Jülg: Calcaire Blanc Schweigen Ortswein 2022

Jülg: Calcaire Blanc Schweigen Ortswein 2022

VDP

Zum Winzer

Chardonnay 50%, Weißburgunder 40%, Grauburgunder 10%
weiß, trocken
12,5% Vol.
Trinkreife: 2025–2035
fruchtbetont
mineralisch
frische Säure
Lobenberg: 92–93+/100
Galloni: 90/100
Deutschland, Pfalz
Allergene: Sulfite,
lobenberg

Heiner Lobenberg über:
Calcaire Blanc Schweigen Ortswein 2022

92–93+
/100

Mit dem neuen Calcaire Blanc legt Johannes Jülg einen Ortswein vor, der sofort zeigt, wohin die Reise geht. Der bisherige Weißburgunder Schweigen ist damit Geschichte – an seine Stelle tritt eine Cuvée aus Chardonnay, Weißburgunder und Grauburgunder, die nicht die Rebsorte, sondern kompromisslos die Herkunft in den Vordergrund stellt. Kalkstein pur, Schweigen pur. Ein ähnlicher Gedanke wie bei Julian Hubers Breisgau: die Essenz der Böden vor den Lagenweinen zeigen, eine Vorstufe, ein Botschafter. Die Trauben stammen aus den besten kalkgeprägten Weinbergen rund um Schweigen, natürlich alle von Hand gelesen, schonend verarbeitet. Zwölf Monate auf der Vollhefe im gebrauchten Tonneaux, danach weitere 18 Monate auf der Feinhefe im Edelstahl – unfiltriert und ungeschönt gefüllt. Zeit formt den Wein, Kalkstein gibt ihm seine Seele. Die Nase ist subtil, klar und vielschichtig: Ganz zarte Reduktion zu Beginn, etwas Feuerstein und regennasser Kalk, Williamsbirne, weißer Pfirsich, Amalfi-Zitrone, ein Hauch von gerösteter Haselnuss, dazu zarte Hefenoten und ein Anflug von Kreide. Nichts Lautes, alles auf feiner Spannung, von kühler Kalkstein-Mineralik durchzogen. Am Gaumen dann eine perfekte Balance aus cremiger Textur und straffer, salziger Frische. Saftige Birnenfrucht, etwas Zitronenzeste, ein Hauch von Quitte, dazu feine Würze und ein kalkig-kreidiger Grip, der den Wein in die Länge zieht. Trotz des warmen Jahrgangs bleibt alles unglaublich präzise, geradlinig und kühl. Der Calcaire Blanc ist neu und damit noch ein Geheimtipp, aber was für einer! Ein quasi universeller Wein, für so viele Anlässe einfach perfekt. Dabei mineralisch, puristisch, voller Charakter und doch mit eleganter Frucht – ein Vorbote der Lagenweine, aber mit eigenständiger Größe. Ein Wein, der schon jetzt immense Freude macht, aber auch zeigt, wie lohnend Geduld sein kann. Gute Lagen, Zeit und Handwerk, mehr braucht es nicht für große Eleganz.

