Wer Schätzels Weine über die Jahre beobachtet hat, konnte eine faszinierende Metamorphose miterleben: Von einer experimentellen Anfangszeit hin zu einem messerscharfen, unverkennbaren Stil, der heute als Blaupause für einen neuen, puristischen Riesling-Typus gilt. Schätzel weiß heute genau, was er will – und seine Handschrift ist so markant wie die roten Schieferfelsen von Nierstein.
In den letzten Jahren hat sich das Universum Schätzel entscheidend erweitert. Es ist keine One-Man-Show mehr, sondern eine kreative Symbiose. Mit seiner Partnerin Jule Eichblatt ist eine neue Energie ins Weingut eingezogen. Jule bringt eine ganzheitliche Sichtweise ein, die weit über das bloße Keltern hinausgeht.
Gemeinsam leben sie die Vision der »Kommune 3000«. Es ist ein radikaler Entwurf für die Zukunft des Weinbaus. Hier geht es um ein Ökosystem aus Menschen, Handwerk und Natur. Die Weinberge sind nicht mehr nur Monokulturen für Reben, sondern Lebensräume. Zwischen den Zeilen des Roten Hangs blühen nicht nur Gräser, sondern auch Tomaten, Kohl und Kräuter. Diese »Agroforst-Mentalität« sorgt für ein autarkes, vitales System, das dem Klimawandel mit maximaler Biodiversität begegnet – ein direkter Verdienst dieser intensiven Kreislaufwirtschaft. Seit 2016 Mitglied im VDP und seit 2023 Demeter-zertifiziert, ist der ökologische Weg für Weingut Schätzel keine Option, sondern das Fundament.
Der Prozess im mehr als 800 Jahre alten Holzfasskeller gleicht heute fast einer Alchemie der Stille. Die Trauben werden oft über 20 Stunden extrem schonend gepresst, um ein Maximum an Extrakt bei niedrigem Alkohol (oft nur 10-12% vol.) zu gewinnen. Doch der eigentliche Paukenschlag der letzten Jahre ist Kais Umgang mit der Florhefe.
Was man sonst nur aus dem Jura oder von Sherry kennt, hat Schätzel in die Welt des Spitzenrieslings übersetzt. Seine neue Weinlinie, oft markiert durch das »F« (für Flor), bricht mit allen Konventionen. Die Fässer werden nicht mehr »spundvoll« gehalten, sondern die Weine dürfen unter einer schützenden Schicht aus Florhefe reifen. Das Ergebnis? Eine Textur, die fast an Salz und Umami erinnert, gepaart mit einer unglaublichen Stabilität – und das oft komplett ohne Schwefelzusatz. Im Jahr 2020 schockte und faszinierte er die Weinwelt gleichermaßen, als er die ersten Naturwein-Großen Gewächse auf den Markt brachte: unfiltriert, ungeschwefelt, puristisch. Diese Weine sind keine »lauten« Kracher; sie sind leise, vibrierende Rieslinge mit innerer Spannung, die erst nach Jahren im Keller ihre volle Pracht entfalten. Damit hat Schätzel eine Tür aufgestoßen, durch die der deutsche Weinbau gerade erst zu gehen beginnt.
Das ist schlichtweg groß. Von der Herangehensweise sind die Weine Naturweine, Spontangärung, kein Schwefel und ohne Filtration abgefüllt. Das Ergebnis sind aber dermaßen präzise Weine. Wirklich großes Kino und einfach Weltklasse.
Wer heute einen Schätzel trinkt, schmeckt nicht nur den eisenreichen Boden des Roten Hangs, sondern auch den Geist eines Weinguts, das sich ständig neu erfindet. Mit Jule Eichblatt an seiner Seite und dem Projekt »Kommune 3000« im Rücken ist das Weingut Schätzel heute mehr als ein Landwirtschaftsbetrieb – es ist ein Labor für die Zukunft des Genusses. Man darf gespannt sein, was aus diesem über 800 Jahre alten Keller als Nächstes ans Licht der Welt tritt. Eines ist sicher: Es wird wohl durchdacht sein, es wird präzise sein und es wird die Weinwelt wieder einmal zum Staunen bringen.









