Am zweiten und dritten Tag der GG Preview in Wiesbaden steht wie immer Riesling auf dem Programmzettel. Da ich am ersten Tag alles Sonstige durchgebracht hatte, hieß es nun tatsächlich nothing but Riesling. Zahnschmelz adé. Aber es gibt anstrengendere Jahrgänge zum Verkosten, 2017 war so einer zum Beispiel. 2018 war ein Jahr der Extreme und eines über das viel diskutiert wird. Nicht so einstimmig wie 2015 oder 2016 ist die Anerkennung für die Größe des Jahrgangs. Es ist differenzierter, aber dadurch vielleicht sogar spannender? Am Ende sind die Antworten in den Gläsern. Und in der Spitze hatte ich da definitiv viel mehr Gänsehaut als Gruseln vor mir.

Noch etwas vorab: Wir haben viele der hier erwähnten Weine vor ein paar Monaten bereits schon einmal verkostet und manchmal noch ein zweites Mal dazwischen. Wiesbaden ist also für diese Weine die zweite bis dritte Gelegenheit sie zu probieren. Damals in der Regel mit deutlich niedrigerer Schwefeleinstellung und ohne dass die Weine von der Abfüllung kurz zuvor angeschlagen waren und zusätzlich mit ein paar Stunden Zeit pro Besuch. Das hier angegebene Potenzial für die Weine beruht nicht nur auf diesem einen Moment in Wiesbaden – in dem viele Weine in einem schwer zu beurteilenden, von Schwefel reduzierten Zustand sind – sondern auch auf deren Entwicklung über die letzten Monate und teilweise mehrmaligem Verkosten der Weine.

Bei der Arbeit: Heiner Lobenberg, Elias Schlichting, Max Gerstl

Ich beginne mit meinem Heimspiel im Rheingau. Die berühmten Brunnenlagen liegen quasi in Sichtweite vor meinem Küchenfenster. Wisselbrunnen und Nussbrunnen in Hattenheim, der Marcobrunn in Erbach. Wie die Namen erschließen lassen, gibt es unter all diesen Lagen Wasserläufe und Brunnenlagen sind oft bevorzugt in Trockenjahren. Spreitzers Wisselbrunnen ist hellfruchtig mit zitrischem Mundeintritt, rassig und geradeaus (92+/100). Ress’ Variante ist dunkler in Nase und Mund, sehr dicht und rauchig-erdig, viel Zug (92/100). Die größte Überraschung und eine besonders schöne für mich persönlich, ist Schloss Vollrads. Hier habe ich ein Jahr im Verkauf gearbeitet, ich kenne die Weine gut. Dunkel-erdwürzig mit reduzierter Frucht, dicht und cremig. Im Mund dann satt, mit viel Schmelz und kraftvollem Fruchtschub, feuersteinige Mineralik, griffig und fest strukturiert. Im Ausklang mit leicht herber Phenolik und Zitrusschale. Schick (92–93/100). Noch einen drauf setzt der Greifenberg aus 2017, ein neues, zweites GG, das Vollrads seit kurzem separat ausbaut. Reizende, noch reduktive Nase, wow, das gefällt mir ausgesprochen gut. Saftig-spannender Mund, elektrisierende Säure, viel Druck, viel Power, viel Mineralanmutung, alles extrem geschliffen, expressiv-drückend und sehr seidig-elegant zugleich, unglaublich. Der beste Vollrads der jüngeren Zeit, den ich je probiert habe (94–95/100).

Achim von Oetinger

Dann kommt ein knackig-frischer Hohenrain von Oetinger, gefällt mir gut (92–93/100). Sein Marcobrunn 2017 war ein Highlight. 2018 kann da nicht ganz ran, ist aber groß wie immer (94–96/100). Hier steckt Oe seine ganze Aufmerksamkeit rein. Mit viel Liebe zum Detail und das merkt man, wenn man andächtig probiert. Wieder tolle GGs in 2018. Dann kommt Robert Weils Gräfenberg und es macht zum ersten mal Klick bei mir im Kopf. Der Gräfenberg ist schon seit immer eine große Nummer und das internationale Aushängeschild des Rheingaus. Alleine mir hat sich selten so erschlossen weshalb, wie nun 2018. Der Gräfenberg besticht stets durch Klarheit und Präzision, er kann quasi zeitlos altern. Gereift habe ich ihn schon monumental erlebt, ich weiß das er das kann. Bloß jung hat er sich mir nie ganz erschließen wollen. Bis zu diesem Jahr. Der 2018er Gräfenberg zeigt eine extrem noble, schwebend-elegante Nase mit ganz feiner Frucht, eine Mischung aus grün-rosiger Aprikose, Amalfizitrone, Limettenschale und Zitronengras. Auf eleganteste Art fein verwoben in weißfruchtiger Eleganz. Kein Gramm Fett zu viel, alle Muskeln sind angespannt. Kein Anzeichen für einen heißen Jahrgang, kühl, pfefferminzig, straff. Im Mund tolle Rasse zeigend, viel milde, feine Limettenschale, Tee und heller Tabak im extrem griffigen Körperbau mit satter Phenolik. Feuersteiniger Gerbstoffgripp, immense Struktur, grandios festes Rückgrat, dabei einnehmend saftig. Zum ersten mal für mich schon jung mit der Präsenz, der Erhabenheit und der Struktur von der ich wusste, dass sie da sein müsste, ich sie aber nie ganz greifen konnte. In dieser bestechenden, kristallinen Klarheit, dieser geschliffenen Ultraeleganz und der zupackend-mineralischen, strammen Textur. Kompromisslose Rasse. Aktuell ein Riese und sehr wahrscheinlich noch größer werdend. Ich bin Gräfenbergisiert (97–100/100). Die ganze Erfahrung und Klasse von Wilhelm Weil zeigt sich dann, wenn es im Extrem-Jahr darauf ankommt.

Meinen krönenden Abschluss bilden dann wie letztes Jahr P. J. Kühns Wunder der Balance. Es gibt wenig Schöneres für mich. Das Kühn’sche Riesling-Universum hat seinen ganz eigenen Platz. Es gibt kaum Weine auf diesem Planeten, die so harmonisch, beruhigend und auf unaufgeregte Weise fesselnd sind wie diese. Die 2016er Kollektion von Kühn ist in Gesamtheit das beste, was ich bis dato kenne. Mit dem 2016er Schlehdorn als einer der größten Jung-Rieslinge, die ich je im Mund hatte. Zu den 2016er Unikaten kommen jetzt die 2017er GGs.

Das Jungfer GG aus Hallgarten, der höchstgelegenen Gemeinde des Rheingaus, hier oben liegt die Zukunft. Etwas frischer, leichtfüssiger und beschwingter wirkend als der dicht-cremige Doosberg, etwas expressiver. Wunderschöner Mund mit viel harmonischer Spannkraft. Nicht ganz die Tiefe des Doosberg aufweisend, dafür tänzelnd und von mineralgetragener Feinheit mit enormer Spannung (95–98/100). Balance ist der Schlüssel. Keiner hat ein besseres Händchen dafür.

Peter Bernhard und Peter Jakob im Fasskeller

Doosberg dagegen etwas verdichteter, was vielleicht zur noch höheren Harmonie führt. Mit cremig-eleganter, fast schwebender Nase von weißer und gelber Frucht, dabei ist reifes Steinobst erhaben und weich auf ein zartes Hefepolster gebettet, Nektarine, Mirabelle, spritzige Zitruseinschübe, dann kommt etwas trockenes Heu, Basilikum und Minze, kühlende Frische ausstrahlend. Immer wieder neue Lagen entfaltend, eine mehrdimensionale Nase, ruhend und zugleich sehr komplex. Der Gaumen ist dann in 2017 deutlich rassiger als die Nase vermuten lässt, samtig-reife Zitrusfrucht zieht sich mit cremig-vibrierender Säurestruktur über die Zunge, wieder Quitte, Feuerstein, leicht grasig-kräutrig im Nachhall. Die selbe umarmende Harmonie und bestechende Brillanz in der Frucht wie immer. 2017 kommt aber mit einer Rasse und einer Spannung, die geradezu frech ist, mit energetischem Spiel zwar, aber nie die Balance verlierend. Ein Drahtseilakt auf der Hochspannungsleitung. Ein berührender Genuss (97–100/100).

