Die Trauben stammen aus den wärmeren Hängen der Southern Valleys in Nordausrichtung auf kühleren Lehmböden. Bei Cloudy Bay ist kompromisslose technische Perfektion angesagt. Eine optische Sortiermaschine sorgt dafür, dass jede nicht zu 100 Prozent perfekte Traube aussortiert wird. Nach der Gärung mit ungefähr dreiwöchigem Schalenkontakt erfolgt der elfmonatige Ausbau in französischen Barriques. Mittleres, leuchtendes Rubinrot mit etwas Granatrot am Rand. Wunderbar erdige Nase von Assam-Tee und duftendem Waldboden im Sommer im Spiel mit zarten Noten frischer Kräuter, auch etwas Minze und Eukalyptus. Auch eine zarte Reduktion ist im Spiel – der Stoff spricht schon beinahe fließend Französisch! Insgesamt ist hier erstaunlich viel Würze im Glas. Alles scheint eher energiegeladen als breit und dunkel brummend. Dieser Stoff ist jedenfalls alles andere als eine süße »Fruchtbombe« aus der Neuen Welt. Er hat sogar deutlich mehr Ernsthaftigkeit als seine weiße Schwester. Aromen von Cherry Cola auf reifen, noch am knorrigen Baum hängenden Schlehen und Brombeeren geben dann doch einen Hinweis darauf, dass wir uns hier nicht in Vosne-Romanée befinden. Der Wein erinnert dennoch eher an Oregon als an Marlborough. Der Holzausbau ist perfekt und harmonisch integriert – man muss beim Riechen schon ganz genau aufpassen, um den Hauch Zedernholz, Muskatnuss und Lorbeerblatt vom Ausbau wahrzunehmen. Im Mund gleitet dieser Pinot mit samtigen Tanninen und harmonischer Marlborough-Frische über die Zunge. Rote Johannisbeere, Sauerkirsche und ein Hauch Cranberry sorgen für den frischen Mundeintritt, während sich die Frucht im Nachhall eher in Richtung saftiger, reifer, süßer Erdbeere und Himbeere entwickelt. Duftende Jasminblüten mit etwas dezent bitterer Süßholzwurzel und weißem Pfeffer sowie würziger Bresaola im Nachhall unterscheiden diesen Wein von den meisten anderen Pinot Noirs. Nachdem Cloudy Bay meiner Meinung nach lange Zeit hauptsächlich mit Weißweinen überzeugen konnte, ist das Weingut nun auch im ernsthaften »Rotwein-Game« zu Hause. Schöne Komplexität und doch aufgrund der Spannung ganz ohne Anstrengung. Der nächste Schluck muss nicht lange warten.