Der 2022er besteht aus 100 Prozent Merlot. Es gibt nur 4000 Flaschen. Die Reben werden hier durch die Lehmböden über reinem Kalkstein zwar gut mit Wasser versorgt, doch 2022 gab es definitiv wieder Ertragseinbußen durch die lange Trockenheit. Der 2022er hat eine reiche, dichte Schwarzkirsch-Nase. So satt, kaum vorstellbar. Dazu Cassis und süße Maulbeere, Lakritze, schwarze Erde, Lavendel, Orangenzesten. Einfach nur schick getragen in genialer, ultrafeiner Aromatik, noch ätherisch abgehobener als der geniale 20er. Aber alles auch voll intensiv. So unendlich delikat und multikomplex dazu, sooo raffiniert, so unglaublich spacig. Feinste pikante Schlehe und Sauerkirsche darunter, Kalkstein, Salz. Die reinste Verzückung. Das ist auch nicht archetypisch für Saint-Émilion, denn so etwas Delikates, Feines und gleichzeitig Konzentriertes in Feinheit und Finesse, gibt es in Saint-Émilion kaum. Dieser 2022 toppt alles, was ich dieses Jahr in Saint-Émilion getrunken habe, er liegt ob seiner multidimensionalen Samtigkeit und Seidigkeit noch oberhalb von Cheval Blanc. Das ist wohl noch vor dem 2020er des gleichen Winzers der beste Wein, den es hier je gab. Einfach ungeheuerlich, wieder mit dem Nachbarn Clos Louie in einer eigenen Liga und ganz ohne Zweifel der beste reine Merlot auf dem Planeten, wenn denn Finesse und multikomplexe Seide das Maß der Dinge ist. So reich und dicht und reif und doch sooooo ungeheuer fein und zugleich wahnsinnig vielschichtig. Nur ein wahnsinniger Biodynamiker mit nur einem Lebensinhalt und genialem Händchen kann von einem so winzigen Fleckchen besten Terroirs bei optimalen Bedingungen so etwas Feines erzeugen. Man kann dem gar nicht genug Achtung und Respekt entgegenbringen. Eric kennt jede seiner wenigen alten Pflanzen des einen Hektars persönlich, schont sie mit niedrigstem Ertrag und umsorgt sie biodynamisch und individuell. Wie können Petrus, Lafleur, Le Pin oder die 1er Cru beider Ufer so dramatisch viel teurer sein wo doch dieser Wein hier nicht nur viel rarer ist sondern sicher mindestens in der gleichen Liga spielt und der Liebes-Aufwand pro Rebstock ungleich höher ist? 100/100 *** Ein 1,36 Hektar großes Weingut, auf reinem Kalkstein gelegen, an der Grenze zu Castillon. Die Reben dieses Miniweinguts, das seit 1995 komplett auf Biodynamie umgestellt ist, sind zwischen 50 und 60 Jahre alt. Tertre de la Mouleyre liegt in Steinwurfentfernung zu Château Valandraud, in der anderen Richtung liegt Peby Faugères, nach unten folgt Castillons Superstar Clos Louie. Das Weingut wird in dritter Generation von Eric Jeanneteau betrieben, er lebt von diesen winzigen 1,66 Hektar. Sein Großvater begann mit insgesamt fünf Hektar Saint-Émilion und zwei Hektar Castillon. Das Terroir besteht hier aus reinem Kalkstein mit einer Lehmauflage. Der Ertrag der Dichtpflanzung wird über das Jahr hinweg auf maximal acht Trauben pro Stock reduziert, das bringt Erträge von weit unter einem halben Kilo pro Rebe. Das Weingut ist zwar biodynamisch zertifiziert, dies wird aber aus politischen Gründen nicht gelabelt. Der Ausbau erfolgt zu 60 Prozent in neuem Holz, zu 40 Prozent in Zweitbelegungen. Die spontane Fermentation geschieht in INOX-Gärbehältern von maximal 25 Hektolitern, um Parzelle für Parzelle separat vergären zu können. Die Vergärung wird relativ rasch bei durchaus hohen Temperaturen vollzogen, alles schwefelfrei. Auch in der Zeit der malolaktischen Gärung und des Ausbaus bleibt der Wein immer noch ohne Schwefel, den bekommt er erst bei der Abfüllung. Es wird mit Bâtonnage gearbeitet. Eric Jeanneteau war lange Zeit Partner der Tochter von Francois Mitjavile von Tertre Roteboeuf. Zumindest in der Entwicklung der Weine ein ganz hervorragender Familienzusammenschluss. Auch wenn das Paar mittlerweile nicht mehr zusammen ist und Tertre de la Mouleyre ob seiner Unbekanntheit auf einem völlig anderen Preislevel liegt, reden wir hier von der gleichen Liga.