Der St. Nikolaus aus einem alten Weinberg unten am Rheinufer gelegen, hat wie meistens die etwas abgespacetere, vibrierendere Nase. Grüne und gelbe Quitte, gelber Pfirsich auch reife Zitrusfrucht, feiner Hefeschleier, hypnotisierend und ins Glas ziehend. Der Mund ist fast noch feiner als beim Doosberg, noch schwebender. Leichtfüssige Intensität, zurückhaltend-elegante Aromatik, in sich ruhend, aber mit der intrinsischen Spannung und der druckvollen, beeindruckenden Säurestruktur von 2017 bekommen sowohl Doosberg als auch Nikolaus nochmal einen besonderen Kick, einen unaufhaltsamen Auftrieb zu ihrem ansonsten sehr ausgeglichen-geerdeten, harmonisch-horizontalen Charakter. Eigentlich will ich gar keinen der beiden höher bewerten. Weil sie für mich auf einem Niveau sind, die selbe konsequente Linie verkörpern, die gleiche unverwechselbare Handschrift tragen und den selben Ausdruck der akribischen Arbeit der Familie Kühn in sich tragen. Elektrisierende Mineralanmutung am Gaumen mit einer Haptik wie ein Tuch aus weißer Seide, das aufrauend und anschmiegsam zugleich über alle Papillen der Zunge streift. Der Nikolaus ist etwas feiner und gleichzeitig expressiver, irgendwie noch abgehobener in der eigenen Galaxie unterwegs (99–100/100).

Weingut Kühn

Nahe bevorzugt

Nun geht es auf die andere Rheinseite, in Richtung Nahetal. Hier ist man in warmen Jahren eigentlich immer etwas bevorzugt, weil die Nahe durch ihrer teilweise verwinkelte, waldige Landschaft eine der kühleren Ecken des deutschen Weinbaus ist. Dieses Jahr präsentierte sie sich aber weitgehend ziemlich druckvoll, manchmal fast brachial. Ich will nicht sagen fett, aber definitiv drückender und fülliger als sonst. Ab ins Detail.

Die zwei „kleinsten“ GGs von Dönnhoff stehen mit 3 mal Dr. Crusius in meinem ersten Flight. Der Höllenpfad im Mühlenberg hat eine feine, polierte Frucht, sehr geradlinig im Dönnhoff-Stil mit lupenreiner Klarheit. Leichte Reduktion, darunter eher zitruslastig, grüne Quitte, Sommerapfel. Der Mundeintritt ist in 2018 besonders saftig, wieder viel gelbroter Apfel, schöne Reife anzeigend, dennoch den geradlinigen, kristallklaren Charakter beibehaltend. Da wird direkt beim ersten Wein klar: Dönnhoff ist wieder eine grundsolide Bank. Einfach bestechende Qualitäten und unbeirrt der Handschrift folgend in jedem Jahr, das ist schon faszinierend. Auch irgendwie eine Klasse für sich dieses Weingut (94–96+/100).

Vater und Sohn: Dönnhoff

Der Krötenpfuhl wirkt fester, auch herber, deutlich mehr von der Hefe beeinflusst als der straighte Höllenpfad. Reife und grüne Aprikose, sowohl knackige Limettenschale als auch süßlicher Orangenabrieb, roter Weinbergspfirsich, durchaus mehr Volumen in der Frucht. Unglaublich viel Druck und Gripp im Mund, die Augen ziehen sich zusammen so pikant kommt es da mit vollem Durchzug. Hier eher zitrisch, reife Zitrone und Grapefruit ohne Süße, zitronengrasig, dann kommt feinherber Feuerstein, tolle Rasse und so viel Schub. Schnörkellos, straff und geschliffen wie eh und je, aber mit feinem Fruchtpolster, ein großer Charmeur, unfassbar konsistent (94–95+/100).

Fruchtbetonte, klare und charmante Kollektion von Dr. Crusius auf einem homogenen Niveau, mehr Frucht und mehr Kompromisse als Dönnhoff aber durchaus delikat. Nicht einfach neben Dönnhoff und Fröhlich in den Flights zu stehen, geht aber nicht unter, überwiegend schick und druckvoll.

Cornelius Dönnhoff

Dann kommt ein Bomben-Flight, zwei mal Gut Hermannsberg neben drei mal Dönnhoff – Dellchen, Brücke, Hermannshöhle – das zergeht auf der Zunge. Das Dellchen ist nicht ganz so tropisch-expressiv wie letztes Jahr, aber dennoch mit hohem Oszillographen in alle Richtungen. Viel Zitrusfrucht, viel Stein, viel herbe Kräuterwürze, sehr dicht und kompakt wirkend aktuell. Dem entgegenstehend aber eine Schärfe aus Ingwer, Zitronengras und grüner Aprikose nebst Limettenfrische, alles auf ein feines Hefe- und Süßepolster gebettet. Der Wein öffnet sich zunehmend, die Frucht wird noch voller und die Konzentration tritt mehr hervor. Tolle Balance zwischen Schliff und Intensität. Am Gaumen wie immer ein feines Powerteil, immens viel Feuerstein und Gripp, fest zupackend, fesselnd. Das Dellchen lässt einen nicht mehr los. Herbsaftig mit so etwas wie einer Quitten-Aprikosen-Kombination, in Salz aufgehend. Kompromisslos rassig, fast den Jahrgang negieren wollend. Ein Energiebündel ohne Gleichen, dass trotz der hohen Reife und der packenden Aromatik extrem stromlinienförmig geschliffen bleibt. Ein Balancewunder (96–98/100).

Heiner Lobenberg mit Betriebsleiter Karsten Peter von Hermannsberg

Daneben Hermannsbergs Rotenberg mit schiebender Mischung aus Reduktion und rotschiefrig-warmer Würzigkeit. Weinbergspfirsich, pinke Grapefruit, ein Hauch Johannisbeere, vielleicht sogar etwas Marzipan. Der Mund ist ausgesprochen charmant, ein sehr delikater Fruchtkern aus roter und etwas gelber Frucht legt sich um den steinig-extremistischen Kern und sorgt für eine weichere Anmutung trotz massiver Gesteinsmassenattacke darunter. Auch leicht tabakig, nektarinenwürzig von leicht abmildernder Süße eingerahmt (95–97/100).

Dönnhoffs Brücke zeigt sich fruchtstark und elegant, weißfruchtig mit Nashibirne und heller Aprikose, dazu milde Zitrusfrüchte, und etwas Grüntee. Die Frucht wirkt noch klarer und viel geradliniger als die des wilderen Dellchens. Die reine Erhabenheit in der von Feuerstein getragenen Eleganz. Wer auf straighten, schnörkellos perfektionistischen Nahe-Riesling steht, der wird hier glücklich. Die Brücke läuft wie am Schnürchen geradeaus. Für Puristen (96–98+/100).

Nachdem Dönnhoff für mich letztes Jahr die schlüssigste und kompletteste Kollektion aus 2017 gezeigt hatte, ist es dieses Jahr sehr charmant, ein bisschen weniger zupackend. Ich glaube die Weine brauchen dann einfach etwas mehr Reife, um zwingender zu werden. Bis die Hermannshöhle daherkommt, dann ist es wieder geschehen. Die Hermannshöhle ist von der selben intrinsischen Erhabenheit und Ruhe geprägt, wie die allerbesten 2018er. Auch der Gräfenberg, der Scharzhofberger-P, Schloss Liesers Doctor (Versteigerung) und Fritz Haags Juffer-Sonnenuhr haben diesen Charakter gezeigt dieses Jahr. Unglaublich milde, schmelzend zarte Zitrusfrucht, dazu die elegante, grün-rosige Aprikose die auch der Scharzhofberg charakteristisch oft zeigt. Eine bezaubernde, hefige Extraktsüße weht zu alledem aus dem Glas. Die Hermannshöhle ist völlig apart. Ein Wunder der Eleganz. Überragt den Rest der Kollektion bei Dönnhoff nochmal um Längen und ist einzigartig an der Nahe bisher. Eine eigene Dimension. Ständig changierend wie ein Chamäleon, von feuersteinig-herb über zitrusminzig-frisch, bis hin zu extraktsüß-hefig-einnehmend. Unglaublich komplex und vielschichtig. Der Mundeintritt ist wie die Nase erwarten lies die große Feinheit. Schwerelose Intensität, kaum Gewicht auf der Zunge und doch mit alles-vereinnahmender Nachhaltigkeit und Persistenz. Einer der großen Weine des Jahrgangs, muss man erlebt haben, um es zu verstehen (98–100/100).

