Die ältesten Reben von Le Ragnaie, die direkt beim Weingut auf circa 600 Höhenmetern stehen, bringen die Trauben für diesen Wein hervor. V.V. steht für Vigna Vecchia, also »alte Reben«. Nach der Handlese folgt die Vergärung im Betontank, bevor der Wein 36 Monate lang in einem 37 hl fassenden, slawonischen Eichenfass ausgebaut wird. Von diesem raren Stoff gibt es jährlich maximal 4.000 Flaschen. Mittleres Rubinrot mit einem Hauch Orange und viskosen Tränen am Glasrand. Bereits bei meiner Probe im November 2025 präsentiert sich der Wein mit einer perfekt entwickelten, reifen und offenherzigen Nase. Intensive, erdige Waldaromen treffen auf saftige, dunkle Kirschfrucht, Pflaumen und Brombeeren. Dazu gesellen sich ein duftiges Potpourri, Wacholderbeeren sowie tiefgehende Noten von würzigem Lakritz und Orangenschale. Nelken und schwebende Aromen von Tabak auf wilden, reifen Heidelbeeren sowie warme braune Gewürze wie Zimt und Vanille runden das Bild ab. Die Würze besitzt eine attraktive Süße, die hervorragend mit ätherischen Kräutern harmoniert. Aromatisch wirkt dieser Wein schon vor seinem Release wirklich absolut komplett! Am Gaumen wird die wunderbar saftige Schwarzkirsche von feinen, elegant geschliffenen Tanninen durchzogen, die alle Aromen wie ein Gerüst in Form halten. Diese Tannine sind fein-griffig und fühlen sich fast an wie eine Katzenzunge, die über die Hand leckt – etwas »eckig« und doch zugleich angenehm. Im Nachhall zeigen sich 100-prozentige Schokolade, Cassis und reife schwarze Himbeere. Der Wein besitzt eine enorme mineralische Tiefe mit Noten von Gesteinsmehl und etwas Graphit. Aufgrund seiner monumentalen Struktur sollte dieser beinahe ganz große Tropfen lieber noch ein bis zwei Jahre im Keller verschwinden. »This wine has more of everything and is more complete in its complexity«, kommentiert Winzer Riccardo Campinoti. Im Nachhall bleibt purer, nackter Stein auf der Zunge – dieser Brunello legt eine intensive Mineralität an den Tag, die die Augenbrauen hebt. Top-Stoff aus alten Reben in luftiger Höhenlage – hier liegt die Zukunft Montalcinos!
Der Brunello-Jahrgang 2021 wurde bereits vor seinem Markteintritt als ebenbürtiger, wenn auch eleganterer Nachfolger des monumentalen 2019ers gefeiert. Nach einem klirrend kalten Winter startete die Wachstumsperiode mithilfe der Märzsonne nur zögerlich. Dennoch reduzierte ein verheerender Spätfrost im April, der besonders die tiefer gelegenen Lagen im Nordosten Montalcinos mit voller Härte traf, die Ernteerträge des Jahrgangs bedeutend. Spitzenwinzer wie Riccardo Campinoti vom Weingut Le Ragnaie beklagen Verluste von bis zu 60 % in der berühmten Montosoli-Parzelle; bei Siro Pacenti fiel die Ernte insgesamt ein Drittel kleiner aus als üblich. Diese »schmerzhafte« Mengenreduktion ist jedoch der einzige Wermutstropfen eines ansonsten absolut makellosen Jahrgangs. Denn was an Quantität verloren ging, wurde dafür mit einer atemberaubenden Qualität wettgemacht. Trotz heißer Sommermonate bewahrten 600 mm punktgenauer Niederschlag die Reben vor jeglichem Trockenstress und schenkten den Pflanzen im richtigen Moment die nötige Kühlung. Die Weinberge befanden sich den ganzen Sommer über in einer geradezu magischen Harmonie. Im September vollendete ein spektakuläres Wechselspiel hoher Temperaturunterschiede von heißen Tagen mit kühlen Nächten die Reife langsam, harmonisch und gleichmäßig. Die Polyphenole und Tannine erreichten ein perfektes Niveau der Reife und zudem blieb die Säure-Balance in den Trauben herausragend – ein Faktor, der zur wunderbaren Frische beitrug, die eine der wichtigsten Charaktereigenschaften des Jahrgangs darstellt. Während 2019 für große Konzentration und Struktur steht, ist 2021 ein Jahrgang der herrlich zarten Finesse. Die Fruchtklarheit und vibrierende Energie dieser Weine ist schlichtweg mind-blowing! Die Tannine sind geschliffen, seidig und von einer fast puderzuckerartigen Eleganz. Im Gegensatz zum eher dunklen Profil von 2019 strahlt 2021 neben den klassischen Aromen von reifer Heidelbeere auch mit einer leuchtend roten Frucht, unterlegt von einer packenden, salzigen Mineralität. Dank der perfekten Tannin-Reife wird 2021 sein ideales Trinkfenster vermutlich sogar früher erreichen als die 2019er Giganten. Bereits bei der Benvenuto Brunello Probe im November 2025 – noch vor dem offiziellen Markteintritt – stachen viele Weine durch ihre verführerische Zugänglichkeit und ihr aristokratisches Profil hervor. Ein mega spannender Jahrgang für Puristen und Genießer gleichermaßen!