Lobenberg: In diesem Assmannshäuser Höllenberg sind die ältesten Reben. Uralte französische Klone zusammen mit wurzelechten, deutschen Klonen auf uraltem Schiefer gewachsen. Über 50 Jahre alt. Der Wein wird nur in großen Jahren erzeugt, wenn die Trauben auch das volle Potenzial hergeben. Es gibt nur ein paar Tausend Flaschen pro Jahr. Der Rest der alten Reben geht in den Zweitwein Cuvee Max oder in den Pinot Noir. Die Machart ist immer gleich. Komplett entrappt, natürlich Handlese, spontan vergoren in offenen kleinen Edelstahltanks. Ausbau zu zwei Drittel im neuen Barrique, ein Drittel einjähriges Barrique. Der Höllenberg hat diese verblüffende Duftigkeit, diesen extremen Charme. Kaum jemand bringt ihn so schön und verführerisch ins Glas wie August Kesseler. Das ist ganz klassisches Cool Climate im Pinot Noir, nicht so wuchtig wie 2019, 2020 oder 2022, sondern ein bisschen die Plusversion von 2021, mit einer ähnlichen Kühle und Säurefrische, aber schon einen Ticken mehr Struktur. Saftige Holunderbeere, die typische Cassis-Veilchen-Kombination und das mit einem Schmelz, den ich in 2023 nicht erwartet hätte. Es ist nicht ganz so extraktsüß wie 2022, ein bisschen mehr in den Stein laufend, ein bisschen zarter das Ganze, mit Pfingstrosen und gerade so reifen Blaubeeren, die noch schön knackig sind. Wunderbare Eleganz, feingliedrig, saftig, die Beerenfrucht legt sich samtig über die Zunge. Der 2023er kommt wieder mehr über die klassischen Attribute von Assmannshausen, zieht sich in eine ganz feine, blumige Länge, die pikante Säurespur, Salz vom Schiefer und alles eben ein bisschen ruhiger und zurückgenommener. Nicht so blockbustermäßig and Baden angelehnt wie 2022, sondern eher im Rheingauer Cool Climate bleibend mit köstlich animierender Frische. So einen Wein gibt es nur hier in Assmannshausen vom Höllenberg. Vielleicht nicht nur von Kesseler, auch Carsten Saalwächter macht einen sehr feinen Pinot Noir hier, aber der hat mehr Druck, Kesseler ist einen Hauch fruchtbetonter und zarter. Großer, eigenwilliger, individueller Stoff.
Der Winter 2022 auf 2023 brachte endlich, wovon wir in den letzten Jahren oft zu wenig hatten: Niederschlag. Dank Regen satt, waren die Wasserreserven nach dem viel zu trockenen 2022 endlich wieder gut gefüllt, was den Reben einen vitalen Start ins Frühjahr eröffnete. Nahezu keine Frostschäden und paradiesisches Wetter begleiteten eine tolle Austriebs- und Blütezeit, die die Winzerherzen höherschlagen ließ. Es folgte, woran wir uns – mit Ausnahme von 2021 – bereits gewöhnt haben: ein heißer und (zu) trockener Sommer. An den kargsten Standorten gab es wie im Vorjahr etwas Trockenstress. Die älteren Reben kamen aber aufgrund der satten Winterniederschläge glimpflich und sehr gesund durch den provençalischen Frühsommer. Nichtsdestotrotz hätte 2023 eine mittlere Katastrophe werden können, wenn die Trockenheit bis zur Lese so durchgepowert hätte, doch ausgerechnet der sonnenverwöhnte August brachte die Kehrtwende auf den Hacken, denn es war der regenreichste August seit langem. Ab Anfang/Mitte September – gerade recht zur Lesezeit – machte das Wetter vielerorts erneut eine Kehrtwende und schwenkte zurück zu sonnig-warmen, trockenen Verhältnissen. Die bereits kühleren Nächte ermöglichten eine hocharomatische Ausreifung, die 2023 diese gewaltige Fruchtstärke und kühle Brillanz beschert hat. Tatsächlich sahen die Trauben mancherorts aus wie von einem anderen Stern: goldgelb, hochreif und voll praller Energie und Saft. Ob 2023 wirklich DAS Jahr der Jahre ist, steht natürlich noch in den Sternen, aber die Vorzeichen sind mehr als grandios… es ist aus mehreren Gründen der faszinierendste Jahrgang der letzten Jahre. Kein Jahr zuvor war in der Vegetationsperiode so »sonnig« UND so »nass« zugleich. Also doch kein reines (Wein-)Wunder, dass 2023 diese wundervolle geschmackliche Mischung zwischen den aromatisch-dichten 2018ern und 2019ern, sowie den rassig-kühlen 2012ern und 2013ern ist. Warme, satte Agrumenfrucht ohne Ende, von Grapefruit bis Quitte ist alles dabei – und darunterliegend immer wieder dieser mitreißende Speichelturbo. Die Weine haben mehr Dichte als in 2020, eine höhere Reife als in 2021 und mehr Geschmeidigkeit als in 2022 – deshalb gefällt mir der Jahrgang beim Riesling in der Breite bisher auch besser als seine Vorgänger. 2023 kann sowohl 2021er Riesling-Freaks als auch Fans des runderen 2018 abholen. Die Einzigartigkeit der 2023er Rieslinge liegt im Akkord aus beeindruckender Dichte, die selten schwer wirkt, glasklarem Terroircharakter und einem Trinkfluss für die Götter. Die höhere Wasserverfügbarkeit der Reben hat vielen Weinen einen schwer in Worte zu fassenden »Fluss« verliehen. Die Besten sind so reich und geschmeidig, dennoch nie fett oder überwältigend, immer freudvoll und saftig. Vor allem im direkten Vergleich mit dem phenolisch-festeren und etwas kargeren Vorjahr 2022, ist das ein Quantensprung in Richtung früher Trinkbarkeit und Gourmetfaktor. Ich kann mir gut vorstellen, dass 2023 sogar bei den großen Weinen für eine längere Zeit offen und zugänglich bleibt. Das gibt dem Jahr potenziell ein riesiges Trinkfenster, denn dank tiefer pH-Werte und großer Balance ist das allemal auch ein Jahrgang für den Keller. In der Spitze sind die 2023er buddhistische Rieslinge. Keines der letzten drei Jahre hatte ein so stimmiges Gesamtbild aus expressiver Frucht, samtig-dichter Textur und perfekt reifen Säuren. 2023 fließt einfach – Hedonismus pur!