläche, die von ungefähr 100 Winzern bewirtschaftet werden. Eine scheinbar unendliche Terrassenlandschaft, die an den steilen Ufern der Flüsse Miño und Sil sitzt, erinnert an Steillagen der Mosel oder des Douro. Nicht nur optisch, auch die Böden sind durch Schiefer und Granit geprägt, die Weine ebenso filigran, elegant und vibrierend. Das Klima unterscheidet sich aber mit einer Symbiose aus atlantischem Klima und Einflüssen aus dem spanischen Inland. Godello und Mencia schwingen hier mit großer Klasse den Taktstock. Guimaro, Adega Algueira und Dominio do Bibei sind die Winzer der Stunde in dieser ewigen Weinlandschaft.

Zur Ribeira Sacra

Die Landschaft in Valdeorras
Zauberhafte Landschaften in Valderorras

D.O. Valdeorras

Die östlichste Region Galiciens, Valdeorras, ist heute vielleicht DER Shootingstar Galiciens. Sie liegt nur 30 Kilometer südwestlich der Weinregion Bierzo. Durch Valdeorras schlängelt sich ein Nebenfluss des Minho, der »Sil«, welcher exakt zwischen der Ribeira Sacra und Valdeorras von Westen fließt, und der dann nach Osten die Grenze zwischen Galicien und Kastilien bildet. Die teils ultralten Buschenreben mit Mini-Erträgen stehen auf wilden Weinbergterrassen, die links und rechts des Flusses in die Höhe schießen. Lediglich 1.300 Hektar und weniger als 50 Produzenten umfasst die Region, die in den letzten Jahren absolute Hochkaräter aus der Rebsorte Godello hervorbrachte. Dabei ist Rafael Palacios, der Bruder von Alvaro Palacios, sicher DER Weißwein Superstar Galiciens und wahrscheinlich sogar ganz Spaniens. Seine Weißweine stehen Jahr für Jahr auf dem Spitzenpodest neben Weißweinen aus der ganzen Welt. Und das aus der früher so unscheinbaren Godello. Wer hätte das je gedacht? Telmo Rodriguez ist die klare Nummer 1 in Sachen Mencia in Valdeorras, auf der gleichen Stufe mit den Superstars der Ribeira Sacra und des Bierzo. Die Kombination aus kargen Böden und immenser Weinbergsarbeit bringt eine atemberaubende Qualität hervor, die zeigt, dass sich diese kleine Region in Spaniens Nordosten international mit den Größten messen kann.

Zu Valdeorras

D.O. Ribeiro

Ribeiro ist bekannt durch den Jakobsweg und die Pilger, die schon damals durch den westlichen Teil der Provinz Ourense gewandert sind. 3.000 ha Weinland liegen hier an den Hängen der Flüsse Miño, Avia und Arnoia. Die ersten Weinberge wurden von den Römern angelegt, später wurde Ribeiro bekannt für Süßweine, die die Pilger auf Ihrer Reise nach Santiago de Compostela tranken. Heute ist der Fokus bei trockenen Weinen. Von den knapp 100 Winzern sind es vor allem junge Winzer, die uralte Weinberge mit autochthonen Reben rekultivieren, sie arbeiten größtenteils biologisch und nutzen jahrhundertealte Techniken. Die Rebsorten Treixadura, Torrontés, Loureiro, Albariño, Caiño, Brancellao, Veredello, Sousón und Mencía, die auch mal im gemischten Satz gepflanzt werden, erleben hier ihre verdiente Renaissance. Der Biodynamiker Bernardo Estevez ist sicher DER Geheimtipp des Ribeiro.

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Die Landschaft von Galicien
Die Berglandsschaften Monterreis

D.O. Monterrei

Die mit 660 Hektar kleinste D.O. Galiciens ist nur 10 Kilometer von der portugiesischen Grenze entfernt und liegt wie auch Ribeiro in der Provinz Ourense. Klimatisch ein wirklich spannendes Fleckchen Erde. Viele Niederschläge, niedrige Durchschnittstemperaturen und charakteristische Winde aus Höhenlagen machen die Region spannend für Winzer, die auf der Flucht vor dem auch in Galicien spürbaren Klimawandels sind. So hat auch der biodynamisch arbeitende Winzer Bernardo Estévez, einer von ungefähr 25 Winzern in Monterrei, der ursprünglich all seine Weinberge im nördlich gelegenen Ribeiro hatte, seit 2022 ein kleines Weingut in Monterrei. Mit seinem langjährigen Freund Xico de Mandín bewirtschaftet er hier Flächen und prägt mittlerweile den Weinbau der noch etwas verschlafenen Region.

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