Lobenberg: Der Talrain ist immer ein charmant-kühler Pinot. Er kommt von der höchstgelegenen Lage Ziereisens auf 500 Metern, reiner Kalkstein mit einer zwei Meter dicken Lehmauflage und hohem Eisengehalt, eigentlich typisches Vosne-Romanée-Terroir. Im Schnitt 20 bis 30 Jahre alte Reben. In einem offenen Holzgärständer aus dem 19. Jahrhundert vergoren, den Hanspeter von Rhône-Legende Pierre Gonon übernommen hat. Nur etwa 10% Ganztrauben in 2021, was für Ziereisen eher untypisch gering ist, aber hier wurden eben nur die Trauben mit den reifsten Rappen selektiert, sonst hätte das in diesem kühlen Jahr zu einer grünen Aromatik führen können. Schon die Nase ist unglaublich geradeaus. Feine Pfefferwürze, Holunder, rote Kirsche und mediterrane Kräuter, auch etwas Eisen. Die 500 Höhenmeter machen sich in diesem Cool-Climate-Pinot durchaus bemerkbar, aber trotzdem ist er charmant, reif und weich. Auch ein wenig Cassis und Maulbeere kommen hinzu. Klingt paradox, aber der Wein hat eine Art schlanke Opulenz. Obwohl die Lage hoch gelegen ist und kühler als Rhini, wirkt der Talrain immer etwas ausladender als der eigentlich von der wärmeren Lage stammende Rhini. Auch im Mund eine tänzelnde Schönheit, dunkler und roter Beerenfrucht laufend. Brombeere, wieder rote Kirsche, feine Würze, Kräuter und Eisen, Veilchen, Minze. Mit gutem Zug, ein sehr feiner, sehr burgundischer Wein mit samtigen Tanninen und feiner Extraktsüße im Kern. Der Talrain hinterlässt eine wunderbare Spur auf der Zunge, feines Salz, Tanninwürze mit etwas schwarzem Pfeffer darin, insgesamt bleibt es ein filigraner, sehr schicker Wein. 94-95/100
Mit den letzten Jahrgängen im Hinterkopf antizipierten die Winzer wie gewohnt einen eher trocken-warmen Witterungsverlauf. Doch 2021 machte recht schnell klar: nicht mit mir! Austrieb und Blüte waren bereits von ungewöhnlich nordisch-rauem Wetter begleitet und im Vergleich zu den Vorjahren »relativ spät« – im langjährigen Mittel also quasi normal. Die meisten deutschen Weinberge blieben von Frost verschont. Die recht harsche Witterung sorgte jedoch nahezu überall für Ertragseinbußen durch die windige, verregnete und dadurch unregelmäßige Blütephase. Der darauffolgende Sommer brachte zunächst keineswegs die Wende. Dramatisch konzentrierte Sommerniederschläge setzten der vorherigen Trilogie der heiß-trockenen Jahre ein jähes Ende und machten den Pflanzenschutz 2021 zu einer Sisyphusarbeit. Die Topwinzer haben 2021 Marathondistanzen in den Weinbergen abgeleistet, um der Situation Herr zu werden. Durch den zusätzlich hohen Personaleinsatz ist es in der Produktion für viele eines der teuersten Jahre aller Zeiten. Ein Glück, dass der Riesling als adaptierte Nord-Rebe stoisch in Wind und Wetter steht wie ein Islandpferd. Denn im Grunde wurde im Herbst immer klarer: Wenn man im Sommer richtig Gas gegeben hat, konnte das noch ein unglaublich starker Jahrgang werden – und so kam es dann auch. Nach diesem echten Cool-Climate-Sommer, der bis Ende August anhielt, retteten der September und ein Goldener Oktober den Weinjahrgang dann fast im Alleingang. Ein stabiles Hoch über Mittel- und Osteuropa sorgt für dieses seit Jahrhunderten bekannte Phänomen. Die Sonnenscheindauer ist gegen Oktober mit noch immer über 10 Stunden sehr hoch, dafür ist die Tag-Nacht-Amplitude schon viel ausgeprägter als noch im August. Da die Nächte länger werden, kann die Luft in Bodennähe stärker auskühlen. Das sorgt für eine langsame Ausreifung bei langer Hangzeit am Stock und trotzdem stabil bleibenden Säuren. Gerade der Riesling liebt das besonders, aber auch die Burgundersorten brillieren mit kühler Frische. Denn 2021 ist ein so spannendes, krachendes und zugleich kristallines Weißwein-Jahr, wie wir es lange nicht mehr hatten. Wer keine Angst vor berauschender Frische hat und sich gerne von hoher Spannung aus der Kurve tragen lässt, der wird mit 2021 seine größte Freude haben. Alle anderen sollten sich besser an die gar nicht so unähnlich gebauten, aber etwas freundlicheren 2020er halten.