Die direkt um das Weingut gelegene Cru Lage »Bricco Boschis« ist das Flaggschiff von Cavallotto in Castiglione Falletto. Es ist eine uralte historische Lage und seit Gründung des Weinguts im Jahr 1928 im Familienbesitz. Bricco Boschis steht fast ausschließlich auf weißem Lehm, teilweise mit Mineraliensprengseln, also weißgelbem und weißgrauem Lehm und in Teilen gibt es auch etwas Sand, der zur Finesse und Feinheit der Weine beiträgt. Eine klassische und grandiose Barolo-Terroir-Ausprägung. Die Lage befindet sich ziemlich in der Mitte des gesamten Barolo-Gebietes auf 335 Metern Höhe und ist nach Südwesten und Südosten exponiert. Der Ausbau in großen slawonischen Eichenfässern von 8.000, 3.000 und 5.000 Litern Größe. Fassmuster, der Wein wird nächste Woche in den Stahltank umziehen, bevor er dann Ende November 2025 mit abnehmendem Mond abgefüllt wird. Leuchtendes, tiefes Rubinrot. Reife, rote Kirschen, gebackene Kirschen, Pflaumen, Schlehen, etwas Hibiskus, schwere Veilchen, Brombeerkonfitüre, viele braune Gewürze, Muskatnuss, Nelken, Fleischbrühe, erdige Töne von herbstlichem Wald, Mahagoniholz und Holzpolitur sowie ein Hauch Teer und Tannennadeln. Die Aromatik ist tief, dunkel, erhaben und doch elektrisierend, sogar etwas mystisch, »weinig« und dabei wunderbar vielschichtig. Im Mund ist dieser Wein trotz seiner körperreichen und aromatisch tiefen Aura dann überraschenderweise knallrot, erfrischend und präzise. Mit roter Herzkirsche, roter Johannisbeere und Cranberries. Unendlich viele ganz zarte und doch im Cavallotto-Stil auch griffige Tannine sind so fein wie Karibiksand und cremige nasse Kreide kombiniert. Im Vergleich zum daneben probierten Jahrgang 2021 sind es deutlich weniger Tannine, die dafür aber definierter sind als die beinahe süßen, reifen Tannine des 2021ers. 2022 sind die Tannine kleiner und griffiger und breiten sich mit der präzisen Frische des Jahrgangs auf der Zunge aus. Die Rote Frucht im Schlepptau, mit einem Hauch rauchig-würzigem Kampfer, brummender Bitterschokolade, süßer Kirsche und Lakritz. Der Wein hat eine gute Länge und hinterlässt einen Hauch Nougat im Nachhall. Wunderbarer Stoff aus diesem konzentrierten, heißen Jahrgang! Der Wein ist noch im Fass, aber ich vermute momentan, dass er früher zugänglich sein wird als der mächtiger strukturierte 2021er. Sehr, sehr schicker, ultra-klassischer Barolo aus dem Bilderbuch.
