Für die Roten stand überwiegend das Jahr 2017 im Fokus, genau wie 2018 kein ganz einfaches. Es gab gleich zu Beginn weitreichend verheerende Spätfrostschäden in nahezu allen Anbaugebieten. Manche Lagen traf es mehr, manche weniger. Die Ernte war am Ende insgesamt sehr gering. Hinzu kam ein teilweise regnerischer, aber doch recht heißer Sommer. Geschwächte Reben, ungleiche Reifezustände, Hitze und Nässe – eine toxische Kombination. Dieser Umstand führte zu einer sehr frühen Lese nach eben auch frühem Austrieb und oft auf Grund von Infektionsdruck und schwierigen Zuständen in den Weinbergen. Dahingehend ist es geradezu verblüffend wie schick und aromatisch sich die besten Spätburgunder dieses Jahres zeigen.

Die Top-Winzer schaffen es heute in jedem Jahrgang mit stark minimierter Volatilität sehr gute Qualitäten in die Flasche zu bringen. Natürlich hat dennoch jedes Jahr seine Typizität, aber das ist ja auch schön so. Denn für meinen Gaumen sind mir die zartbesaiteten, vertikalen 2017er teilweise lieber als so manches hochgefeiertes Jahr. Beinahe allen gemein sind eine erfrischende, energetische Säure aufgrund der früheren Lese und eine hohe Fruchtintensität. Die Farbe der Weine ist eher zarter als 2015 und 2016, genau wie die Tanninstrukturen häufig etwas filigraner ausgefallen sind. Herausgekommen sind überwiegend feine, im besten Fall feingliedrige, aber zugleich aromatisch-intensive Spätburgunder. Aus weinbaulicher Sicht vielleicht ein schwieriges Jahr, aber die Endergebnisse deuten eher auf ein grandioses Jahr für Freunde der Finesse und der Frucht bei gleichzeitig toller Frische hin. Auch wenn die allerletzte Komplexität und das letzte Quäntchen Power aus den Jahren zuvor vielleicht fehlt. Anyway, ich finde 2017 für deutschen Pinot in der Spitze traumtänzerisch schön und bin weitgehend sehr glücklich mit den präsentierten Ergebnissen.

Wenn man zum Abendessen einen eindrucksvollen Wein reichen möchte, greift man eher mal zu einem 2012er, 2015er, 2016er, das ist eh klar. Zum genüsslichen Glas nach Feierabend kommt mir doch ein fruchtig-frischer, leichtfüßiger 2017er oftmals sehr viel gelegener. So ist mein bisheriger Eindruck von diesem ausgesprochen charmanten Jahr. Ich weiß nicht wie es bei Ihnen ist, aber letzterer Anlass ergibt sich bei mir sehr viel häufiger. Für mich gibt es prinzipiell fast keine Off-Jahrgänge, nur zu unterschiedlichen Gelegenheiten besser oder schlechter passende Weine. Und die besten 2017er haben mich wirklich verzaubert und einige haben mir noch besser gefallen als ihre Vorgänger. Zudem ist es ein Jahr, das für viele Weine früher trinkreif werden dürfte als 2015 und 2016. Einige 2017er sind sogar jetzt schon sehr trinkfreudig.

Wir wandern von Nord nach Süd. Von Schiefer über Sandstein bis hin zu Vulkangestein und Kalk – Deutschland hat enorm viel zu bieten. Und das hiesige Klima sowie die Preisentwicklung im bisherigen Spätburgunder-Mekka rücken uns immer mehr in den Fokus des internationalen Interesses. Los geht es also mit einem einzelnen Ahr-Flight, alles 2017. Adeneuers Rosenthal ist frisch und fruchtbetont, aber auch dunkel, Herzkirsche und Schwarzkirsche, Räucherspeck. Am Gaumen saftig und fein, rotfruchtig mit feiner Marzipansüße hinten raus (92–93/100). Darauf Meyer-Näkel mit dem Silberberg, rauchig-dichte Nase, satte Frucht, eher dunkel, Schwarzkirsche und Walderdbeere, fruchtbetonter Mund mit griffigem Tannin (93/100). Nochmal Meyer-Näkel, jetzt der Kräuterberg. Sehr reif, fast opulent, pflaumig, Weihrauch. Feine Säure im Mund, aber leider leicht austrocknendes Tannin, ansonsten schöne Frucht (93+/100).