Jahrgangsbericht

All in all der wärmste Sommer seit Beginn der Aufzeichnungen! An Vorurteilen gegenüber solchen Witterungsverhältnissen mangelt es uns als weinbauliche Nord-Nation ja nicht. Von den Winzern hatten wir aber schon einiges Erfreuliches gehört. Mit ein klein wenig gesunder Skepsis, aber gewaltiger Vorfreude starteten wir direkt nach der ProWein in unsere vierwöchige Verkostungsreise durch Deutschland. Schon wieder ein Rekordsommer also. Da geht das Kopfkino los. Wird ein Tim Fröhlich vor uns sitzen, der mit kaltschweißiger Stirn erstmals zugeben muss, dass die Star Wars-Ära endgültig vorbei ist? Keine surrenden Laserschwerter in den Fässern?! Knackt der immer trockener werdender Oliver Haag mit seiner Juffer-Sonnenuhr den historischen Brauneberger Alkoholrekord? Und wann wird Konrad Salwey wohl geerntet haben – Ende Juli? Wir waren ja auf alles gefasst. Doch dann glitzern die ersten Weine im Glas: fein, leichtfüßig, harmonisch, zugänglich und …elegant! 12% Alkohol! Wow!! Das glaubt einem ja keiner, der es nicht selbst auf der Zunge hatte. Der Jahrgang zeigt – bei den von uns verkosteten Weingütern, anders als etwa 2003 und 2018 – im Jungstadium kaum Anzeichen eines extremen Hitzejahres. Verblüffend. Mit der fortschreitenden Mediterranisierung der klimatischen Verhältnisse geht die Schere zwischen progressivem Weinbau und den geeignetsten Standorten und allem anderen immer weiter auseinander. Wir sehen das von Frankreich über Italien, Spanien und eben auch in Deutschland. Jeder hat mit sich ungeahnt rasch verändernden Bedingungen zu kämpfen. Doch wer im An- und Ausbau nicht vor 10 Jahren stehengeblieben ist, der beherrscht – fraglos mit teils immensem Arbeitseinsatz und Commitment – selbst solche dramatischen Trockenphasen und massive UV-Intensität. Fakt ist aber auch, dass die deutschen Top-Winzer in kaum einem Jahrgang zuletzt so viel abgestuft haben, so penibel waren in ihrer Traubenselektion und so hart mit der Auswahl der Gebinde bei der Cuvetierung. Lange wurde nicht mehr so viel Wein im Fass wegverkauft, gerade auch aus den jüngeren Rebanlagen und ultratrockenen Standorten. So selektiv wie die Winzer sollten auch wir Weintrinker mit dem Jahrgang sein. Wer sich auf Top-Lagen, Top-Weinbau und Top-Betriebe fokussiert, wird ein Füllhorn an atemberaubend guten, wunderbar eleganten Weinen finden. 2022 ist kein Jahr zum wahllosen Draufloskaufen. Denn von Bordeaux über die Rhône bis nach Deutschland sind sich Winzer in einem einig: einfach war der Jahrgang nicht. Trotz Jahrhundertsommer wurden mitnichten aus jedem Weinberg einheitlich große Qualitäten geerntet. Denn in 2022 ist durch die paradoxe Transparenz der Weine ein faszinierend klares geschmackliches Abbild der Terroirs zu erkennen – und damit auch der feinsten klimatischen Unterschiede. Rebalter, lokale Regenmengen, Wasserhaltefähigkeit, Bewirtschaftung, Laubarbeit, Erntezeitpunkt. Diese Details zählen in einem so extremen Jahr wie 2022 noch mehr als sonst. Denn selbst die kleinsten Fehlentscheidungen oder Defizite der Standorte werden von den Weinen kanalisiert. Der Jahrgang mag auf den ersten Blick nicht so durch die Bank makellos strahlen wie es vielleicht ein 2019 tat oder so mitreißend rassig wie 2021 aus dem Glas kommen. Wir sind eher bei eleganter Frucht ohne Üppigkeit, bei sehr balanciertem, reifem Säurespiel und Zugänglichkeit wie sie auch die schicken Jahre 2020, 2017 oder 2012 hatten. In der Spitze versprechen manche 2022er auf Augenhöhe mit den genannten zu sein – und zeigen Potenzial womöglich sogar darüber hinauszuwachsen. Einige Weine sind berauschend gut. Was für ein unendlich feiner, kühler, kraftvoller Morstein bei Wittmann, Christmanns Hammer-Idig, ein superintensives Ungeheuer bei Bürklin, ungeahnt tänzerisch-leichtfüßige, brillante Kabinette von Saar und Mosel, eine superbe Kollektion bei Luckerts, eine Juffer-Sonnenuhr bei Haag, die keinen Alkoholrekord bricht, sondern mit feingliedrigem Zug glänzt und ganz große Klasse auch bei Loewen. Es gibt so viel Grandioses zu entdecken in diesem Jahr und ich denke auch Weltklasse war drin. Weil der Jahrgang sich regional so unterschiedlich präsentieren kann, habe ich mich entschlossen kleine Abrisse der Regionen zu skizzieren. Genauere Details finden Sie in den neuen Verkostungsnotizen. Tauchen wir also ein ins heterogene, faszinierende, verführerische und teils so überraschend feine 2022, das viele Anklänge von 1999 (trockener Sommer, Regen im September), der Köstlichkeit von 2009 und dem ebenfalls verblüffend delikaten 2020 hat.

90
/100

Galloni über: Calcaire Blanc Schweigen Ortswein

The 2022 Schweigen Calcaire Blanc is a blend of half Chardonnay, 40% Pinot Blanc and 10% Pinot Gris. This spent a year on gross lees in oak and a further year in stainless steel on fine lees. Its subtle nose shows a touch of roasted hazelnut enriched with bright lemon and a hint of yeast. Salty brightness and a lovely limestone-tinged coolness define the palate despite the hot vintage. This has wonderful understatement and elegance.

Mein Winzer

Jülg

Das Weingut Jülg im südpfälzischen Schweigen-Rechtenbach ist schon längst kein Geheimtipp mehr. Winzer Johannes Jülg zählt mit seiner absolut eigenständigen und sehr burgundischen Stilistik bereits seit einigen Jahren zur qualitativen Spitze der Pfalz.

Calcaire Blanc Schweigen Ortswein 2022