2022 war in ganz Europa ein von Hitze und Trockenheit geprägter Jahrgang. Im Piemont fiel bereits im Winter 2021 kaum Schnee, und es regnete lediglich im Mai und dann wieder im August in sehr kleinen Mengen, was ein wenig zur Erleichterung der Reben beitrug. Vom Austrieb bis zur Lese verlief die Wachstumsperiode ungefähr zwei bis drei Wochen früher als im Durchschnitt. Dieses Jahr war also von extremem Wetter gezeichnet, aber glücklicherweise war es sehr regelmäßig und konstant heiß und trocken – vom Austrieb bis zur Weinlese während des »Indian Summer« – und es gab keine Hitzespitzen. Da die Trockenheit nicht plötzlich eintrat, bildeten die Reben dementsprechend kleinere Blätter und weniger Trauben aus. Vielleicht kamen sie deshalb so erstaunlich gut mit diesen erschwerten Bedingungen klar, weil sie sich seit dem Frühling langsam an diese Situation »gewöhnen« konnten.2022 kann unmöglich generalisiert werden, und jeder Wein verdient es, einzeln betrachtet zu werden. Die etwas kühleren Höhenlagen im Piemont sind häufig auch von durchlässigeren Böden geprägt und dieses Jahr aufgrund der Trockenheit deshalb nicht automatisch besser. So sind 2022 ton- und lehmhaltige Böden mit besserem Wasserhaltevermögen deutlich vorteilhafter als sandigere. Die sonst »besten« Cru-Lagen zeichnen sich durch ihre besonders »perfekte« Ausrichtung zur Sonne und somit noch wärmeren Temperaturen aus. Auch das Alter der Reben und die Herangehensweise jedes Weinguts in den Weinbergen konnte einen entscheidenden Unterschied machen. Wurde durch sanftes Entblättern der Sonnenschutz gewährleistet und die Böden nicht unnötig durch Pflügen geöffnet, was zum stärkeren Verdunsten von Wasser führt, hatten es die Reben bedeutend leichter. Aufgrund der Trockenheit bestand kein Krankheitsdruck, es gab weder Pilzkrankheiten noch Fäulnis, was die Arbeit während der Wachstumsperiode auch erleichterte. In Summe brachten die berühmtesten Lagen 2022 nicht automatisch die besten Weine hervor, wohl aber die kühleren und lehmigeren Böden mit gutem Wasserspeicher der »alten« Terroirs aus Castiglione, Serralunga und Monforte d’Alba, teilweise auch Verduno. 2022 ist laut Aussage von Luca Currado-Vietti vom qualitativen Potenzial her riesig, im Ergebnis aber wegen zweier fehlender Regenschauer im August und September und zwei Grad zu hoher Spitzentemperatur haarscharf unterhalb eines Jahrhundertjahrgangs hängen geblieben. Die Winzer, die viel Zeit in die Weinberge investierten und zudem bereits vor oder bei der Lese gnadenlos aussortiert haben, brachten die beeindruckendsten Weine hervor. Was nicht perfekt oder gar vertrocknet war, gelangte gar nicht erst in den Gärtank. Im Durchschnitt bedeutet das 15 bis 40 Prozent kleine Erträge gesunder und konzentrierter Trauben. Im Keller musste aufgrund des höheren Verhältnisses von Traubenschalen zum Saft sanft extrahiert werden; der Ausbau erfolgte oft ein paar Monate kürzer als sonst und somit etwas reduktiver, um die Frische der Weine zu bewahren.Der Jahrgang 2022 hat einen wunderbaren »Überraschungseffekt«, denn wer überreife Weine erwartet hat, wird das Gegenteil im Glas finden! Die Trockenheit bremste. Aber seit im Jahrgang 2003 ebenfalls Hitze auf Trockenheit traf, haben die Winzer viel dazu gelernt. Was bereits bei den Bordeaux Primeur Proben des Jahrgangs 2022 deutlich wurde, stimmt auch im Piemont: In der Spitze kann 2022 enorm was! Die Weine sind so konzentriert wie 2017, aber mit deutlich mehr Frische ausgestattet. Aromatisch sind sie herrlich intensiv und bereit, eine unwiderstehliche Performance abzuliefern. Die Struktur der Tannine hängt dabei von den oben genannten Faktoren ab. Es gibt strukturiertere Weine, die aber durch ihre Fruchtbalance dennoch meist durchaus harmonisch sind. Ich versichere, dass mit Offenheit ausgestattete Nebbiolo-Liebhaber dieses Jahr mit der ein oder anderen Neuentdeckung belohnt werden, denn 2022 gibt es durchaus viele hervorragende und gar überragende Weine im Piemont, auch wenn 2021 sicher über alle Regionen gesehen harmonischer und gleichmäßiger in seiner Weltklasse rüberkam.