Früher DAS große Königreich, heute durchaus etwas in Vergessenheit geraten. Wer seinen Wein-Horizont erweitern will und sich genauer mit einer Region befassen möchte, dem ist Aragonien definitiv ans Herz zu legen.

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Im Überblick

Weinregion Aragonien

Die Landschaft Aragoniens

Aragonien

Früher DAS große Königreich, heute durchaus etwas in Vergessenheit geraten: Aragonien zählt zu den 17 autonomen Gemeinschaften Spaniens und wir befinden uns hier im Nordosten Spaniens, direkt westlich von Katalonien. Der Fluss Ebro zieht sich malerisch von Westen nach Osten durch die extremen Landschaften der Region (Mond- oder Marslandschaften?) und fließt so auch durch die Hauptstadt der Region, Zaragoza. Eine sehr spannende, ja aufregende Stadt “in the middle of nowhere”. Im Norden grenzt Aragonien direkt an Frankreich und somit liegen auch Teile der großen Pyrenäen im Gebiet der Region. Fast 48.000 Quadratkilometer an reiner Fläche finden wir hier vor, wovon ungefähr 34.000 Hektar zugelassene Rebfläche sind. 4 geschützte Herkunftsbezeichnungen (D.O.) besitzt Aragonien: Calatayud, Cariñena, Campo de Borja und Somontano. Man kann durchaus behaupten, dass Aragonien als Weingegend sehr unter dem Radar fliegt, denn 100 Millionen Liter Wein werden hier produziert, von denen wir hier in Deutschland recht wenig mitbekommen. Bei Spanien denkt man wohl unmittelbar an die großen Namen aus dem Rioja oder die Jungen und Wilden aus Katalonien oder Galizien, aber eher seltener an das geschichtsträchtige Aragonien. Dem sollte aber aus Qualitätsgründen nicht so sein!

Schon 200 vor Christus finden sich in Aragonien erste Aufzeichnungen des Weinbaus. Die Mönche waren es, wie so oft, die den Wein im Mittelalter weiterentwickelt haben. Aragonien gilt übrigens als die Wiege des in Spanien so wichtigen Garnachas, der vielleicht noch vor Tempranillo besten roten Rebsorte des Landes. Dieser soll sich durch das mächtige Königreich im ganzen Mittelmeerraum, wie auch in Sardinien oder dem Languedoc, verbreitet haben. Auch die Südrhone wurde damit infiziert. Auch die weiße Macabeo, andernorts Viura genannt, stammt aus Aragonien. Wie in ganz Europa hat die Reblausplage dann auch der Weinregion Aragonien erheblichen Schaden zugefügt und dem Weinbau dort fast den Zahn gezogen. Zu unser aller Segen wurde auch hier die Weinkultur wiederbelebt und glücklicherweise erleben wir hier aktuell eine zweite Renaissance des Weines auf Weltklasseniveau.