Alexander Stodden

Adeneuers Gärkammer ist leicht reduktiv, darunter Herzkirsche, Rauch und etwas Speck, ein wenig Holunder. Dichter, reifer Mund, üppig (92–94/100). Schöne rauchige Kirsche, auch etwas Sauerkirsche, Johannisbeere, geschliffen. Meyer-Näkels Pfarrwingert hat festes, leicht austrocknendes Tannin, zeigt sich ansonsten filigran und tänzerisch mit schöner Kirschfrucht. Erfrischenderweise kein speckiger Ahr-Kitsch, nur ein wenig rauchig, angenehm geradlinig (93–94/100). Einsame Spitze und der einzige Wein, der mich wirklich begeistern kann ist dann Stoddens Herrenberg. Satte, glockenklare Herzkirsche, feines Marzipan darunter, ein paar Veilchen, ganz leicht balsamische Anklänge, reif, aber nicht üppig. Satte Konzentration mit getrockneter Kirsche, Cranberry, Kirschkernen und feinem Feuerstein, insgesamt sehr harmonisch. Der Mund wird von feiner, volumengebender Extraktsüße gestützt, Veilchen, Sauerkirsche und süße Johannisbeere. Alles sehr saftig, druckvoll und von bestechender Reintönigkeit gezeichnet. Die Eleganz wird mit einem sehr passenden, nobel-zurückhaltenden Holzeinsatz noch bestärkt. Große aromatische Länge. Der feinste Wein von der Ahr. Verführerisch und samtig. Auch voluminös und konzentriert zwar, aber nie schwer oder üppig werdend. Behält sich seinen sehr eleganten, aristokratischen Charakter. Sehr fein (94–96/100)!

Rheinhessen

Aus Rheinhessen zeigt Sankt Antony einen dunklen, blaufruchtigen, aber nicht üppig-pflaumigen Paterberg, eher zur knackigen Blaubeere, Schwarzkirsche laufend. Gesteinsanmutung darunter, leichte Röstnoten vom Holz, in Rauch gehüllt. Der Mund ist kirschiger, rotfruchtiger und agiler als es die Nase andeutete, ein Hauch Rosenblätter und mit leichter Marzipansüße unterlegt. Hat Biss und einen beschwingten Charakter. Hat mir aber auch schon mal besser gefallen (92–94/100). Dann stellt KP Kellers Bürgel den Rest aus Rheinhessen etwas in den Schatten. Ein kleiner Touch flüchtige Säure in der Nase spendet Komplexität und Dichte, das Vorbild ist hier klar. Balsamisch, rauchig, Lorbeer, Griottekirsche, darunter Kreide bis zum Abwinken. Der Mundeintritt ist eigentlich ein Angriff, feste Sauerkirsche, etwas Johannisbeere mit laserartigem Säurerückgrat und samtigem Tannin. Einer der burgundischsten deutschen Pinot Noirs, weil er keine Angst vor Kompromisslosigkeit hat. Das ist schon mega (97–99/100).