Tim Fröhlich

Hiernach vier mal Felsenberg plus zwei Kupfergruben. Dönnhoff, Crusius, Fröhlich und Hermannsberg alle nebeneinander, jetzt aber.

Tim Fröhlichs Kupfergrube mit dem selben reduktiven Parfüm wie immer. Darunter, Quittenschale und etwas knackige Blaubeere, Ingwer, Eukalyptus, große Frische. In den Bann ziehend. In hypnotisierender Perfektion geschliffen, aber unnahbar wirkend. Auch im Mund einschneidend-scharfe Schiefermineralik, herbkräuterig-minzig, kühl, sehr saftige Frucht, wieder knackfrische Blaubeere in frische Minze gehüllt, noch grüne Zwetschge. Feuersteinig und glockenklar, laserpräziser, explosiver Antritt. Superb (95–98/100).

Dönnhoffs Felsenberg eher weißfruchtig, ausgeglichen und ruhig, ein geschliffener Leisetreter. Am Gaumen dicht und saftig, leicht rauch-mineralisch und mit der typisch kristallin-geschliffenen Feuerstein-Zitrus-Kombination, zupackende Gerbstoffe im Nachhall. Ergreifend schön und ausgesprochen delikat. Weniger expressiv-wild als das Dellchen und nicht so großrahmig erhaben wie die Hermannshöhle, aber dennoch super-elegant (95–97/100).

Kupfergrube

Tim Fröhlichs Variante daneben in jeder Hinsicht extremer. Schiebende, reduktive Nase, dennoch hohe Intensität anzeigend. Mehr Dichte, mehr Konzentration als die Kupfergrube, satt und druckvoll, helle Frucht ohne Üppigkeit. Im Mund viel pinke Grapefruit, mundfüllend und vielschichtig, sich langsam am Gaumen entfaltend und immer weiter zulegend. Reife Agrumen, dann wieder etwas blaue Frucht, Feuerstein und Kreide mit massiver, einschneidender Säurespur, die sich mit höchstmöglicher Präzision in die Frucht geradezu einschweißt. Atemberaubend wie on-point Tim Fröhlich in diesem so trügerischen Jahr geerntet hat, wie er die Frische erhalten hat, die Präzision erhalten hat, den messerscharfen Schliff erhalten hat. Erstklassig (96–98+/100).

Gut Hermannsbergs Variante wirkt fester, hefe-geprägter und etwas herber als Dönnhoff und Schäfer-Fröhlich, steinige, fast karge Nase, die nur wenig Frucht zulässt aktuell. Etwas Quittenschale und grüne Aprikose, grüne Mandel, feine Nussigkeit, hell-mineralisch. Der Mund ist kompakt und wird von fast brachialer Schiefergesteinsanmutung zusammengehalten. Eine feine Extraktsüße wie aus überreifer Zitrone puffert im Ausklang die herbe, steinsalzige Aromatik ab und verleiht dem ansonsten kompromisslosen Felsenberg ein charmantes Fruchtpolster. Ein Gesteinshammer (95–97/100)!

Emrich Schönleber

Und dann kommt der nicht nur auf dem Papier beeindruckendste Nahe-Flight. Vier Weine von Schäfer-Fröhlich und Emrich-Schönlebers Frühlingsplätzchen plus Halenberg daneben. Wow.

Eine Rakete von einem Wein ist Tim Fröhlichs Felseneck und laut ihm selbst auch sein absoluter Lieblingswein in diesem Jahr. Man erahnt eine Mischung aus saftiger Blaubeere, mild-grüner Limette mit feuersteiniger Wucht, alles von der typisch schrägen Reduktionsnote durchzogen. Auf sehr merkwürdige Art und Weise ist das sehr anziehend, ich mag das. Kristalline Klarheit, Präzision und substanzielle Tiefe zeichnen das Felseneck aus. 2018 ist da keine Ausnahme, sondern eine Bestätigung mit Nachdruck. Auch am Gaumen zunächst reduktiv, dann feinzitrisch, hell-mineralisch und feuersteinig-griffig, salzig-pikant, Sancerre-artige Bissigkeit in der Bodenexpression, kompromisslos zupackend und dann auch nicht mehr loslassend. Ganz langsam kommt hinten raus sogar etwas Delikatesse, kommt sogar etwas Grapefruitsüße, etwas voluminösere Blaubeerknackigkeit, kommt etwas Charme und Liebreiz auf den verflüssigten Stein, sogar eine zarte Veilchen-Verspieltheit. Ein Traum von einem Naheriesling und in einer Reihe mit der Hermannshöhle. Das wird genauso groß, ist aber völlig anders. Das Felseneck ist mehr mein Style, kompromisslos auf Druck und mineral-infusionierte Lasersäure gebaut, auf der Zunge Zitrusroulette. Ein extremer Wein. Und es war sicher in diesem Jahr nicht einfach ihn so werden zu lassen. On-point (97–100/100).

Der nasenmäßige Wechsel auf Schönlebers Frühlingsplätzchen fällt dann tiefgreifend aus. Viel satter, dunkler, reifer, gegen Fröhlich fast üppig wirkend, was aber täuscht, denn wir bleiben ebenso fein. Geradezu nobel in weißer Frucht. Helle, reintönige, bestechend-klare Rieslingfrucht, mit feiner Hefe unterlegt, zarter weißer Pfirsich ohne Üppigkeit, eine wunderschöne Nase, geradezu bezaubernd. Der Mundeintritt ist sanft und ultrapoliert, mit seidiger Säurestruktur, Melone, Birne und weiße Pampelmuse, alles ohne viel Gewicht, sondern mit Understatement und zarter Extraktsüße. Neben den vibrierend-elektrischen Fröhlich Weinen geradezu ein Ruhepol. Ausgesprochen fein und sehr schick (96–99/100).

Wieder zurück zu Tim Fröhlich, wieder zurück zum Extremismus. Gewohnt karge Nase beim Frühlingsplätzchen, wenig Frucht, dafür viel Kräuter-Gestein-Bodenexpression mit dem signifikanten, stromlinienartigen Geradeauslauf, den Tim Fröhlich auch in diesem außergewöhnlichen Jahrgang erstaunlich gut erhalten konnte. Der Mundeintritt ist eine zitrusfruchtige Schieferexplosion, alles löst sich in feinem Salz auf. Die Säure wirkt milder als bei Felseneck und Stromberg, ist dennoch ein einschneidendes Stilelement. Athletische Anmut und die angespannte Struktur eines Sprinters sind auch hier die Konstanten. Unglaublich saftig in diesem salzbeladenen Kern. Sehr gegensätzlich zu Schönleber, aber genauso bezaubernd (95–97+/100).

Frühlingsplätzchen

Und wieder ein Switch zu Schönleber, was für ein Hammer-Flight. Die selbe umarmende, endlos harmonische Eleganz wie beim Frühlingsplätzchen. Etwas Bauernbrotkruste und süßer Briocheteig in der auf einem Hefebett schwebenden Nase. Wunderschön verwoben, weißfruchtig mit zarten Marzipan und Mandeleinschüben, helle Birnenfrucht, weiße Johannisbeere, weiße Grapefruit, Orangenschale, einnehmende Extraktsüße aus der hohen Reife der Frucht, ruhig, samtig, harmonisch. Sehr wahrscheinlich ist der Halenberg der größere Wein, aber das Frühlingsplätzchen hat mich besonders berührt dieses Jahr (96–98/100).

Unter der Reduktion scheint beim Halenberg die reifste Frucht von Tims GGs aufzublitzen. Grapefruit und etwas unreife Aprikose, hier kommt sogar ein Touch Johannisbeere, natürlich ohne Üppigkeit, aber mit viel Rasse und Schub. Wieder in zwingender, rassiger Manier, aber mit dem charmantesten und üppigsten Fruchtmantel über kompromissloser Bodenexpression. Weiße Johannisbeere zum Feuerstein, sogar etwas Orangenschale, weiße und gelbe Blüten, fast verspielt in seinem Charme, aber auch hier steht ein immenser Mineral- und Säuredruck entgegen. Einer der zugänglicheren Weine von Tim Fröhlich, was nicht von seiner ebenfalls monumentalen Größe und Unnahbarkeit ablenken kann (96–99/100).

