Tokaj ist Ungarns legendäre Weinregion. Trotz ihrer jahrhundertelangen, traditionellen Weingeschichte gibt es hier heute spannende Entwicklungen.

Im Überblick

Weinregion Tokaj

Ungarns bei weitem berühmtester, gar legendärer Wein kommt aus Tokaj – gleichzeitig Name der kleinen Stadt im Nordosten des Landes, als auch der gesamten Region mit den 27 umliegenden Gemeinden in denen Tokaji hergestellt werden darf. Hier fließen die Flüsse Bodrog und Tisza ineinander und sorgen für ganz ähnliche Bedingungen wie in Sauternes wo wiederum das kleine kühle Flüsschen Ciron in die Garonne fließt und somit im Herbst für Morgennebel sorgt. Die perfekte Voraussetzung zur Bildung von Edelfäule die in Tokaj »Aszú« heißt.

Böden in Tokaj bestehen überwiegend aus vulkanischem Löss und Ton, und viele der besseren Weinberge belegen perfekt ausgerichtete Südhänge. Die beeindruckend schöne, sanft hügelige Region wurde nicht umsonst 2002 zum UNESCO Weltkulturerbe.

Wein in Tokaj

»Wein der Könige und König der Weine«

Der Wein Tokaji (das extra »i« bedeutet auf ungarisch so viel wie »aus Tokaj«) wurde, laut der örtlichen Geschichte, bereits 1650 aus mit Edelfäule befallenen Trauben gekeltert. Ungefähr 100 Jahre bevor Botrytisweine im Rheingau, und sogar fast 200 Jahre bevor sie in Sauternes »entdeckt« wurden. Tokaji zählt seit jeher zu den besten und langlebigsten weißen Süßweinen Europas.

Bereits seit 1700 gab es hier die erste Weinbergklassifikation des modernen Europa, wobei diese erst mit der endgültigen rechtlichen Anerkennung im Jahr 1772 felsenfest nachgewiesen werden kann. Dörfer und ihre Weinberge wurden hierfür in erste, zweite und dritte Gewächse eingeteilt.

Tokaji zählt seit jeher zu den besten und langlebigsten weißen Süßweinen Europas.

Der Legende nach hieß es schon Mitte des 16. Jahrhunderts »Diese Weine sind für einen Papst geeignet«. König Ludwig der XIV. beschrieb Tokaji als (einen weiteren!) »Wein der Könige und König der Weine« während seiner Herrschaft im 17. Jahrhundert. Katharina die Große von Russland genoss Tokaji so sehr, dass sie eine ständige Delegation ihrer Kosakenwache in Tokaj zurückließ, um die königlichen Lieferungen zu bewachen, während Königin Victoria von England im 19. Jahrhundert jedes Jahr 12 Flaschen Tokaji vom Österreichisch-Ungarischen Kaiser zum Geburtstag geschenkt bekam.

Nach dem Fall des Kommunismus hat sich die Region schnell wieder berappelt und von allen ungarischen Weinregionen gibt es hier heute die meisten Investoren aus dem Ausland. So gehört Vega Sicilia beispielsweise das Weingut Oremus und der britische Weinautor Hugh Johnson ist an der Royal Tokaji Wine Company beteiligt.

Point of difference der Region – autochthone Rebsorten

Die wichtigsten Rebsorten in Tokaj sind der besonders für die erwünschte Edelfäule anfällige Furmint, der dabei trotzdem noch eine gute Säure beibehält, Hárslevelű (Lindblättriger) und Muscat Blanc à Petits Grains (Sárgamuskotály). Traditionell wurde Tokaji ähnlich wie Sherry unter einer Hefeschicht, in nur teilweise gefüllten Fässern ausgebaut. Heute stellen aber viele Winzer ihre Weine in einem weniger oxidativen, saubereren und moderneren Stil her, der eher an Sauternes erinnert.

Das Chamäleon Furmint eignet sich tatsächlich auch ganz hervorragend zum Ausbau im Holz und hat dann oft cremig exotische Nuancen, und typischerweise geniale Spannung im Mund.

Tokaji hat ein paar ganz eigene Weinstile

  • Szamorodni heißt wörtlich ‘so wie gewachsen’. Hierfür werden reife Trauben zusammen mit Trauben die von Edelfäule befallen sind gelesen und dann auch zusammen fermentiert. Szamorodni kann trocken oder süß sein, ist jedoch oft oxidativ, da er mindestens zwei Jahre im Fass reift, manchmal unter einer filmbildenden Hefe, die dem Sherry Flor ähnelt.
  • Bis zum Jahrgang 2013 wurden Aszú Weine mit 3, 4, 5 oder 6 Puttonyos hergestellt, wobei 6 Puttonyos die süßesten sind. Traditionell wurden dafür Aszú-Trauben einzeln von Hand gelesen und in Holzbehältern, sogenannten Puttony, gesammelt, die jeweils ungefähr 25 kg fassen. Anschließend wurden die edelfaulen Trauben dann zu einer Paste zertreten oder zermahlen. Die Menge an Puttony, die dann zu einem Gönc (einem ungarischen Eichenfass von ungefähr 136 Litern) hinzugefügt wurden, bestimmte dann die endgültige Süße des Tokaji Aszú-Weins.
  • Seit 2013 werden Weine einfach als »Aszú« bezeichnet, ohne die Zahl der Puttonyos preiszugeben. »Aszú« reift etwas mehr als zwei Jahre (mindestens 18 Monate davon im Holzfass) bevor er auf den Markt kommt und muss mindestens 120 Gramm pro Liter Restzucker enthalten und einen tatsächlichen Alkoholgehalt von mindestens 9 Prozent erreichen. Wie auch in Sauternes sind die Erträge absolut winzig.
  • Für die elusive Esszencia wird aus dem Aszú-Most eine verschwindend kleine Menge an sirupartigem Traubensaftes, der ohne Pressen herausläuft, gewonnen. Dieser konzentrierte Saft wird separat als vinifiziert und ist der süßeste Tokaji den es gibt. Aufgrund des hohen Zuckergehalts können Hefen nur im Schneckentempo vergären – manchmal dauert es Jahrzehnte, bis 4-6% Alkohol erreicht werden. Süßer als Honig hat der Wein mindestens 450 Gramm Restzucker pro Liter. Esszencia oder Natúresszencia ist selten im Handel erhältlich und ist ein absolut einzigartiger Nektar.

Ähnlich wie in Deutschland und der Loire, werden auch hier in Tokaj mehr und mehr trockene Weißweine hergestellt, da von hochpreisigen Süßweinen nur sehr begrenzte Mengen erzeugt werden können. Das Chamäleon Furmint eignet sich tatsächlich auch ganz hervorragend zum Ausbau im Holz und hat dann oft cremig exotische Nuancen, und typischerweise geniale Spannung im Mund. Auch trockene Weine aus Muscat sind eine sensationelle Überraschung. Aromatisch aber delicat, passen sie super zu vielen verschiedenen Vorspeisen, ganz besonders wenn Gemüse und Krustentiere involviert sind.