Klauspeter Keller

Franken, das Herz hüpft

Dann kommt einer der spannendsten Pinot-Flights des Tages – schon beim Durchsehen der Liste ist hier das Herz einmal hochgehüpft in der Brust. Drei mal Fürst neben drei mal Benedikt Baltes, alles 2017er. Klingt sehr spannend – ist es auch. Zwei mal sehr gekonnt, aber mit sehr unterschiedlichen Stilistiken. Highclass allemal. Im ersten Glas Fürsts Schlossberg, intensiv, expressiv, dunkelwürzig in der Nase, die Kirsche ist eher schwarz, Himbeere ohne Süße, Holunder, Pfefferminze, viel Veilchen, sehr dezente Holzwürze im Hintergrund, spürbar teures Holz zudem. Wirkt insgesamt irgendwie dunkler als der strahlend-charmante 2016er letztes Jahr. Auch der Mund ist dunkelbeerig, sehr saftig, Brombeer, getrocknetes Lorbeerblatt, leicht herb, ein Hauch Cassis. Die Säure ist weniger prägnant als bei den zuvor probierten Rheinhessen, verleiht sanften, eleganten Schub ohne Bissigkeit, sehr fein. Die dunkle Kirschfrucht zieht sich lange, fast ewig über den Gaumen, dazu Blaubeersüße. Die hohe Reife und der perfekte Holzeinsatz führen wie immer zu einer Balance der höheren Art. Der 2017er ist gleichzeitig konzentriert und filigran, reich an Finesse, aber bleibt insgesamt für mich hinter dem ultracharmanten Vorjahr zurück (95–97/100).

Sebastian und Paul Fürst

Balance ist die Domäne der Familie Fürst. Sowohl einnehmend, hochkonzentriert, als auch filigran, verführerisch und genau mit dem richtigen Maß an Frucht ohne Kitsch. Perfekt eingesetztes, sehr nobles Holz trägt zu dieser Eleganz und Tiefe nicht unwesentlich bei. Wir haben dann im Centgrafenberg sowohl strahlend-helle Sauerkirsche mit leichtem Himbeertouch, ein wenig Blaubeere und auch leicht dunkel-röstige Elemente, fast etwas fleischig-speckig werdend im Nordrhône-Style, viel Rauch, Teer und dunkle Steinigkeit. Die Intensität und Tiefe ziehen einen fast ins Glas. Am Gaumen zeigt sich dann sowohl der frisch-filigrane Charakter des Jahrgangs 2017 als auch die hohe Eleganz der Fürst’schen Pinots. Die reintönige, unglaublich fruchtstark-saftige Kirschfrucht ist in Salz gebeizt und auf superzartes, feinkörnig-geschliffenes Tannin gebettet. Große Länge, große Filigranität und hohe Aromatik, leichtfüßige Intensität. Diesen Spagat, den das Jahr 2017 noch intensiviert hat, schafft außer den Fürsts höchstens noch Julian Huber. Großartig und dieses Jahr für mich einnehmender, zwingender als der Schlossberg (96–98/100).

Weingut Fürst

Hundsrück zeigt sich schon in der Nase von bestechender, ja verblüffender Feinheit. Ein samtig anmutender, dunkler Steinteppich ist unter der reintönigen Kirschfrucht ausgerollt. Sowohl Herz- als auch Sauerkirsche, Johannisbeere, eine Prise Nelkenpfeffer, wilder Brombeerstrauch, fruchtintensiv ohne Süße. Es steigt strahlend hell-fruchtig und mit erdig-mineralischer Würze zugleich aus dem Glas, eine entzückende Erscheinung. Unglaublich rassiger Mundeintritt, eine Explosion in Sauerkirsche und Johannisbeere, intensiv, zupackend, salzig ohne Ende, den gesamten Mundraum vereinnahmend, alle Geschmacksknospen beanspruchend. Mit messerscharfer Präzision aus an Rasse kaum zu überbietender Säurestruktur. Da kommt gar pinke Grapefruit und roter Pfeffer zur Griottekirsche, ohne aber jemals anstrengend zu werden. Ein traumtänzerischer, freigeistiger Pinot, der bis zum feinsamtig-ausgewogenen Tanninteppich des Nachhalls mit höchster Eleganz und Präzision überzeugt. Am Ende sprachlosmachend. Ein großer Wein aus einem durchaus schwierigen Jahr, aber nur wenn man Finesse schätzt. Gefällt mir noch besser als 2016. Höchste Anerkennung nach Bürgstadt, das ist groß (98–100/100).