Mit Ausnahme der meisten hier Erwähnten (und selbst die haben ordentlich Dampf) war die Nahe dieses Jahr ziemlich üppig für ihre Verhältnisse, teilweise fast brachial in der Schubkraft. Ich weiß noch nicht wie ich das final einordnen möchte, gefallen hat es mir in der Regel eher etwas weniger als letztes Jahr. Es bleibt abzuwarten wo sich das mit der Reife hin entwickelt.

Auf keinen Fall unerwähnt bleiben dürfen dann noch zwei mehr als beeindruckende, angereifte Geschosse von Gut Hermannsberg aus 2017. Der Hermannsberg zeigt eine reifere, erhabenere Nase als die Bastei daneben, auch von Reduktion gezeichnet und ebenfalls mit massivem Steinabdruck. Aber feiner, erhabener wirkend als die extreme Bastei, reife, gelbe Frucht blitzt auf, von Hefe ummantelt. Druckvoll und schiebend im Mund, auch hier etwas gemäßigter, ausgeglichener und harmonischer als die Bastei mit dem Oszillographen in alle Richtungen. Vielleicht auch mit einem Hauch mehr Süße und Fülle, aber dennoch kompromisslos rassig und mit brachialer Säure, die aber nicht anstrengend wird, weil sie reif ist (97–98/100).

Die Bastei dann mit einer reduktiv-cremigen Nase, ohne viel Fruchtausdruck momentan, dafür viel Gestein, eigentlich flüssiger Feuerstein. Eine kompromisslose, herb-grünlich-spannungsgeladen-energetische Nase. Immens druckvoller Mund, auch hier Gesteinsanmutung ohne Ende, rassig, zitrisch, aber reif und geschliffen, die feinen Gerbstoffe verbinden sich mit der reifen Säurestruktur und der cremigen Haptik zu einem angespannten Energiebündel am Gaumen. Droht fast zu explodieren vor Spannung, wenn das mal losgeht … oha. Ehrfruchtgebietend (96–99/100).

Zwei Hammerteile aus 2017, die Hermannsberg hier nachpräsentiert. Wow … alle Achtung, Karsten Peter, beeindruckend!

Franken mit Rang und Namen

Jetzt gibt es einen Sprung gen Osten. Franken hat schon mit dem Silvaner brillieren können dieses Jahr. Es gibt drei Riesling Flights, einen davon finde ich besonders spannend. Denn hier steht mit Luckert, Fürst, zwei mal Sauer und Knoll, Weingut am Stein, alles was Rang und Namen hat nebeneinander.

Luckerts Maustaul macht den Auftakt. Luckert-typisch viel Schmelz, sehr cremig-dichte Nase, Pfirsich, etwas Aprikose, Birne, alles ist weiß, hell und klar. Der Mund ist sanft und geschliffen, wieder sehr helle Frucht, ganz feines Salz, zarte Säurestruktur, fast burgundisch fein. Präzision und Frische, ganz ohne bissige Säure. Eigenwillig, aber sehr schön und vor allem geschmeidig (94–96+/100).

Kelterhaus Weingut Fürst

Dann kommen die Altmeister aus Bürgstadt, Fürsts Centgrafenberg mit einer noch leicht verhaltenen Nase. Hell und reintönig, grüner Apfel, feine Zitruszesten, viel Limettenfrische, athletisch und schlank. Elektrisierende Spannung bereits in der Nase, die sich dann am Gaumen vollends entfaltet. Immens rassige Säure, aber fein und reif, viel Zitrusfrucht, saftig, geschliffen, schnörkellos, elegant im Geradeauslauf. Leichtfüßig und erfrischend, grandios (95–97/100). Fürsts haben übrigens mit ihrem dieses Jahr veröffentlichten 2017 Chardonnay R noch einen weiteren extrem eindrucksvollen Weißwein im Programm. Das ist schon Wahnsinn, welches Niveau hier abgeliefert wird an allen Fronten.

Horst Sauers am Lumpen mit einer sehr fruchtig-frischen, fast tänzelnden Nase. Apfel und Birne in der knackig-grünen Variante, genauso spannungsgeladen wie Fürst, aber noch etwas mehr im Saft und auf der Frucht. Im Mund kommen reife Agrumen hinzu, ein Touch Melone hinten raus. Bestechende Klarheit und Präzision, wie auch schon beim Silvaner. Sehr geradlinig herausgearbeitete Aromatik, kristallklar, fruchtbetont, immens saftig. Was für ein delikater Riesling, will man direkt austrinken (94–96/100)

Sandra und Horst Sauer

Rheinhessen athletisch

Die besten Rheinhessen wirken dieses Jahr durchaus etwas athletischer und teilweise fast feiner als die Nahe, normalerweise ist es umgekehrt. Allerdings ist auch hier das Bild insgesamt durchwachsen. Die Spitze ist aber atemberaubend gut, ja es gibt sogar ganz unfassbare gute Weine aus Rheinhessen dieses Jahr.

Los geht es mit einem sehr interessanten Flight aus dem Norden Rheinhessens, darunter drei mal Scharlachberg. Eine Lage am Hügel hinter der Stadt Bingen, Südexposition, Quarzit und Schiefer, ein expressiver Weinberg. Besonders interessant ist dieser Flight, weil das Weingut Bischel hier gleich doppelt vertreten ist. Bischel ist der jüngste Neuzugang im VDP und seit kurzem auch bei Lobenbergs Gute Weine im Programm.

Die Brüder Bischel

Zunächst drei mal Binger Scharlachberg, Südexposition hinter der Stadt, Quarzit und Schiefer, ein expressiver Weinberg. Kruger Rumpf kommt zitrisch, geradlinig mit betonter Säurespur, steinsalzig im Ausklang (92–94+/100). Wagner-Stempel daneben fest und hefegeprägt, leicht vom Holz getragen, darunter mit wenig Frucht, eher grünlich-zitrisch. Der Gaumen ist fruchtbetont und klar, saftig (92–94/100). Bei Bischel wird die Frucht ebenfalls noch von der Hefe getragen, milde Limette trifft feine Aprikose, kreidig, am Gaumen mit festem Gerbstoffgriff, seidige Säurestruktur, mit Feinschliff und Eleganz, sehr straight, hat ordentlich Zug (94–96/100). Daneben steht noch Schloss Westerhaus mit ordentlich Holz, Kerzenwachs und Aprikose, dichter Mund mit zitrischem Nachhall, lässt etwas Fokus und Präzision vermissen (90/100). Richtig einen raus haut Bischel dann aber mit dem Hundertgulden. Im Gegensatz zum Scharlachberg haben wir hier Kalksteinfels und das spürt man auch am Gaumen. Mit Hefe gepuderte Zitrone, auch Zitronengras und Melisse, frisch-kräuterig. Der Mund ist extrem straight, pur, zitrisch, kreidig, geradeauslaufend, rassig und schlank, aber nicht karg, auch von feiner Frucht ummantelt, gute Persistenz im Nachhall. Großartig (95–97/100).

Der nächste enorm spannende Flight schließt sich direkt an. Hier haben wir Gunderloch, Kühling-Gillot und Schätzel beieinander mit Rothenberg und Pettenthal, also Rotschiefer-geprägten Lagen. Kühlings Rothenberg von wurzelechten Reben setzt dann direkt ein Ausrufezeichen. Leichte Reduktion, kleiner Stinker, sehr animierend. Reife, geschliffene Frucht darunter, Limettenabrieb und Austernschale. Der Mundeintritt ist explosiv, einnehmend, minzig-kühl, hintenraus dann mit schiebender, mineralischer Wärme wie von in der Sonne gewärmtem Sandstein, dicht und tabakig, griffig. Fesselndes Spannungsfeld zwischen raumgreifender, vielschichtiger Mineralik und dem straighten, sehr fokussierten Kern des Weines. Ein Hammer (96–99/100)! Gunderlochs Rothenberg ist auch grandios, aber neben diesem Teil kann er nicht ganz mit.

Gunderloch Pettenthal

Dann kommt drei mal Pettenthal. Ein Weinberg, der in einem Jahr wie 2018 eigentlich schon zu warm und exponiert ist. Hier mussten die Winzer im Außenbetrieb strategisch perfekt arbeiten, um Top-Weine zu erzeugen. Den Anfang macht Gunderloch, übrigens auch ein Neuzugang bei Gute Weine. Der junge Johannes Hasselbach hat das Ruder im Familienbetrieb übernommen und startet direkt durch. Saalwächter, Bischel, Gunderloch und viele andere sind die neue deutsche Welle hier. Kaum ein Anbaugebiet ist so dynamisch in den letzten Jahren.

