Die 0,66 Hektar große Parzelle der Familie Oddero liegt auf 250 Höhenmetern im oberen Teil der Lage. Die über 70-80 Jahre alten Reben stehen auf extrem kargen, felsigen Kalksteinböden und zählen zu den ältesten des Weinguts. Bereits als Isabellas Großvater die Lage kaufte, waren die Rebstöcke ziemlich alt. Es war die erste Einzellage, die das Weingut separat ausgebaut hat. Seit 2008 werden die Reben biologisch bearbeitet und ab 2010 erlangte das Weingut die Zertifizierung. Wie alles bei Oddero in penibler Handlese geerntet – nur kerngesunde Trauben kommen ins Fass. Die Trauben werden größtenteils entrappt, das Weingut verwendet ungefähr 10 Prozent Ganztrauben für die Cru Lagen, und nach 25-30 Tagen auf der Maische kommen die Weine 20-30 Monate lang in große 20 hl fassende Botti. Nach der Abfüllung folgt ein weiteres Jahr Flaschenlager, bevor der Wein auf den Markt kommt. Müsste sie wählen, so wäre der Rocche di Castiglione der Lieblings-Weinberg der jungen Winzerin Isabella Oddero. Die Trauben wurden noch vor dem Monvigliero am 29.September 2022 gelesen. Der Rocche verblieb mit 29 Tagen eine etwas längere Zeit auf der Maische als die anderen Weine, aber mit sehr sanftem Überpumpen – der Fokus lag ganz klar auf sanfter Extrahierung. Der 24-monatige Ausbau erfolgte im Anschluss im großen 20 hl fassenden französischen Holz Botte, das 2008 erstmals in Betrieb genommen wurde. Am 10. Juni 2025 wurden 2.600 Flaschen abgefüllt. Leuchtendes Rubinrot mit einem Hauch Orange. Was für eine perfekte, hedonistische Nase! Intensive, konzentrierte saftige rote Kirsche und Himbeeren im Spiel mit zart schwebender Erdigkeit. Dieser Wein legt eine Harmonie und eine Spannung an den Tag, die ich so aus dem Jahrgang 2022 sonst bisher selten im Glas hatte. Zart schwebende braune Gewürze mit mystischem Teer, ein Hauch Anis, sowie wunderbar duftende, erdige Herbstwald-Aromen und Rosenblüten. Reife Aprikose mit schwebendem blonden Tabak und etwas weißer Nougat. Mmmh! Ein herrliches Dufterlebnis! Der Rocche ist dieses Jahr sogar noch schwebender als der Monvigliero. Auch im Mund ist alles stimmig, der Wein gleitet in beeindruckender Frische und Präzision über die Zunge. Die Tannine sind samtig und geschliffen – dieser Stoff ist echt herausragend und überraschenderweise sogar eher kühl, was die Frucht angeht. Rote Kirsche, Granatapfel, rote Johannisbeeren und wieder ein Hauch Orangenzeste treten druckvoll und salzig auf die Zunge. Hier ist nichts süß, sondern alles ist präzise und finessenreich. Sehr zart und fein mit einer burgundischen Harmonie zum Niederknien. Der Wein wird etwas früher zugänglich als der Jahrgang 2021, und hat dennoch ob seiner großartigen Balance und Struktur das Zeug dazu und das Potenzial im Keller zu reifen. Ganz im Stil von Oddero ist dieser Rocche kein lauter Wein, der reinknallt, sondern eine Orgie der Finesse und der Zartheit. Eine feine Dame, die erobert werden möchte! Für mich ist das ein feiner und doch übergroßer Rocche! Absolut herausragender Stoff!