Baltes’ Weine wirken daneben früher gelesen, bissiger, fordernder in der Säure, kerniger im Charakter. Fürst ist harmonischer, runder, reifer, ausgewogener. Baltes im burgundischeren Stil, fast angriffslustig, offensiv und etwas keck-herausfordernd. Irgendwie leicht grün in den Gerbstoffen, total unterschiedlich aber super spannend nebeneinander. Fürst trinkt sich momentan angenehmer, aber Baltes kann mit Reife durchaus nochmal zulegen, wenn sich die Weine etwas harmonisiert haben. Insgesamt finde ich Fürst und Baltes beide super spannend. Altmeister der Eleganz gegen experimentierfreudig-burgundisch-rassig im Stil.

Pinot-Fass bei Fürst

Pfalz 2017 und Late-Release

Aus der Pfalz gab es nur einen 2017er Flight – hier stachen Rings und Christmann positiv hervor. Rings Saumagen ist dicht und voluminös, mit etwas Brombeere zur Kirsche, auch erdig, frische Trüffel. Samtig-versammelt im Mund mit engmaschiger aber feinkörniger Tanninstruktur, auch hier viel dunkler Einfluss zur Sauerkirschfrucht, etwas Cassis samt Grün, satt und verwoben aber nicht zu üppig dank rassiger Säurespur mit feiner Kalksteinmineralik im herbsaftigen Ausklang. Intensiv (95/100)! Daneben wirkt Christmanns Idig weniger dirty, reintöniger und klarer, fast pure Kirsche, leicht kandiert, etwas Graphit dazu, durchaus sehr elegant. Der Mund ist aroma-intensiv und dicht gewoben. Entfaltet sich filigran und gleichzeitig druckvoll über den Gaumen, auch hier reine Kirsche mit betonten Säuren und griffig-markantem Tannin. Wird immer besser, braucht aber einiges an Zeit. Viel Potenzial (96/100).

Sophie Christmann, zeigte in Wiesbaden ihren ersten Spätburgunder.

Im Anschluss noch zwei Flights mit angereiften Spätburgundern aus der Pfalz, also Late-Releases. Die prominentesten Vertreter sind hier Knipser und Kuhn im Norden und Wehrheim und F. Becker im Süden. Knipsers Mandelpfad hat eine verführerisch kalkig-kirschige Nase, reintönig und geschliffen, sehr elegant, feines Holz. Sehr gute Spätburgunder kommen da aus dem Topjahr 2015 von der Familie Knipser (95/100). Kuhns 2016er Steinbuckel daneben mit einer sehr reifen, aber auch tiefen Nase. Unglaublich dicht und voluminös, dazu feines aber intensives Holz. Kirsche trifft Pflaume, dann Blaubeere, insgesamt viel blaue Frucht und zwar mit ordentlich Druck und Schubkraft, alle Regler rechts. Auch am Gaumen reif und eher dunkelblaufruchtig mit satter Schwarzkirsche, würde mir fast zu üppig werden, wenn da nicht diese extrem rassige Säurestruktur noch den Bogen spannen würde. Dazu noch Holunder, geht irgendwie ein bisschen Richtung Chambolle-Musigny in diesem spätreifen Jahr. Beeindruckende Intensität in der Nase und opulent-dichte Feinheit im Mund (94–95/100).

Philipp Kuhn im Keller

Noch etwas besser gefällt mir hiernach Philipp Kuhns Kirschgarten aus 2016. Auch hier eher dunkelblaue Frucht, wieder üppig-blaubeerig, die Kirsche ist schwarz und es kommt würzige Brombeere hinzu. Eine satte Reife bei gleichzeitiger Eleganz anzeigend. Genauso geht es dann auch im Mund weiter. Beerige Intensität trifft kirschige Frische und Feinheit. Mit viel Power im typischen Kuhn-Stil, aber der 2016er Jahrgang bringt eben auch die hohe Eleganz mit, grandios (95–96/100).

Friedrich Becker

Nach F. Beckers phänomenalen 2015ern letztes Jahr kommt nun mit 2016 der nächste Hammer-Jahrgang als länger gereifter Nachzügler. Also das Eleganz-Jahr schlechthin, wie vereint sich das mit Beckers kraftvollem Stil? Philipp Kuhn hat zuvor schon gezeigt wie elegant samtig-dichter Pinot eben sein kann. Das selbe erwarte ich bei Becker, nur noch monumentaler, ich bin sehr gespannt.