Hefig-dichte Nase, leicht reduziert, reife und unreife Aprikose, griffig, Limettenzeste, steinsalzig in der Nase, dann ein extrem salziger Mund mit viel Limette, reifer Zitrone. Keine Süße, extrem straight, feiner Gerbstoff im Ausklang, feuersteinig, sehr animierend (94–97/100)

Kühling-Gillot kommt minzig-kühl, klar und hell, eher weißfruchtig in Mund und Nase, hätte ich blind wohl eher als Hipping eingestuft, sehr interessant (94–96/100).

Kai Schätzel

Dann kommt mein erster Schätzel des Tages, innerliche Freude kommt auf. Zunächst die typisch reduzierte Nase, noch zurückgezogen, aber Tiefe andeutend. Rotbeerige Würze, etwas salzige Himbeere, Muschelschale, Feuerstein, grüne Aprikose, der Gaumen ist würzig-warm und gleichzeitig minzig-erfrischend, spannende Mischung, vereinnahmend. Immer mehr Schichten entfaltend im Ausklang, sehr harmonisch abgestimmt, irgendwie ruhig, aber ein bisschen schätzelig-wild und elektrisierend zugleich. Ein Wein der Gegensätze, extrem spannend (97–98+/100). Mein Favorit unter den Pettenthals.

Weiter geht es mit der Nachbarlage am Roten Hang, dem Hipping. Im direkten Vergleich zwischen den beiden bin ich immer mehr beim Hipping. Für mich wirkt er fast immer kühler, vertikaler, verkörpert eher das, was ich mit Riesling verbinde. Das Pettenthal ist würziger und tiefer, oft der tiefere, wohl auch emotionalere Wein. Ich kann verstehen, dass viele das für „größer“ halten. Ich nicht.

Den Auftakt macht Sankt Antony. Jetzt unter Federführung von Dirk Würtz, der hier ein paar Plätze neben mir sitzt und auch verkostet. Menthol-frische in der Nase, Pfefferminze und Zitronenmelisse, Quitte, spürbar niedrig geschwefelt. Ich habe den Wein allerdings im Frühjahr über annähernd eine Woche geöffnet immer wieder verkostet und er war enorm stabil, zeigte nahezu keine aromatische Veränderung. Am Gaumen helle Frucht, saftig und klar, mit feinherber Würze aus Quittenschale und etwas Orangeat, zarte Extraktsüße im Ausklang (95–96+/100). Dirk Würtz zieht hier direkt im ersten Jahr einen völlig anderen Stil auf als Felix Peters zuvor. Ich finde das spannend.

Dann kommt Gunderlochs Variante. Reduzierte, weißfruchtige Nase, sehr elegant und fein verwoben, feine Aprikosenfrucht, sehr zart und filigran wirkend, das ist kein lauter Wein. Am Gaumen sich in Salz auflösende Limette mit reifer, feiner Säure, griffig-phenolisch und leicht zitrisch-herb im Ausklang, Quittenschale, Zitronengras, quicklebendig und energetisch, vibrierend. Schick (94–96/100).

Keller-Team St. Antony mit Kellermeister Sebastian Strub in der Mitte

Nun Kai Schätzels Interpretation. Reduktion in der Nase, darunter eher weiße Frucht, Eukalyptus, sehr frisch, tonisch, ein bisschen schätzelig-wild wie immer, aber auch so geschliffen-elegant. Diesen Spagat schafft kaum einer so gut wie Kai. Viel nasser Stein in der Nase, animierend-karg, abgehoben kühl, geniale Nase. Der Gaumen mit schiebender Zitrusfrucht, rassig, fast eine Attacke, mit viel Biss, eine vibrierende Säurespur wie ein Laserstrahl. Wow, was für ein elektrisierendes Teil. Noch etwas unruhig. Das Pettenthal wirkt deutlich harmonischer und ausgeglichener momentan. Der nervöse Hipping braucht noch mehr Zeit, kommt dann aber sicher groß raus (96–99/100). Irgendwie genial.

Schätzels Ölberg ist tabakig, herbwürzig, mit dunklem Kern, Rauch und Feurstein. Der Gaumen dicht und schiebend, voluminöser und bei weitem nicht so fein und geschliffen wie Hipping und Pettenthal, aber auch sehr gut geworden (93–95/100).

Philipp Wittmann

Dann kommen die ersten Weine von Philipp Wittmann auf den Tisch, der zusammen mit KP Keller dieses Jahr wohl insgesamt die besten Weine Rheinhessens erzeugt hat.

Cremig-dichte Nase in der Aulerde, grüne und weiße Birne, hefig, sehr elegant, feine Limettennote darunter. Am Gaumen explosionsartige Rasse, unreife Quitte, Amalfizitrone, druckvoll und präzise, sehr straight. Kalkstein-griffig im Nachhall mit feinem Gerbstoff, milde Zitronenschale und Salz im Ausklang. Energetisch mit festem Kern. Zupackend mit viel Potenzial (95–96/100)! Groebes Aulerde daneben weniger rassig, nicht so straight wie Wittmann, aber auch druckvoll (92–93/100).

Ich bin ein großer Kirchspiel-Fan, die Weine sind immer sehr geradlinig. Wittmanns Variante mit rauchiger, leicht speckiger Nase, tonisch-frische Zitrusfrucht, Melisse, feste Nektarine, eng verwoben. Am Gaumen sehr saftig, sehr charmant, wir haben natürlich den rassigen, geradeauslaufenden, zitrischen Zug des Kirchspiels, aber in 2018 mit wärmenden Händen im Rücken, mit schönem Fruchtmantel über der dem schiebenden, steinig-rassigen Charakter. Sehr delikat (95–97/100).

Dann kommt der beeindruckendste Rheinhessen-Flight und einer der besten der gesamten Veranstaltung. Zwei Brunnenhäuschen, zwei Morstein plus Schwarzer Herrgott. Das Brunnenhäuschen ist in vielen Jahren mein Lieblingsweinberg in Rheinhessen. Es ist der einzige Riesling den KP Keller hier dieses Jahr angestellt hat. Die Vorfreude ist groß.

Wittmann mit sehr eleganter, heller Frucht mit feinen Zitruseinschüben. Reife und grüne Aprikose, Zitronengras, Grüntee, herbkräutrig, milde Zitrone. Der Mund ist unglaublich elegant, unendlich fein, mit schwereloser Kraft, aromatisch-tänzelnd, fast schwebend. Limette, grüner Apfel, alles ist fein, erhaben und getragen, präzise und feinziseliert. Ein Riese in Understatement. Das wird groß (97–100/100).

KP Kellers AbtsE (auch Brunnenhäuschen) mit reduktiver Nase, darunter milde, sehr reife, zitrisch-weiße Frucht, sehr tief, sehr erhaben, ultraelegant. Im Mund druckvoller, schiebener, zwingender als der leichtfüßig-intensive Wittmann. Nachhaltig und explosiv, dicht verwoben mit raumgreifender Tiefe, endlos lang, immer wieder neue Wellen entfaltend. Grüne Aprikose, reife Amalfizitrone, Limettenschale, Quittenschalen-herb. Monumental fest im Kern, wie in Stein gemeißelt, aber gleichzeitig mit elektrisierender Spannung, vibrierender Kalksteinmineralik und dennoch tänzerisch, nie belastend. Am Ende mit P.J. Kühn wohl die schlüssigste Verbindung von Power und Eleganz, von Intensität und Feinheit. Anwärter auf den größten hier gezeigten Wein. Beeindruckend und fesselnd (98-100/100).

Gutzlers Morstein tief und fruchtstark, ins tropische changierend, Melone und etwas Mango. Im Mund ein Powerteil, viel Schub von unten, satte Frucht, fester Kern. Top (94–96+/100)!

Wittmanns Morstein weniger fruchtig als Gutzler, reduzierter, hefiger, fester und nobler wirkend. in Gesteinsmehl und Hefe gewälzte Aprikosen-Zitrusfrucht, hell-kalkig-mineralisch und fest verwoben. Im Mund expressiv und ausladend, unglaublich reif und samtig, aber gleichzeitig mit vibrierender Spannung, extrem pikant, die Augen werden schmal, der gesamte Mundraum zieht sich zusammen, so viel Salzigkeit und Druck. Immense Präsenz, herrschaftlich. Ein Morstein-Monument, das jetzt schon einiges hergibt, weil es so ein expressives Powerteil ist, aber wenn man bedenkt was da noch kommen wird bei so viel substanzieller Tiefe und Potenzial ... alle Achtung. Groß (98–100/100). Battenfeld-Spaniers Zellerweg Schwarzer Hergott ist sehr salzig, rassig, mundfüllend, schiebend, ebenfalls ein großartiger Wein (96–97+/100).