Die Landschaft Aragoniens

Cariñena

Cariñena war die erste der 4 D.O.s in Aragonien. Schon seit 1960 dürfen hier herkunftsgeschützte Weine angebaut werden. Mit 17.000 Hektar ist Cariñena auch die größte Subregion und vielleicht auch die Wichtigste. Hier liegen die Reben überwiegend im Becken des Ebro-Tals, südlich der Hauptstadt Zaragoza. Früher waren die Hänge um Cariñena herum gefüllt mit der nach ihr genannten gleichnamigen Cariñena-Traube, die in Frankreich als quasi Import-Rebe auch als Carignan bekannt ist. Obwohl die Rebe nach der Stadt benannt ist, wächst hier mittlerweile mehr Garnacha als Cariñena, eigentlich ironisch. Das eher flache Gelände steigt flussabwärts allerdings bis auf 800 Meter an, wo wir die höchsten Reben der D.O. finden. Karge Böden aus braunem Kalkstein und Flussablagerungen prägen das Bild der Region. Das besondere Mikroklima unterscheidet Cariñena von seinen Nachbarn. Wir erleben extrem heiße Sommer und sehr kalte Winter. Die Sommerhitze wird durch den bekannten Nordwind »El Cierzo« glücklicherweise etwas abgemildert und verleiht den Weinen ihren kleinen, ätherischen »Cool Climate Touch«. Stilistisch finden wir eine Bandbreite an Weinen: Von Garnachas aus Höhenlagen, die eher an Pinot Noir erinnern, bis hin zu fleischigen, festen Cuvees aus den flachen Lagen mit ordentlich Power. Jahrzehntelang war der Weinbau hier eher geprägt vom Motto »Masse statt Klasse«, doch das ändert sich langsam aber stetig und immer schneller. Immer mehr Winzer erkennen hier das Potenzial ihrer Reben und erzeugen einzigartige, dem Terroir entsprechende Weine! Ganz weit vorn ist Jorge Navascues – ein Superstar der spanischen Weinszene. Er gilt als einer der gefragtesten önologischen Berater des ganzen Landes und produziert mit seinem gleichnamigen Projekt in Cariñena extrem finessenreiche und elegante Weine zu überaus fairen Preisen.

Calatayud

Gelegen am Jalón, einem Nebenfluss des Ebro, befinden wir uns hier in Calatayud im südwestlichen Aragonien. Im Osten an Cariñena angrenzend wird hier in Calatayud zwar schon seit Jahrhunderten Wein angebaut, jedoch existiert die D.O. Calatayud erst seit 1990. Auf 500 bis 900 Metern Höhe wird hier Weinbau der Extreme betrieben. Die Sommer sind brütend heiß, die Winter klirrend kalt, nicht unbedingt die einfachsten Bedingungen, um großen Wein zu machen. Fast schon wüstenähnlich sieht die Landschaft hier aus. Auf Kalk, viel Sand und etwas Schiefer wachsen die Reben. Wir finden uralte, kleine Rebstöcke, an denen kleine, hocharomatische Beeren reifen. Die perfekten Voraussetzungen für die Spezialität aus Calatayud: Der Garnacha! Über 50% der Rebfläche sind mit ihm bestockt. Dazu kommen kleine Mengen an Tempranillo, Cariñena, Syrah und viele autochthone Rebsorten. Weißwein wird hier vor allem aus Macabeo und Garnacha Blanca gemacht. Mittlerweile hat sich aus Calatayud ein kleiner Hotspot für Jungwinzer entwickelt. Einer dieser ist Fernando Mora mit »Frontonio«. Heute einer DER Superstars Spaniens. Seine Grenache bilden zusammen mit den Grenache aus Gredos (Comando G und Telmo Rodriguez) die Speerspitze der Feinheit und Filigranität, DAS Burgund Spaniens! Aus alten Rebstöcken auf steinigen Hanglagen werden hier feine, filigrane Garnachas und beeindruckende reinsortige Macabeos angebaut. Mit die größten Weißweine Spaniens. Allerdings finden wir hier nicht nur Jungwinzer, sondern auch zahlreiche traditionsreiche Weingüter wie die »Bodegas Langa«, die in ihrer heutigen Form schon seit 1867 existiert. Das Weingut produziert, klassisch für die Region, wunderbar kraftvolle und dennoch charmante Rotweine und als einziges Weingut der Region auch Cava mit eben dieser Bezeichnung. Generell lässt sich sagen, dass Calatayud, wie ganz Aragonien, etwas im Schatten der größeren Rotweingebiete Spaniens steht, das aber nicht unbedingt berechtigt.

