Der Gavarini Chiniera trägt nicht mehr den Namen Ginestra, obwohl er natürlich aus der Großlage Ginestra kommt. Aber Gianluca Grasso unterscheidet eben Ginestra Casa Maté von diesem Gavarini Chiniera. Die Lage ist ein leichter Hügel oben am Wald in 450 Metern Höhe, der dann in ein kleines Amphitheater übergeht. Auf der einen Seite geschützt vom Wald, auf der anderen Seite ist es eher windig. Zusammen mit kreidigen und sandigen Böden gibt das eine ganz andere Stilistik als beim auf 350 Meter liegenden Ginestra, der fast nur aus weißem Lehm besteht. Der Gavarini Chiniera hat dementsprechend immer etwas mehr Säure, man muss aber auch immer etwas später Lesen. Schon die Blüte ist hier circa acht Tage später und das zieht sich durch bis zur Ernte. Die Besonderheit bei Grasso besteht in der extrem langen Mazerationszeit. Es müssen außerordentlich gesunde Trauben gelesen werden, damit man sich 30 bis 40 Tage Gärphase und Mazeration erlauben kann. Jede Unsauberkeit durch Botrytis und Co. würde durch die lange Verweildauer verstärkt werden. Hier bei Grasso werden alle Trauben mit einer extra entwickelten Entrappungsmaschine komplett entrappt. Selbst jedes noch so kleine Stielchen wird aussortiert. In großer slawonischer Eiche ausgebaut. Der Wein wurde im Juli abgefüllt. Brillantes, zartes Rubinrot mit einem Hauch Orange im Glas. Die Nase ist verspielt, was die Aromen angeht, aber zugleich hat der Wein eine wunderbare Intensität. Schon beim Reinriechen haben wir hier ordentlich Druck drauf. Feine Blüten und Herbstwald, aber allen voran fliegen ätherische, duftende Kräuter aus dem Glas mit saftiger Erdbeere und filigraner roter Herzkirsche. Dann süße Würze, Lakritz, ein Hauch Vanille und weißer Pfeffer. Das ist unendlich fein und verspielt. So vielschichtig und doch so intensiv. Wow, Im Mund haben wir eine unglaubliche Balance und Präzision. Das ist salzig mit roter Kirsch- und Beerenfrucht. Ein aromatisches Feuerwerk legt los. Orangenschalen, rote Kirschen, rote Johannisbeeren in dichter Konzentration und Geradlinigkeit, Granatapfel, dann duftende Blüten. Die intensive, salzige Mineralität zieht sich elegant über die Zunge und ebbt erst nach Minuten ab. Die Tannine sind fein strukturiert und beinahe seidig, aber die intensive Frische des Jahrgangs wirft einen Fokus auf die Struktur. Diese rotfruchtige Feinheit ist schier unbegreiflich schön. Das macht schon heute viel Freude, der Jahrgang 2020 wird ob seiner Fruchtintensität noch früher zugänglich als der strukturiertere 2019er. 98+/100
Der Jahrgang 2020 ist der Mittlere einer Trilogie herausragender, großer Jahrgänge im Piemont. Im Weinberg waren die Konditionen des Bilderbuch-Jahrgangs absolut perfekt. Während der Wachstumsperiode wurden die Reben mit ausreichend Regen versorgt, die Temperaturen waren im Sommer warm und ausgeglichen, ohne Hitzespitzen. Ab September sorgten die kühlen Nachttemperaturen für das langsame, gleichmäßige Ausreifen der Trauben – also hervorragende Voraussetzungen. Wenn man den Jahrgang mit nur einem Wort beschreiben müsste, wäre es »Balance«. Die besten 2020er Nebbiolo Weine sind mit unendlich dichter, manchmal beinahe überwältigend intensiver, umwerfend attraktiver, saftiger, vibrierender, roter Frucht ausgestattet. Sie haben viele, dafür aber unendlich feine, rund polierte Tannine, die harmonisch in diese opulente »Fruchtwelle« integriert sind, ihre rassige Säure verleiht den Weinen neben diesem Tanningerüst zusätzlich ein vielversprechendes Reifepotential. Ob ihrer reifen Frucht werden die 2020er Baroli und Barbaresci dennoch vor den noch intensiver und klassischer strukturierten 2019ern und auf jeden Fall vor den 2016ern in ihr Trinkfenster kommen. Das Barolo Consortium vergleicht 2020 mit dem Jahrhundertjahrgang 2016, aber die Weine haben genuss-technisch sogar noch mehr auf dem Kasten, denn sie erreichen eine traumhafte Kombination aus der ultra-hedonistischen Frucht des Jahrgangs 2018 mit der phänomenalen, klassischen Struktur des Jahrgangs 2019. 2020 ist also »The best of both worlds«.