Klaus Peter Keller

Pfalz tropisch oder kühl

Zur Pfalz habe ich ein schizophrenes Verhältnis in diesem Jahr. Es gibt tolle Weine, aber viele waren mir persönlich zu fruchtig-tropisch. Die meisten haben mir 2016 und auch 2017 besser gefallen, es gab aber auch viele Ausnahmen.

Eine davon war zum Beispiel Philipp Kuhn. Seine Weine hatten mich bereits im Frühjahr ganz besonders verblüfft, weil sie so rassig und kühl waren, so zitrisch, ganz anders als viele andere in der Pfalz. Er steht im ersten Flight zusammen mit Knipser, deren Mandelpfad deutlich fruchtbetont ist, mit Birne und Aprikose. Auch im Mund extrem auf der Frucht laufend, sehr saftig, gute Länge (90–92/100). Knipsers Steinbuckel dann deutlich weniger fruchtig, eher steinig, rassiger. Auch am Gaumen eleganter, herber, fester und dennoch druckvoller, spannungsgeladen. Schick (94–95/100).

Philipp Kuhn

Aus dem großartigen Kallstadter Saumagen zeigt Kuhn dann einen Top-Wein mit kalkig-eleganter Nase. Viel Kreide, wenig Frucht aber mit viel Tiefe, am Gaumen leicht reduktiv, dann minzig-kühl, straff, sehr straight, reife Limette und seidig-reife, aber elektrisierende Säure. Platzt geradezu vor Spannung, viel Druck, viel Zug, viel Power, aber dennoch geschliffen-fein und elegant, ganz grandios (95–97+/100). Daneben Rings Saumagen ebenfalls mit viel Kreide in der Nase, ein bisschen mehr Frucht, Aprikose, Nashibirne, aber ebenso stramm und athletisch. Die Reduktion im Mund lässt wenig Frucht zu, aber der Wein zeigt einen feinen, herbsalzigen Charakter mit viel Schliff und Zug. Stark (95–96+/100).

Das Zellertal mag ich besonders. Hier ist es nicht nur ausgesprochen schön, sondern auch immer etwas frischer, tolles Riesling-Terroir. Vor allem der Schwarze Herrgott konnte nicht nur bei Kuhn glänzen in diesem Jahr, aber bei ihm ganz besonders. Die Nase wirkt minzig-frisch, sehr kühl, äußerst elegante Anmutung, weißer Pfirsich ohne Üppigkeit. Im Mund folgt dann eine Salzexplosion, unglaublich rassig, nur geradeaus. Die Kühle der Lage schlägt voll durch, vibrierende Spannung, tänzelnde Zitrusfrucht, aber reif und samtig, mit laser-präziser Säure. Ein straighter Hammer (96–99/100). Philipp Kuhn hat es richtig, richtig gut getroffen in 2018, das hatte sich im Frühjahr schon abgezeichnet und das hat sich nun bestätigt.

Bassermann-Jordans Grainhübel ist charakteristisch für Deidesheim dieses Jahr, sehr tropisch und soft, cremig, mega auf Charme, aber leider mit etwas wenig Spannung. Der Langenmorgen daneben ist wesentlich eleganter, dicht, kühl, delikat. Der Hohenmorgen wieder softer, tropischer, cremiger, voll auf Charme.

Christmanns Idig sticht absolut hervor mit einer sehr eigenen Nase. Schon letztes Jahr einer besten Weine. Helle Mineralik, irgendwo zwischen weißem Feuerstein und Kalk. Extrem tiefe, erhabene, weiße Frucht mit zarter Extraktsüße, zerriebene Mandeln, enorm fein, geschliffen-elegant wie aus einem Guss wirkend auf feinem Hefepolster. Im Mund unglaublich ausgewogen, feinsalzig, samtig-weiche Haptik, vielschichtig und einnehmend, den Mundraum lange belegend, weißfruchtig, feinziseliertes Säurerückgrat mit hoher Präzision, nobel-zurückhaltender Fruchtausdruck, ganz feine Gesteinsnoten, mehlig-kreidig. Große Länge, die von sehr geschliffenen Gerbstoffen im Nachhall getragen wird. Mit der Hermannshöhle und Kühns Doosberg wohl der erhabenste und eleganteste Wein der Veranstaltung. Groß (97–100/100).

Familie Rebholz

Aus dem Süden brilliert Familie Rebholz’ Kastanienbusch, der sicher von seiner kühleren Lage profitiert hat. Feine Frucht, hell-mineralisch unterlegt, grüne Birne, saftiger Sommerapfel, zarter Pfirsich, schöne Reife anzeigend, aber auch kühl-kräuterig wirkend, gelbe Blüten. Im Mund viel Nektarine, satte Frucht, gelb und rot, mit viel Schub von unten, warmer Sandstein, sehr würzig, viel steinige Wärme im langen, aromatischen Nachhall. Sehr delikat, was für ein Charmewunder dieses Jahr, aber mit perfekter Balance zwischen Mineralik und Frucht. Die charakteristische Rebholz-Säure ist samtig-reif (96–98/100). Ebenfalls einer der besten Weine der Pfalz.

Von Winning setzt wegen Umsetzung ihrer Late-Release Strategie dieses Jahr komplett aus in Wiesbaden, nächstes Jahr werden dann die 2018er gezeigt.

Bürklin-Wolf hat seine Strategie der längeren Reife schon etabliert und zeigt furiose 2017er. Pechstein mit gelbwürzige Nase, leicht reduktiv, wirkt hell und rauchig, eher karg. Der Mundeintritt ist fast brachial, einschneidende Säurestruktur, fester phenolischer Griff im Kern, der bis in den Nachhall anhält. Feine Mischung aus weißer und gelber Frucht, immens dicht und tief, aber wie zugenagelt momentan, straff und sehnig, gibt kaum etwas preis. Leicht rauchig-würzig, feuersteinig, vibrierende Mineralik auf der Zunge, feinsalzig, aber sehr bissig. Extreme Weine von Bürklin aus 2017, ich mag das. Aber Nicht-Freaks kann man das jung kaum vorsetzen. Dafür wird es in ein paar Jahrzehnten sicher monumental groß sein. Voll auf Potenzial gebaut (97–100/100). Buhls Pechstein daneben mit einer charmanteren Nase, elegant-helle Frucht, weißer Pfirsich, helle Birne, cremig mit feiner Dichte, aber auch noch leicht zurückgezogen aktuell. Der Gaumen ist samtig und von feinem Hefeschmelz getragen, fast etwas süßes Brioche, aber kein Gramm Zucker oder Fett, eher athletisch gebaut, dennoch charmant. Zurückhaltend-elegant und stilvoll, genau wie Mathieu Kauffmann selbst. Ein stiller und doch so ausdrucksstarker Wein. Große Klasse (97–98+/100)!

Bisher verantwortlich bei Buhl: Mathieu Kauffmann und Richard Grosche

Das Kirchenstück aus gleichem Haus hat die typische, erhaben-weißfruchtige Nase von großer Tiefe und Dimension. Hefewürzig, hellmineralisch mit dunklem Feuersteinkern, glockenklar, cremig, extrem nobel. Der Gaumen ist feinfühlig und zeigt viel Schmelz, kleidet den Gaumen in weißgelbem Samt aus. Die ultra-elegante Säure gibt eine schwebend-intensive Struktur. Monumentale Länge. Ein großes Vermächtnis, wenn Mathieu Kauffmann denn traurigerweise Buhl verlassen sollte. Ein tragischer Verlust. Ein großer Riesling mit magischer Erhabenheit, die ganz großartig zu dieser gekonnten Handschrift passt (96–99/100).

Mosel – die ältesten Reben

Eine der Regionen, die mir insgesamt sehr gut gefallen hat, war die Mosel. Hier gibt es einen entscheidenden Vorteil in Jahren wie diesem: mit die ältesten Rebbestände Deutschlands. Das hilft bei Trockenheit maßgeblich.