Die Landschaft Aragoniens

Campo de Borja

Benannt nach dem Adelsgeschlecht der Borja, liegt die D.O. Campo de Borja zwischen dem Ebro-Tal und der Bergkette »Sistema Ibérico«. Durch die Nähe zur Bergkette sind die Reben maßgeblich von der Höhe, auf der sie wachsen, beeinflusst. Von 350 bis zu 700 Metern über dem Meeresspiegel finden wir hier Pflanzungen. Das Klima ist, wie in ganz Aragonien, trocken und mediterran geprägt. Campo de Borja ist die absolute Garnacha Bastei in Aragonien! Über 75% der Rebfläche sind hier damit bepflanzt! Mit einem durchschnittlichen Alter zwischen 30 und 50 Jahren haben wir auch sehr alte und damit natürlich-ertragskonzentrierte Reben, die absolut hochqualitative Frucht produzieren. Die Bodenzusammensetzung hängt hier stark von der Höhe ab: Im Ebro-Tal finden wir Kalk, je höher wir kommen, desto größer wird der Anteil von eisenhaltigem Lehm und massivem Stein. Alles in allem ist Campo de Borja vielleicht die diverseste Subregion, was das Klima betrifft. Sortentechnisch bleiben wir hier zwar mit dem Garnacha sehr klassisch, woher er jedoch kommt, macht hier sehr viel aus. Campo de Borja konnte sich jedoch bisher nicht aus der Massenproduktion erheben, dieses Dornröschen schläft noch.

Somontano

Somontano, übersetzt so viel wie »Unter den Bergen«, liegt im Norden Aragoniens, direkt zu Fuße der Pyrenäen, weniger als 100 Kilometer von der französischen Grenze entfernt. Über 4000 Hektar Rebfläche befinden sich hier in Somontano. Im Gegensatz zu den anderen Regionen in Aragonien, bekommt Somontano deutlich mehr Regen ab, mindestens 500 mm jedes Jahr. Durch diesen Regen und mehrere kleine Flüsse und Bäche wirkt die Region deutlich grüner und lebendiger als die eher wüstenähnlichen südlichen Subregionen. Wie in Campo de Borja finden wir auch hier Weinberge auf unterschiedlichen Höhen. Vom Tal bis hin zu den Ausläufern der Pyrenäen wird hier Wein angebaut und je nachdem wie hoch wir uns befinden, werden auch die Temperatur und die Tag-Nacht-Unterschiede stark von der Höhe beeinflusst. Durch die Flüsse und Bäche besteht hier auch eine höhere Dichte an lehm- und sandhaltigen Böden als anderswo in Aragonien. Somontano ist auch Heimat der meisten internationalen Rebsorten der Region. Durch das kühlere Klima und die Bergnähe, wurden hier schon früh Rebsorten wie Cabernet Sauvignon, Merlot und Syrah sowie Gewürztraminer und Chardonnay gepflanzt. Dieses Potpourri an Rebsorten wird ergänzt durch Garnacha, Tempranillo, Macabeo und weitere autochthone Rebsorten. Die durch das kühle Klima induzierte Harmonie aus Frucht, Säure aber auch Körper ist typisch für Weine aus Somontano und hebt die Subregion deutlich von ihren Geschwistern aus Aragonien ab. Leckere Weine, everybodys darling, allerdings ist die Spitzenqualität, die Weltklasse, bisher nur in Calatayud und Carinena angesiedelt.

Die Landschaft Aragoniens

Aragonien bietet so viel: von harmonischen, fruchtigen Weinen aus internationalen Rebsorten in Somontano, über filigrane Garnachas aus steinigen Hanglagen auf über 1000 Metern aus Calatayud bis hin zu saftigen, körperreichen Cuvees aus autochthonen Rebsorten aus Cariñena. Aragonien strahlt zwar nicht im globalen Rampenlicht, ist aber keinesfalls eingeschlafen, oder zumindest in Carinena und Calatayud wieder aufgewacht! Wer seinen Wein-Horizont erweitern will und sich genauer mit einer Region befassen möchte, dem ist Aragonien definitiv ans Herz zu legen.