Der Tertiär Riesling ist ein neues Kapitel im Portfolio von Odinstal, stilistisch zwischen den klar gezeichneten Bodenweinen wie Basalt oder Muschelkalk und dem markanten 120 NN angesiedelt. Ein Wein, der im Prinzip ausschließlich aus potenziell großen Lagen der neu hinzugekommenen Domäne in Herxheim am Berg stammt. Unterhalb der Mauer, nach Süden ausgerichtet, in der Gewann »Im Steinberg«, aber auch die Vorlese aus dem Großen Gewächs fließt hier hinein. Der Name ist hier Programm: 20 Millionen Jahre alte Böden aus der Tertiär-Zeit, mit einem enorm hohen Anteil an Aktivkalk von 30–40 %. Ein Terroir mit Kraft, das hier erstmals vinifiziert wird. Anders als die klassischen Terroirweine von Andreas Schumann wird der Tertiär komplett im Holz ausgebaut, dazu etwa ein Drittel auf der Maische vergoren. Der Tresterkuchen wird von Hand untergestoßen, eine Woche zarte Mazeration – genug, um eine feinziselierte, griffige Phenolik einzubauen. Die Nase zeigt sofort die Handschrift: grüne Traube, knackiger grüner Apfel, reife Zitronenschale, dazu frische Wiesenkräuter, ein Hauch Melisse. Ganz dezent helle Marille und feine Kräuterwürze. Das Ganze kühl, klar und sehr präzise. Am Gaumen ist der Tertiär von elektrisierender Zitrusfrische geprägt: Zitrone, Limette, eine salzige Linie zieht sich durch, unterlegt von Kräutrigkeit und mineralischer Power. Schlank, zupackend, mit brillanter Klarheit und einem fast kalkstaubigen, stoffigen Grip. Nichts wirkt üppig, nichts breit – die Länge ist großartig, getragen von vibrierender Säure und subtiler Phenolik. Das ist ein Riesling, der kein Extrem sucht, sondern die Mitte trifft: ein völlig typischer Odinstal, präzise, salzig, packend, obwohl er von einem ganz anderen Terroir kommt. Ein gelungenes Debüt, das zeigt, dass dieses uralte Tertiärgestein seinen Platz neben den klassischen Bodenweinen von Odinstal verdient.
»Here comes the rain again…« – das Weinjahr 2024 war rasant und aufwühlend. Eine deutlich kühlere Vegetationsperiode mit wechselnden Regen- und Trockenphasen forderte die Winzer heraus. Der frühe Austrieb im April wurde von heftigen Spätfrösten abgelöst, die Ahr, Nahe, Nordbaden, Saar und Ruwer besonders hart trafen und zu teils dramatischen Ernteausfällen führten. Viel Manpower, bedingungsloser Einsatz und sorgfältige Selektion waren entscheidend. Die besten 2024er Weine zeigen eine bemerkenswerte Finesse mit überraschend viel Stoffigkeit und schlanker Kraft. Der kühlere Ausdruck erinnert an die präzisen Klassiker 2016, 2008, 2004 und 2002. Sie sind extrem klar gezeichnet und definiert und besitzen häufig mindestens ein Volumenprozent weniger Alkohol als die Vorjahre. Umso überraschender ist die Substanz und innere Dichte, die durch ausgiebige Sommerniederschläge und eine langsame Reifung bis in die kühlen Nächte der späten Lese ermöglicht wurde. Die Trauben erreichten enorm hohe Extraktwerte, die mit 2023 konkurrieren. »Die schönsten Aromen gedeihen im Schatten.« wie Florian Lauer immer sagt. Die Säuren sind »nordisch-straff« und vibrierend, aber reifer und weniger einschneidend als im “krachenden” 2021. Die Weine bieten eine genussvolle Cremigkeit, ohne ihr elektrisierendes Rückgrat zu verlieren. Der 2024er ist ein harmonischerer und feinerer Jahrgang als ebenfalls kühlere 2021, zudem ist es aromatisch in einem klassischeren und schlankeren Profil angesiedelt als die »Vollgas-2023er«. Bei vielen Weinen wurde ein Level erreicht, das mit dem Benchmark-Jahrgang 2023 mithalten kann, auch wenn die Mengen besonders bei den Großen Gewächsen teils sehr gering sind. Es gibt so viele wunderschöne, filigrane, saftig-dichte und auch richtig lecker-delikate Weine in diesem Jahr. Und das kann in dieser Leichtigkeit und finessenreichen, athletischen Form heute eben fast nur noch in Deutschland so geerntet werden. Franken glänzt mit exzellenten Silvanern mit kühlem Saft und eleganter Stoffigkeit. An Mosel-Saar-Ruwer wurde im restsüßen Bereich von Kabinett bis Auslese absolute Weltklasse geerntet, trotz mancherorts verheerender Frostschäden. Die Nahe glänzt 2024 nicht nur mit Riesling in ultrafokussierter Manier, sondern auch mit Burgundern dieses Jahr – genau wie die Südpfalz! Der wärmeren Mittelhaardt steht ein kühleres Jahr immer mehr als gut. Von Christmann über Bürklin bis Winning ist das der Stoff aus dem Riesling-Träume sind. In Rheinhessen hat wohl der Rote Hang sein Jahr der Jahre, so viele Mega-GGs nach den schwierigen Trockenjahren dort ein Segen… wow!