Los geht es genau wie letztes Jahr mit der Terrassenmosel, also an den hängenden Gärten von Winningen. Knebel und Heymann-Löwenstein klettern hier die Wände hoch. Knebels Röttgen rassig, leicht zitrisch, schön trocken, auch steinig-herb, feste Struktur im Nachhall, sehr gut (94–95+/100). Heymann-Löwenstein daneben wie immer dichter, ein bisschen üppiger, mit einem Charmepolster ausgestattet. Reife Zitrusfrucht, tatsächlich etwas weniger tropisch als es in manchen Jahren der Fall ist. Aber satte Schieferwürze. Der Gaumen ist für Löwenstein’sche Verhältnisse durchaus sehr fein, aber auch mundfüllend in der gewohnten, cremigen Manier, die die Weine so sehr auszeichnet. Große Länge, sehr nachhaltig in der Aromatik, heller Tabak, Gesteinsmehl und feinkräuterig mit zarter Extraktsüße. Kaum phenolische Bitternis dieses Jahr, Röttgen ist extrem charmant in 2018 (95–96/100). Knebels Uhlen ist blaufruchtiger, herber und fester als der verspieltere Röttgen und genauso gut, noch einen Tick besser sogar.

Reinhard Löwenstein

Heymann-Löwensteins Uhlen Blaufüsser Lay hat eine minzig-kühle Nase, typisch Blauschiefer, rassig und spannungsgeladen, aber gleichzeitig sehr ruhig, sehr ausgeglichen, fast an die Erhabenheit eines Rothlay erinnernd. Dazu noble weiße Frucht, helle Birne, Zitruszesten, die Mineralik wirkt heller als vom Uhlen gewohnt. Weniger dunkel-tabakig wie sonst manchmal, eher saftig-hellfruchtig-tänzenld-fein. Hey-Lö hat 2018 wirklich eine Charmeoffensive gestartet. Der Gaumen ist expressiv-druckvoll, fast schiebend in der steinigen Mineralik, Eukalytus, Quitte, Nektarine und etwas süßherbe Bitterorangenschale im Ausklang. Sehr langer, erhabener Nachhall mit glockenklarer Aromatik und toller Balance. Ganz großartig und mein Liebling hier (96–99/100).

Der Uhlen Laubach ist noch ruhiger, ausgeglichener, kräuteriger, zitrisch-weißfruchtig. Der Mund ist hingegen ebenso explosiv und steinig, aber etwas geschliffen-milder wirkend, ultra-elegant, aber für etwas weniger hinreißend, nicht so packend wie der Blaufüsser. 95–96+/100

Rita und Clemens Busch

Clemens Busch Marienburg war bereits im Frühjahr einer meiner Lieblingsweine an der Mosel. Sehr erhaben in der offenherzigen, umarmenden Wärme von Clemens Weinen, dazu fast brachiale Gesteinsmassen. Voluminöse Frucht mit weißem und rotem Pfirsich, Aprikose reif und unreif, Mandarineneinsprengsel, weiß-gelb- und rotfruchtig, sehr komplex, etwas tabakig, auch extrem(!) steinig in der Nase und nochmals mehr im Mund, saftig und sehr würzig, getrocknetes Basilikum, Anis und Fenchel, auch eine feine Süße aus der Orangenschale, langer, fest verwobener Abgang, der vor allem kompromisslos steinig mit feinen Zitrusnuancen daherkommt. Mag vielleicht manchem zu extrem sein, ich finde das grandios (95–98/100).

Dr. Loosens Treppchen kommt daneben sehr straight und kristallin-klar aus dem Glas, hellfruchtig mit weißem Pfirsich, weißer Johannisbeere, auch etwas Weichselkirsche. Der Mund ist ein stein-geprägtes Ereignis, explosiv, rassig, fast karg, weil die steinige Aromatik so sehr schiebt, dabei gibt es hier auch Frucht ohne Ende (95–97/100).

Ernie Loosen

Noch einen drauf setzt dann der Würzgarten, vom Treppchen nur durch den Erdener Prälat getrennt. Erhabener und paradoxerweise sogar etwas zurückhaltender in der Nase. Im Mund reif, weich und mit viel schieferigem Schmelz, viel Extraktsüße in der weißen Frucht mit leicht rötlichen Einschüben, viel roter Pfirsich, Cantaloupe Melone, tropisch werdend. Aber was ist das für eine enorme Länge?! Der Wein hört gar nicht mehr auf hintenraus, baut sich immer weiter auf, schiebt und drückt mit reifem Steinobst über Gesteinsmassen. Anfangs wohl unterschätzt, nach einer Minute dann definitiv vom Gegenteil überzeugt. Wow (95–97+/100)!

Dann zwei Mal Schloss Lieser, zwei Mal Fritz Haag, also die Haag-Brüder nebeneinander. Fritz Haags Juffer mit einer tollen Mischung aus erdig-wirkender Mineralik und voluminöser, tiefer Frucht. Mit karamellisierter Zitrone, vollreife Aprikose sorgt für Dichte und Charme, cremig, schmelzig. Aber die satte Steinigkeit verleiht Präzision und bewahrt vor dem in die Breite gehen. Am Gaumen rassig und druckvoll mit kräftiger, mundfüllender Frucht, die total einnehmend und cremig daherkommt. Dann kommt wieder diese fast brachiale, kristallin geschliffene, Brauneberg-erdige Mineralik zum Tragen, die dem Wein eine selten dagewesene Präzision und einen kräftigen Unterbau zur fast opulenten Fruchtintensität gibt (94–97/100).

Schloss Lieser, Thomas und Ute Haag

Seine Juffer-Sonnenuhr daneben mit einer wunderschön hellen Nase mit blitzsauber herausgearbeiteter Schieferwürze. Strahlend klar, weißer Pfirsich und weiße Johannisbeere, ultrafein, stramme Spannung aus grüner Aprikose, Zesten von milder Limette und herb-erdiger Quitte. Irgendwie straff und anschmiegsam zugleich, alles vereint sich zu einem mir unerklärlich wohltuendem Kern aus reinster gelbweiß-fruchtiger Eleganz und Delikatesse. Die Krönung einer herrlichen Kollektion 2018 für Oliver Haag (97–98+/100). Thomas Haags Juffer-Sonnenuhr daneben wie immer reduktiver, verschlossener, extremer. Dafür präzise geschliffen undso reintönig und klar wie es nur geht. Total anderer Stil, am Gaumen aber ähnlich harmonisch und fruchtvoluminös dieses Jahr.

Am besten gefällt mir von Schloss Lieser allerdings das Piesporter Goldtröpchen. Es zeigt herbe Würze, druckvoll, schiebend, massiv steinig, karg im Geradeauslauf. Aber auf Grund der ebenso hohen Reife der Frucht nicht abweisend oder anstrengend, geradezu angenehm am Gaumen, fein und elegant, trotz des extremen Oszillographen aus Gesteins- und Fruchtintensität. Die bemerkenswert zupackende Säure verleiht ein Höchstmaß an Präzision. Top (97–98+/100)!

Weingut Fritz Haag, Oliver Haag

Die Saar war 2018 teilweise von Trockenstress gebeutelt. Florian Lauers Weine haben sehr lange gegoren, bis weit ins Frühjahr hinein, ich war zwei Mal dort in dieser Zeit. Und das Ergebnis ist super. Lauers Kupp elegant und weißfruchtig, aber mit tropischer Spitze hintenraus. Dazu Austernschale, gelbe, leicht üppige Birne, auch Dosenananas, alles deutlich weniger süß als es klingt, Zitrus und Stein bleiben dominant. Am Gaumen dann viel weicher als erwartet, auf Samtpfoten daherkommend, viel weißfruchtig-zitrisches Understatement und doch mit satter, phenolischer und feuersteinig-anmutender Griffigkeit im Ausklang. Eine feine mineralische Schärfe liegt in dieser Kupp, gleichermaßen etwas extrem und doch samtig, paradox-gut (95–96+/100).

Zillikens Kupp mehr auf der Saar-typischen Frucht, grüner Apfel, reife und etwas grüne Aprikose, glockenklar und reintönig, gänzlich ohne Schörkel und mit viel Liebreiz. Im Mund kommt mehr Schieferrasse, aber immer noch viel charmante Frucht dazu. Satter Schub aus der hohen Reife des Jahrgangs, Zilliken mit wärmenden Händen im Rücken dieses Jahr, entzückend (95–96+/100). Und komplett anders als Lauer, aber genauso gut. Es lebe die Vielfalt.