Sankt Paul schlägt auch direkt ein wie ein Donnerkeil. Satte Brombeernase, viel Holunder, viel Volumen und Cremigkeit, vom sehr feinen Holz noch weiter verdichtet. Auch im Mund eine schwarzfruchtige Wucht, Blaubeere, etwas Pflaume, Schwarzkirsche. Sehr weiche, ultrafeine, aber strukturgebende Säurespur, samtiges Tannin in Massen. Viel Schub von unten mit Power ohne Ende, dabei nie die Eleganz verlierend. 2016 bringt nochmal eine neue Dimension der Feinheit, eine ganz andere Art als 2015. Nicht besser, einfach anders. Wieder monumental, keine Frage, aber so viel zeitbrauchend. Vielleicht noch mehr Zeit brauchend als jemals, aber dann vielleicht noch größer werdend als jemals. Beeindruckend wie eh und je (96–97+/100).

Kammerberg mit mehr rotfruchtigen, kirschigen Einflüssen als die schwarzfruchtige Wand Sankt Paul. Geht in Richtung eines Nuits Saint Georges, samtig, voluminös, einnehmend und charmant. Balsamisch, würzig mit Thymian und viel Lorbeer, sogar ein wenig Walderdbeere. Am Gaumen eine nahezu perfekte Harmonie, nur die Tannine müssen sich noch etwas einbinden. Dunkle Waldbeeren wie aus einem Guss, kanalisiert, geschliffen, elegant und dann doch unglaublich schiebend, fast wuchtig in der Intensität und der Mundfülle. Dazu diese enorm kraftvollen Tannine, die alles in Samt einhüllen. Trotz der ruhenden Kraft wird auch der Kammerberg noch lange brauchen, um sein ganzes Potenzial zu zeigen. Unergründliche Kraft in hochverdichteter Form. Groß und größer werdend. Atemberaubend (96–99/100).

König Heydenreich strömt dann mit fast brachialer Intensität aus dem Glas. Eine dunkelbeerige Wand aus Blaubeere, Brombeere, Cassis und Holunder, mit viel Kalksteinanmutung unterlegt. Die Quadratur des Kreises aus Dichte, Tiefe und Intensität, die das kraftvolle, aber noble Holz geradezu spielend überflügelt. Der Mund ist hier der rassigste und auch der feinste von all den Weinen Beckers, einfach unglaublich geschliffen. Fast schwerelos in seiner schiebenden Intensität. Da ist diese Sache mit der Eisenfaust und dem Samthandschuh, aber das wäre hier vielleicht noch eine Untertreibung. Nach dem sich die Tanninwelle durch den Nachhall geschoben hat entfalten sich erneute Fruchtschübe, Brombeere, Blaubeere, dunkelblaurote Kirsche mit brillanten Sauerkirscheinschüben, leichte Röstnoten, feinster Espresso und etwas Valrhona Zartbitter. Eine druckvolle Leichtigkeit wie Romanée Saint Vivant. Unfassbar gut und monumental groß in der Eleganz (100/100). In 20 Jahren eine Legende. Man wird unweigerlich von der Begierde ergriffen das im Keller haben zu wollen.

Baden – Ein Knaller

Dann geht es los in Baden – hier gibt es einen weiteren Knaller-Flight mit drei 2017er Schlossberg nebeneinander. Huber, Heger, Keller – besser geht es nicht. Aber Achtung: Der Name trügt. Hubers Schlossberg liegt in Hecklingen, fast reiner Kalksteinfels, 14.000 Stöcke auf dem Hektar. Heger und Keller bewirtschaften den Schlossberg in Achkarren, Steillage, kalkhaltiges Vulkangestein. Huber kommt zuerst und legt die Messlatte hoch, sogar extrem hoch, vielleicht unerreichbar hoch. Intensive Beerennase, überwiegend blaue Beeren, intensiv und reif, scheint mir der ausladendste und tiefste der Weine von Huber momentan, die blauste und reifste Frucht. Der Mund ist in großer Harmonie verwoben, auch hier blaufruchtig, von laserartig-präziser Säure getragen. Dieser Wein ist die reinste Trinkfreude, schon jetzt. Verblüffend wie delikat dieser Schlossberg daherkommt. Fast ist man geneigt ihn zu unterschätzen, weil er so harmonisch, perfekt proportioniert und so unglaublich gourmand, fast anschmiegsam daherkommt, dass man es kaum fassen kann (97–99/100).