Florian Lauer – Dorothee Zilliken

Lauers Schonfels ist dann vollends grandios. Hammermäßig feine Saar-Rieslingnase, fast etwas an den Scharzhofberger von Volxem erinnernd in dieser Erhabenheit und Eleganz. Strahlend-kristalliner Charakter, helle Frucht, Zitrus in Kandis und Salz gewälzt, milde Limettenschale, Grüntee und Zitronengras. Der Gaumen ist herbsaftig, viel Quitte und Orangensüße, dicht und cremig. Weniger Zug als 2017, dafür mit mehr Charme und noch etwas mehr Volumen und Schub als sonst. Beeindruckend welche körperbetonte Reife die Saar 2018 hervorgebracht hat, ohne ihre Spannung ganz zu verlieren, aber definitiv weniger bissig als sonst (96–97/100).

Dann wird es legendär mit zwei Scharzhofbergern, einmal normal, einmal Pergentsknopp. Letztes Jahr war van Volxem einer der absoluten Überflieger und auch dieses Jahr ist das brillant. Der Scharzhofberg mit einer sehr erhabenen, leicht reduktiv-noble Nase, von der Hefe geprägt. Die Frucht ist kristallin und eher hell, aber momentan noch bedeckt. In Gesteinsmehl gepuderter Pfirsich und reife Limette, insgesamt sehr kanalisiert, stromlinienförmig, dicht verwoben. Aristokratisch in der Feinheit mit einem elektrisierenden Spannungsfeld aus Hefewürze, Schieferrasse, zartem Holzschmelz und eleganter Frucht. Das selbe Spiel am Gaumen, die Frucht leicht bedeckt, hell und mineral-kristallin. Perfekte Balance aus charmanter Fülle mit Aprikose und extraktsüßer Grapefruit und steiniger, aber erhabener Rasse. Fast beißende Persistenz der Aromatik und dabei doch so Saar-artig ultrafein. Ehrfurchtgebietend (96–99/100).

Roman Niewodniczanski, Van Volxem

Die Nase des Scharzhofberger-P ist etwas intensiver, auch fruchtexpressiver, aber nicht weniger nobel als die des normalen Scharzhofbergers. Ebenfalls mit maximal geschliffener Präzision, keine Schärfe, keine Bissigkeit, nichts Aggressives liegt in diesem Saarwein. Die reinste, Ausgeglichenheit in ruhender Kraft. Hier kommt auch Nashibirne in der größeren Tiefe hinzu mit raumgreifender Haptik aus dem Zusammenspiel der hohen Reife der Trauben, des Hefelagers und des Holzausbaus. Dazu die Scharzhof-typische, grün-rosige Aprikose, wie sie auch Egon Müllers Weine häufig haben. Alles ist eingehüllt in einen mineralischen Schleier wie aus weißer Seide. Der Mund ist noch feiner, noch schwebender, noch getragener als beim Scharzhofberg, Saar-tänzerisch vom Feinsten (97–100/100).

Die Familie Schubert präsentiert einen enormen Abtsberg, der sich vielleicht noch etwas deutlicher als sonst von Herrenberg und Bruderberg abheben kann. Der Abtsberg zeigt auch in 2018 eine sehr typische Nase mit Grüntee und Waldhonig über dunkler Schieferwürze, dazu kandierte Zitrusfrucht, Akazie, etwas Harz. Nelkenpfeffer und Kastanie in der erdigen Würze, leicht süßlich-schmelzig werdend. Unglaublich reif, satt und charmant im Mund, fast opulent, dann mild und geschliffen in feinherber Salzigkeit zerfließend, Quitte und Mandarine mitsamt Schale, durchaus auch etwas herb. Enorm saftig und verdichtet. Ein ausgesprochen vollreifer, cremig-feiner Ruwerriesling, das gibt es auch nicht alle Jahre. Das passt ganz hervorragend (96–98+/100). Herrenberg und Bruderberg sind zitrischer, karger und moseltypischer. In diesem Ausnahmejahr 2018 wird die Grandiosität des Abtsberg hier überaus deutlich. Vor allem seine Fähigkeit zu höherer Reife, ohne aber die Eleganz und das Tänzerische zu verlieren.

Familie Schubert, Maximin Grünhaus

Auch an der Mosel gibt es ein paar Late-Release Weine und hier glänzenden vor allem zwei absolute Klassiker. Heymann-Löwensteins 2017er Roth Lay. Satte, reife, erhabene Nase mit viel Schieferwürze, reifer Quitte, Mirabelle und ganz leichtem Honiganflug, vibrierend. Im Mund mit voluminöser gelber Frucht und dunkler Würze, Nektarine und Orangenschale, alles von einer leichten Akazienhonig-Süße getragen. Eine sehr feinziselierte Säurestruktur sorgt für ein samtiges Mundgefühl, ruhig und getragen, komplex, mehrdimensional und mit satter aromatischer Persistenz. Große Länge und feine Spannung im Jahr 2017. Ein erhabener Moselwein im ganz eigenen Heymann-Löwenstein-Stil. Diese ganz besondere Haptik, diese Aromatik, dieses Zusammenspiel aus oxidativen und reduktiven Elementen, mundfüllendem Körper und leichter volumengebender Süße. Das passt doch ganz hervorragend zusammen, wenn man es denn als Gesamtkunstwerk begreift. Klar wirkt das etwas barocker, etwas aus der Zeit gefallen, hat sich eben nie verbogen. Dennoch, oder gerade deswegen ein großer Wein. Zeitlos (97–100/100).

Vom selben Kaliber und mit nicht unwesentlichen Ähnlichkeiten in Aroma und Charakter präsentiert sich Dr. Loosens Würzgarten Reserve. Als 2013er ist es der reifste hier gezeigte Wein. Sehr kräuterige, leicht Honig-kandierte Nase, Muskatnuss und Lindenblüte, Ingwer, tänzelnd und verspielt, zarte Aprikose und helle Birnenfrucht. Eine schön reife, erhabene Mosel-Nase ohne Bissigkeit oder Zitrusfrucht. Der Gaumen ist cremig und dicht, enorm würzig, rotfruchtig, Waldhimbeere, Nektarine, etwas Blütenhonig. Samtig-feine Säure auf einem festen Gerbstoffgerüst, rassig, fast Ingwer-scharf in der Mineralik und doch einnehmend balsamisch zugleich. Ja, vom gleichen Schlag wie Löwensteins Roth Lay, aber etwas schlanker, was auch am Jahrgang liegen kann (98/100).

Was bleibt am Ende?

Was für ein schöner Abschluss mit zwei zeitlosen Meisterwerken. Was bleibt am Ende zu sagen über das denkwürdige Jahr 2018? Ich habe mir schwerer getan als letztes Jahr, eine bestimmte Region vorne zu sehen. Eher hat es sich so gezeigt, dass sich immer wieder einzelne Erzeuger positiv hervorgetan haben. Mosel, Saar und Ruwer haben mir insgesamt sehr gut gefallen. Die Nahe hat ordentlich Power dieses Jahr, einige kamen damit besser klar, andere weniger. Rheinhessen wirkt da in der Spitze manchmal sogar rassiger. Verkehrte Welt. Schätzel, KP Keller und Wittmann haben dem Jahrgang meisterlich getrotzt. Bischel und Gunderloch sind grandiose Aufsteiger und haben sich schon jetzt etabliert. Aus dem Rheingau waren neben den Bluechips einige positive Überraschungen dabei. P. J. Kühn ist immer im eigenen Universum unterwegs. Die Pfalz war mir teilweise zu tropisch-fruchtig, die besten waren aber on-point und sehr, sehr gut. Philipp Kuhn hat wohl eine seiner besten Kollektionen aufgestellt. Mathieu Kauffmann hat mit den 2017ern nochmal ein Ausrufezeichen für seinen tollen Stil gesetzt. Ich wäre traurig, wenn es anders werden würde. Wer sollte das besser machen? Bürklin mit 2017ern, die 20 Jahre in den Keller gehören, aber dann alles überstrahlen werden.

Fazit: Einfach genießen

Die Jahrgangs-Diskussion ist doch am Ende müßig. Es gibt in 2018 genauso herausragende Weine wie in 2017 und 2016, obwohl sie unterschiedlicher nicht hätten sein können. Wie gut das Jahr WIRKLICH war, wissen wir vielleicht in 20 Jahren. Also warum jetzt alles hinterfragen? Einfach zurücklehnen und genießen was schmeckt, davon gibt es in jedem Jahrgang mehr als genug.


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