Schlossberg

Hegers Schlossberg kommt sehr viel klassischer, dichter, reifer und typisch-badischer an, als der traumtänzerisch-feine Huber und der saftig-brillante Keller. Doch das ist keineswegs negativ gemeint. Ich jubiliere für Heger Weine in ihrer Kaiserstuhl’schen Art gepaart mit meisterlich-kirschiger Perfektion. Sein Schlossberg ist druckvoll und fruchtstark am Gaumen, Herzkirsche und Sauerkirsche mit fester Holzwürze und markantem, engmaschigem Tannin, kraftvoll und nachhaltig. Ein Power-Spätburgunder, aber trotzdem keinen Deut zu viel (95–96/100). Wie gesagt, eben aus Meisterhand.

Der junge Friedrich Keller hat fraglos auch ein ganz ausgezeichnetes Händchen für Pinot. Die Weine werden von Jahr zu Jahr strahlender und brillanter, wo das wohl noch hinführt in Zukunft?! Sein Schlossberg kommt mit saftiger Sauerkirschfrucht daher, feine Himbeere dazu, präzise und klar, aber auch verspielt und dazu noch extrem charmant wirkend. Im Mund geradezu zartbesaitet mit Sauerkirsche und Orangenschale, herbsaftig, tolle Aromatik. Auf der Zunge tanzend, feinnerviges Spiel. Ebenfalls ein filigran-intensives Musterbeispiel für den 2017er Pinot-Jahrgang und dann dennoch mit festem, kreidig-griffigem Tanningerüst im Abgang. Absolut top, ich finde das grandios (95–98/100)!

Im nächsten Flight noch zwei mal Keller neben Salwey. Auch ein Könner, dessen früh gelesenen Stil ich schätze. Kellers Eichberg ist dunkler, intensiver, etwas eichenwürziger als der Schlossberg und in der Frucht eher Baden als Burgund. Im Mund kehrt sich das dann allerdings um. Der Eichberg überrascht mit feiner Sauerkirschfrucht, aromatisch, geschliffen und mit fast schiebender Intensität aus den niedrigen Erträgen, mundfüllend. Ein echtes Powerteil mit gut austarierter Balance zwischen Bumms und Feinheit (94–96/100). Beachtlich, aber der Schlossberg gefällt mir am Ende ein klein wenig besser. Salwey daneben säurebetonter, athletisch, rassig, auch durchaus fein, aber braucht definitiv noch Harmonisierungszeit.

Ganz am Ende kommt Friedrich Kellers kleine Überraschung, die mich im Frühjahr schon verzaubert hat. Der Enselberg, was für eine Delikatesse. Ein Pinot zum direkt wegschlürfen. Fruchtstarke, intensive Sauerkirschnase, extrem fein, ja ultrazart, Volnay in seiner aller-leichtesten Ausführung, tänzerisch burgundisch-kirschig. Die pure Leichtigkeit des Seins am Gaumen, filigran und saftig, extrem trinkfreudig, läuft völlig ohne Widerstand den Gaumen hinab. Die reine Freude. Sicher nicht der komplexeste Wein und auch nicht mit Anspruch auf Größe, so what? Das schmeckt nur gut (95/100), einfach weil so sehr lecker. Leider immer extrem schnell ausverkauft. Muss wohl an der unaufhaltsamen Trinkgeschwindigkeit liegen.

Familie Franz Keller

Dann beginnt für mich die Julian Huber Show 2.0, diesmal in rot. Keiner hat mich in diesem Jahr mehr begeistert, keiner hat mich so sehr gefesselt, erstaunt, verzaubert. Bienenberg, Sommerhalde, Wildenstein – von Verzückung über Atemraub war jede Emotion dazwischen auch noch dabei. Julian Huber hatte uns bereits im Frühjahr erzählt, dass er auf Grund der schwierigen Verhältnisse in den Weinbergen sehr vorsichtig vinifiziert hat. Tendenziell eher weniger neues Holz, weniger Rappen. Die angeschlagenen Trauben bloß nicht überstrapazieren, es nicht versuchen auszureizen. Sondern den Jahrgang feinfühlig behandeln, mit noch softerer Hand als eh schon. Das Ergebnis gibt ihm dann recht. Die Kollektion ist ebenso zart wie verträumt. Eine Serie für die Chambolle-Trinker, für die Sand-Grenache-Fans, für die Hochlagen-Mencia-Möger, für die Nordrhône-70er-Jahre-Verehrer. Sie wissen was ich meine.

Bienenberg zeigt sich wie immer frisch-fruchtig, wilde Himbeere, viel süße Kirsche, etwas Holunder, sehr filigran, tänzelnd, unendlich verspielt, der Jahrgang 2017 passt ganz hervorragend zum Bienenberg. Der Mund ist druckvoll und saftig, umso mehr tänzerisch mit wunderschöner, brillant-klarer Frucht am Gaumen. Himbeere und Kirsche in Salz gewendet, Veilchen on top, verspielt und charmant wie eine duftige Blumenwiese im Frühling. Das ist halt Pinot zum Verlieben! (95–97/100)

Julian Huber

Die Sommerhalde entfaltet sich enorm dunkelbeerig, satte Brombeere, Blaubeere, Schwarzkirsche, so tief, dass man fast ins Glas gesogen wird. Kanalisierte Frucht wie aus einem Guss, asiatische Gewürze, Nelke, Zimt, Lorbeer. Am Gaumen extrem saftig mit stilprägender Säure, viel rotfruchtiger als die dunkle Nase es hätte vermuten lassen. Hier dann wieder mit reintönigem Brillantschimmer, Himbeere, schöne Sauerkirsche, so traumtänzerisch-verspielt. Geht noch mehr Charme und Tiefe gleichzeitig? Für Freunde der Feinheit und Finesse sind Hubers 2017er DIE Offenbarung (96–98/100).

Deutlich komplexer und tiefer als der Bienenberg zeigt sich standesgemäß Bienenberg-Wildenstein, frisch-blumenwiesig mit Veilchen, auch Holunder satt, Blaubeere, frische Feige, hell-mineralisch unterlegte Griottekirsche. Im Mund viel seriöser, straighter, auch graziler als der Bienenberg, und doch weniger tanzend, nun schon mehr druckvoll und schiebend mit Präsenz und Anmut. Dabei trotzdem immer filigran und schwerelos bleibend. Am Ende das Geheimnis aller großen Weine lüftend: Einfach(e) Freude machend (98–100). Diese Kunst beherrscht Julian Huber ebenso wie Fürsts. Erneut großes Kino aus Franken und aus Baden. Das war letztes Jahr auch so und nach ein paar Fassproben von 2018 befürchte ich: das wird nächstes Jahr schon wieder so. Huber dieses Jahr am Ende filigraner und die reinste Leichtigkeit des Seins. Fürst intensiver, dunkler und zupackender. Für mich fühlt es sich so an als hätte Julian Huber den Kern des Jahrgangs noch hervorragender getroffen, aber das ist reine Geschmackssache.

Ein liebenswürdiger Jahrgang

Ich finde die Spätburgunder 2017 sehr fein, weil sie liebreizend aber nicht langweilig sind, weil sie spannungsgeladen aber nicht anstrengend sind, weil sie fruchtintensiv sind und zugleich leichtfüßig wirken. Ein in vielerlei Hinsicht liebenswürdiger Jahrgang. Dazu dann noch die monumentalen Late-Releases aus 2015 und 2016, aber wer tanzen will nimmt besser 2017 mit aufs Parkett.


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